Freiwilliger Wehrdienst

Zwei Männer erläutern, warum sie sich für und gegen den Dienst entschieden haben.

Kann ich einen Wehrdienst mit meinem Gewissen vereinbaren? Diese Frage stellen sich bis Jahresende etwa 300.000 junge Männer. (c) 7AV 7AV/unsplash.com
Kann ich einen Wehrdienst mit meinem Gewissen vereinbaren? Diese Frage stellen sich bis Jahresende etwa 300.000 junge Männer.
Datum:
15. Juli 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 15/2026 | Marco Führer

 Kann ich einen Wehrdienst mit meinem Gewissen vereinbaren? Etwa 300.000 junge Männer stellen sich bis Jahresende dieser Frage. Nach ihrem 18. Geburtstag erhalten sie Post von der Bundeswehr – und müssen einen Fragebogen beantworten, in dem es um ihr Interesse an einem freiwilligen Wehrdienst geht.

Der Kempener Connor Clever hat im Januar seinen 18. Geburtstag gefeiert, den Fragebogen hat er längst abgeschickt. „Für mich war sofort klar: Meine Motivation für freiwilligen Wehrdienst ist gleich Null. Und das nicht nur, weil ich Gewalt ablehne.“ Clever kritisiert, dass jungen Männern mit dem Fragebogen eine Entscheidung aufgedrängt werde, über die viele noch gar nicht nachgedacht hätten. „In unserem Alter finde ich es schwierig, einen Wehrdienst zu leisten.“ Er kenne kaum jemanden, der den Dienst nicht ablehne – und die wenigen, die ihn befürworten, würden den Zeitpunkt für ungünstig halten. „Wir stehen kurz vor dem Abitur und haben gerade andere Sorgen.“
Hinzu komme, dass ein Wehrdienst immer mit Risiken verbunden sei, sagt Clever. „Das Thema Krieg hinterlässt bei mir und vielen in meinem Bekanntenkreis ein ungutes Gefühl.“

Doch der 18-Jährige, der sich bei der KjG St. Hubert Kempen engagiert, zeigt auch Verständnis. „Mit dem Wehrdienst sichern wir natürlich die Soldaten im Land. In Krisenzeiten ist das meiner Meinung nach wichtig“, erläutert er.

Wehrdienstalternativen wie einem Zivildienst steht Clever aufgeschlossen gegenüber. „Ich finde aber, dass jeder Dienst freiwillig sein muss. Ein Pflichtdienst raubt Menschen, die früh in den Beruf oder ins Studium starten wollen, viel Zeit.“ Außerdem halte er es im Zuge der Gleichberechtigung für wichtig, dass sowohl Männer als auch Frauen einen Dienst leisten können. Tatsächlich erhalten auch junge Frauen den Fragebogen von der Bundeswehr. Sie müssen ihn aber nicht ausfüllen.

Arno Odermatt ist 20 Jahre alt. Damit liegt er knapp über dem Alter derjenigen, die den Wehrdienstfragebogen erhalten. Für Odermatt hätte sich die Gewissensfrage aber ohnehin nicht gestellt. Der 20-Jährige absolviert aktuell einen Bundesfreiwilligendienst bei der Kolpingjugend in Mönchengladbach – und geht demnächst freiwillig zur Bundeswehr.

„Ich möchte mich als Soldat auf Zeit verpflichten lassen, um Notfallsanitäter zu werden“, sagt er. Die Bundeswehr sei eine Verteidigungsarmee, moralisch könne er den Dienst also problemlos vertreten. „Wenn die Bundeswehr irgendwo im Einsatz ist, hat das einen guten Grund.“ Doch selbst auf Menschen schießen wolle er nicht, wenn es sich vermeiden lasse. „Ich will lieber auf andere Art unterstützen, die Soldaten im Notfall versorgen. Ich sehe es als meine Pflicht an, ihnen zu helfen.“ In seinem Bekanntenkreis gebe es einige, die ähnlich wie er denken würden. Sie hätten sich bereits für einen Dienst bei der Bundeswehr verpflichtet.

Der Einsatz für andere ist dem 20-jährigen Odermatt grundsätzlich wichtig. Vor seinem Freiwilligendienst bei der Mönchengladbacher Kolpingjugend hat er sich in der Altenhilfe engagiert.

Seit Anfang des Jahres verschickt die Bundeswehr an alle Männer und Frauen des Jahrgangs 2008 mit deutscher Staatsbürgerschaft einen Online-Fragebogen. Mit dem Fragebogen will die Bundeswehr herausfinden, wer Wehrdienst leisten möchte und wer überhaupt für einen Dienst geeignet ist. Unter anderem erhebt der Fragebogen Qualifikationen und körperliche Leistungsfähigkeit. Die Bundeswehr schreibt auf ihrer Website, dass der Wehrdienst grundsätzlich freiwillig sei – für Männer sei es lediglich verpflichtend, den Fragebogen auszufüllen. Geeignete Kandidaten lädt die Bundeswehr zur Musterung ein. Sie können danach sechs bis elf Monate Wehrdienst leisten oder sich als Soldat auf Zeit für einen längeren Zeitraum verpflichten lassen.