In der Nacht auf den 4. Januar ließ die US-amerikanische Regierung den venezolanischen Staatspräsidenten Nicolás Maduro entführen und verhaften. Kurz danach drohte US-Präsident Trump auch dem kolumbianischen Präsidenten Gustavo Petro. Ein Gespräch mit Stephan Miethke, bis 2019 als Friedensfachkraft der AGEH (heute AGIAMONDO; ZFD-Programm des BMZ) bei der Nationalen Versöhnungskommission der kolumbianischen Bischofskonferenz tätig. Miethke lebt in Kolumbien.
Kirchenzeitung: Wie ordnen Sie die Festnahme Maduros ein?
Stephan Miethke: Um eines klar zu sagen: Nicolás Maduro war ein Diktator, den demokratische Spielregeln nicht interessierten. Aber seine Verhaftung war ein klarer Bruch des Völkerrechts. Da stimme ich mit Kai Amboss überein, ein Völkerrechtler, der auch in Kolumbien hoch angesehen ist. Der Kampf gegen den Drogenhandel war ein vorgeschobenes Argument, der Zugriff auf venezolanische Ölreserven und Bodenschätze steht im Vordergrund.
Wie hat die kolumbianische Regierung reagiert?
Miethke: Der kolumbianische Präsident Gustavo Petro hat die Präsenz des Militärs entlang der venezolanischen Grenze verstärkt, doch das ist eher Symbolpolitik. Die venezolanisch-kolumbianische Grenze ist über 2000 Kilometer lang, verläuft meist durch Regenwald-Gebiet. Zugleich hat er angewiesen, das venezolanische Geflüchtete aufgenommen und erstversorgt werden. Aktuell hat es aber keine größeren Migrationsbewegungen aus Venezuela gegeben. Die rund 2,7 Millionen geflohenen Venezolanerinnen und Venezolaner haben das Land infolge der Armut und zunehmender politischer Repression nach der Machtübernahme Maduros 2014 vor allem ab 2017 verlassen.
Wie ist die Situation aktuell?
Miethke: Ich kaufe mein Brot beim Bäcker, eine der Verkäuferinnen ist Venezolanerin. Auch mein Friseur stammt aus Venezuela. Im Niedriglohnsektor besteht seitens der kolumbianischen Bevölkerung eine unwillkommene Konkurrenz mit den venezolanischen Geflüchteten. Aber es ist mehr ein Gegrummel, kein offener Konflikt.
Kurz nach der Verhaftung Maduros hat Trump gedroht, es könne in Kolumbien eine ähnliche Operation geben. Was hat sich da bewegt?
Miethke: Die Bedrohung ist relativ zu sehen. Petro ist demokratisch gewählt und auch nur noch ein halbes Jahr im Amt. Petro ist für Trump insofern ein rotes Tuch, weil er sich als links bezeichnet hat. Petro hat auf die Drohungen pfiffig reagiert, indem er Trump angerufen hat. Vor allem ging es um die Unterstützung gegen die ELN, die sich, um dem kolumbianischen Militär zu entgehen, oft hinter die venezolanische Grenze zurückgezogen hat. Maduro ließ sie gewähren. Möglicherweise ist die neue Regierung kooperativer. Ich glaube, Petro möchte so politischen Druck auf die ELN auszuüben, um einen Waffenstillstand auszuhandeln. Denn die ELN ist nicht so strukturiert wie die FARC, mit der es ein Abkommen gibt.
Was bedeutet Trumps Verhalten lang- bis mittelfristig für die lateinamerikanischen Länder?
MIethke: Die lateinamerikanischen Länder sind gespalten. Die rechten Regierungen empfinden durchaus Sympathie für Trump. Auf der anderen Seite ist man sich einig: Wir sind Lateinamerika. Die Donroe-Doktrin Trumps, die den Machtanspruch der USA auf die westliche Hemisphäre betont, hat eher zu mehr Selbstbewusstsein geführt und dazu, sich nach anderen Partnern umzusehen. Ein Beispiel dafür ist das Mercosur-Abkommen. Man will nicht nur der Hinterhof der Vereinigten Staaten sein.