Die Diskussion um den neuen Wehrdienst hat auch die Diskussion wieder neu entfacht, was passiert, wenn junge Männer den Dienst an der Waffe verweigern, sollte der Bundestag doch eine Bedarfswehrpflicht beschließen. Wird es dann wieder, wie früher, einen Zivildienst geben? Und welche Auswirkungen hat das beispielsweise auf die Freiwilligen Dienste, die freie Träger und die Bundesregierung anbieten?
Wer ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren möchte, findet beispielsweise mithilfe des Vereins Freiwillige Soziale Dienste im Bistum Aachen e. V. (FSD) entsprechende Stellen im In- und Ausland. Rund 250 junge erwachsene Menschen zwischen 16 und 27 Jahren leisten aktuell im Bistum Aachen ihr freiwilliges soziales Jahr. Einer davon ist der 20-jährige Frithjof Lücking aus Lüneburg. Er leistet seinen Dienst in einer Offenen Ganztagsschule. „Ich möchte in Aachen Biotechnologie studieren und vor dem Studium bewusst etwas mit Menschen machen und die Stadt kennenlernen.“
Insgesamt sei die Situation stabil, sagt FSD-Geschäftsführer Jürgen Roth. Zwar seien die Zahlen der FSJler und Bufdis rückläufig, aber ein großer Einbruch blieb aus. „Wir haben gegenüber dem Vorjahr acht Prozent weniger, das ist richtig, richtig gut“, sagt Roth. Aktuell beschäftigt ihn die Umstellung von G8 zurück auf G9, denn dadurch fehlt in diesem Jahr ein ganzer Abiturjahrgang.
Etwa 40 Prozent aller, die sich um ein freiwilliges Jahr bewerben, haben Abitur. In diesem Jahr lag die Zahl der Bewerbungen durch die G8/G9-Umstellung niedriger. „Wir haben eher das Problem, dass sich zu wenig Einrichtungen bei uns melden, die Stellen für ein freiwilliges soziales Jahr oder einen Bundesfreiwilligendienst anbieten wollen.“ 980 Euro inklusive Bildungspauschale und Sozialversicherungsbeiträgen kostet den Träger eine FSJ-Stelle im Monat, bei den Bufdis ist es etwas weniger: 750 Euro. Es gibt finanzielle Zuschüsse von Bund und Land, die aktuelle Bundesregierung hat die Fördermittel für das FSJ sogar deutlich erhöht, jedoch sind viele Einsatzstellen aktuellen Sparzwängen unterworfen.
In Deutschland gibt es die freiwilligen Dienste seit 1954, als „Diakonisches Jahr der evangelischen Kirche“. 1959 adaptierte die katholische Kirche das Konzept. In Aachen gründete die Frauenjugend 1961 die Arbeitsgemeinschaft „Jahr für den nächsten“. Neun junge Frauen versahen ihren Dienst in verschiedenen Einrichtungen und erhielten dafür ein Taschengeld von 50 D-Mark. Mit der Erweiterung auf Auslandsdienste in den 1990er Jahren gewann das Angebot an Attraktivität. „Bischof Hemmerle waren die Freiwilligendienste ein großes Anliegen“, sagt Uta Hillermann, pädagogische Mitarbeiterin für den Auslandsbereich.
Wie und ob sich die Situation für die Freiwilligendienste durch den neuen Wehrdienst verändert, lasse sich noch nicht absehen, sagt Jürgen Roth. Er selbst kennt noch die Zeit der Wehrpflicht und hat Zivildienst in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung geleistet. „Daneben war der Freiwilligendienst eine weitere Option, wenn man weder Wehr- noch Zivildienst leisten wollte.“ Die Freiwilligendienste waren für junge Männer ein Ersatzdienst zum Ersatzdienst. Das könnte, sollte es doch zu einer Wiedereinführung der Wehrpflicht kommen, wieder so sein. Derzeit werde das Zivildienstgesetzt novelliert, ein Entwurf soll bis Ende des Jahres fertig sein. „Wie das aussehen soll, ist allerdings noch unklar“, sagt Roth.
Da wäre zum Beispiel die Frage der Vergütung. Für eine Grundausbildung bei der Bundeswehr gibt es 2600 Euro pro Monat, bei einer Verpflichtung von mindestens zwölf Monaten ist die finanzielle Förderung des Führerscheins möglich. Damit können die Freiwilligendienste kaum konkurrieren. Aktuell werden monatlich 483 Euro an die Freiwilligen ausgezahlt, im kommenden Kursjahr steigt der Betrag auf 495 Euro. Um den Lebensunterhalt zu finanzieren, reiche das kaum, sagt Carla Ganser, pädagogische Mitarbeiterin beim FSD: „Für viele ist das freiwillige soziale Jahr eher ein Privileg.“
Und auch wenn das Geld keine Rolle spielen würde, wäre da noch die demographische Entwicklung. „Es gibt insgesamt schlicht weniger Nachwuchs“, sagt Jürgen Roth und gibt außerdem zu bedenken: „Freiwillig heißt auch, sich dafür entscheiden zu können, gar nichts zu machen. Diese Freiwilligkeit wäre wieder eingeschränkter, sollte es wieder eine Wehrpflicht geben.“
Fritjhof beschäftigt die aktuelle Diskussion, auch, wenn er nicht direkt davon betroffen ist. „Generell ärgert es mich schon, denn junge Leute sind in der Politik unterrepräsentiert. Auf der anderen Seite finde ich es richtig, dass man darüber redet.“ Er hat seine Entscheidung für ein Freiwilliges Jahr nicht bereut. „Ich habe viel Selbstvertrauen gewonnen. Auch wenn ich danach etwas anderes mache. Wenn ich das, was ich gelernt habe, mit meinem Studium zusammenbringen kann, kann ich nur profitieren.“
Doch auch Vorurteile kennt er, bekam aus seinem weiteren persönlichen Umfeld zu hören, ein Freiwilliger Dienst sei etwas für Faule. Seine Eltern hingegen haben ihn unterstützt: „Meine Mutter arbeitet bei der Lebenshilfe, sie hat mich sehr bestärkt.“ Würde er eine Reservistenausbildung in Erwägung ziehen? „Das ist eine Abwägungssache“, findet der 20-Jährige. „Einerseits will niemand Krieg. Aber im Zweifel würde ich die Demokratie verteidigen wollen.“ Auch Jürgen Roth sieht die Frage differenziert. „Als ich mich für den Zivildienst entschieden habe, war die Welt eine andere, also war auch die Entscheidung eine andere.“
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