"Zu Tisch – alle!?"

Eine lange Tafel deckt auf, wie sich Menschen ohne Arbeit fühlen

(c) Dagmar Meyer-Roeger
Datum:
20. Mai 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 11/2026 | Sabine Rother

Geschirr mit Goldrand, das „Gute“, das nur an Feiertagen und beim Verwandtenbesuch aus dem Schrank geholt und nochmal poliert wird – es funkelt zusammen mit Tassen, schönen Gläsern und Silberbesteck auf einer langen Tafel auf blauer Tischdecke im Aachener Domhof, doch da hat sich etwas verändert. Teller, Tassen, Kannen und Kännchen tragen Sprüche und Gedanken – mahnen dringlich in blauer Schrift auf weißem Porzellan, wünschen sehnsüchtig:  „Alle an einen Tisch“, verkünden „Liebe geht durch den Magen“, aber auch eine traurige Feststellung wie „Arbeit ist Menschenwürde“ oder „Aussortiert“ – nicht nur das Geschirr. 

„Wir haben alles für diese Tafel in unseren Sozialkaufhäusern gefunden“, erzählt Kathrin Henneberger, Referentin für Fragen der Arbeitswelt und Betriebspastoral im Bistum Aachen sowie des Koordinationskreises kirchlicher Arbeitsloseninitiativen, die zusammen mit vielen Helferinnen und Helfern zum Erstaunen zahlreicher Bürgerinnen und Bürger im Schatten des Doms einen festlichen Tisch stilvoll mit Esstellern, Untertellern, Kaffeetassen und Weingläsern, Messern, Gabeln bis zum Nachtischlöffel gedeckt hat – Kerzen und Etageren für Obst oder Süßigkeiten inklusive. Ziel sind Einsichten und bittere Wahrheiten.

Stilvoll gedeckt, Kerzen und Etageren für Obst oder Süßigkeiten inklusive: Die Tafel vor dem Dom ist zwar als Kunstwerk gedacht; sie lädt jedoch nicht nur zum Schauen ein, sondern zum Teilnehmen. (c) Dagmar Meyer-Roeger
Stilvoll gedeckt, Kerzen und Etageren für Obst oder Süßigkeiten inklusive: Die Tafel vor dem Dom ist zwar als Kunstwerk gedacht; sie lädt jedoch nicht nur zum Schauen ein, sondern zum Teilnehmen.

„Zu Tisch – alle!?“ ist das vielschichtige Thema der diesjährigen Jahresaktion des Koordinationskreises kirchlicher Arbeitsloseninitiativen sowie der Solidaritätskollekte des Bistums Aachen, das auf diesem Wege über 30 Projekte – Arbeitsloseninitiativen und Beratungsstellen – unterstützt. Umgesetzt wird eine Idee, die man im Rheinischen Verein „Spectrum“ entwickelt hat, in Kooperation mit der Jugendwerkstatt der Jugendberufshilfe Stolberg für Jugendliche, die besonders große Schwierigkeiten haben, eine Berufs- und Lebensperspektive zu finden, und der Jugendwerkstatt Amotima, Zentrum für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe „Maria im Tann“. Hier werden Jugendliche mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen gefördert. Finanziert wird Amotima durch Mittel des Landschaftsverbands Rheinland, der Stadt Aachen und durch Eigenmitteln sowie Spenden.

 

„Zu Tisch – alle?“, das Motto mit Fragezeichen, ist ein Kerngedanke, der sich niederschwellig und mit Breitenwirkung  „inszenieren“ lässt, denn rasch werden die zentralen Botschaften der Jahresaktion im Geschirr klirrend klar. Nicht bei allen Menschen ist der Tisch gut gedeckt und nicht alle haben eine Gemeinschaft, die sie am Tisch treffen können, wo sie Rat und Beistand finden. Doch das ist es nicht allein, wie Nicole Wölke weiß, Referentin für Erwerbslosenarbeit beim Koordinationskreis kirchlicher Arbeitsloseninitiativen im Bistum Aachen mit Büro im Nell-Breuning-Haus in Herzogenrath. „Die Folgen von Arbeitslosigkeit wirken sich auf Seele und Körper aus“, weiß sie. Junge Leute, die heute mit Problemen zu ihr kommen, sind vielfach Leidtragende der Corona-Pandemie, wie sie es beschreibt, also Jugendliche, die geschlossene Schulen und fehlende Entwicklungsmöglichkeiten nicht kompensieren können. „Da ist von Teilhabe keinen Rede mehr“, sagt sie besorgt.

Glasierte Impulse: Auf selbstgestaltetem Geschirr finden sich Botschaften zu Arbeit, Würde und Hoffnung. (c) Dagmar Meyer-Roeger
Glasierte Impulse: Auf selbstgestaltetem Geschirr finden sich Botschaften zu Arbeit, Würde und Hoffnung.

Auch Anita Zucketto-Debour, Mitglied im Vorstand des Katholikenrates, deckt an diesem Tag den in der Sonne verlockend glänzenden Tisch, der für sie ganz besonders eins spiegelt. „Wertschätzung!“ sagt sie. „Wie heftig wirken sich Vorurteile aus, wenn Menschen unter Arbeitslosigkeit leiden müssen oder keinen Ausbildungsplatz finden.“ Da sind aufgeschriebene und ins Porzellan eingebrannte Sprüche wie „Ich wünsche Dir ein schönes Leben“ schmerzhaft, wecken Nachdenklichkeit.

Im Rheinischen Verein „Spectrum“ weiß Monika von Bernuth, Leiterin der Initiative für langzeitarbeitslose Menschen aus Aachen und der Städteregion, wie sie damit umgehen kann. In Aachen sind es vielfach Frauen unterschiedlicher Nationalität, die dort in Gemeinschaft etwas tun, was sie meist schon in ihrer Jugend getan haben, vielfach sogar in der Familie tun mussten: Handarbeit in allen Varianten vom Nähen über Häkeln und Stricken, Textildruck bis hin zum künstlerischen Gestalten.

Staunt über die Kreativität, die im Projekt zum Ausdruck kommt: Martin Pier. (c) Dagmar Meyer-Roeger
Staunt über die Kreativität, die im Projekt zum Ausdruck kommt: Martin Pier.

Der Tisch der Kollekten-Aktion, Symbol für Solidarität, Respekt und Mitgestaltung, ist unter ihrer Mitwirkung eine glanzvolle Tafel, an der sich bei der Premiere im Aachener Domhof vielfach Menschen spontan niederlassen, miteinander reden, lachen, auch ernsthaft mit Martin Pier, Geschäftsführer für die Regionalen Katholikenräte, ins Gespräch kommen und so eine Problematik aufnehmen, über die sie bisher vielfach noch nicht nachgedacht haben. „Ich staune über die Kreativität, die in diesem Projekt zum Ausdruck kommt“, sagt Pier.

Da fällt der Blick auf die lange Tischdecke – sie ist nicht nur leuchtend Blau, im Farbton, den sich das Bistum ganz frisch gewählt hat, da sind auch Ornamente. „Der Stoff wurde bei „Spectrum“ bedruckt, bestickt und gestaltet“, weiß Kathrin Henneberger. 
Selbst die zierlichen Gestecke, die den Tisch schmücken, bestehen aus Handarbeit – Blumen, die genäht und filigran geformt sind. Wer sich die fünf silbrigen Leuchter auf dem Tisch betrachtet, findet auf den weißen Kerzen übrigens gleichfalls Sprüche, die „einleuchten“ wie „Armut hat keine Lobby“, „Menschsein“ oder „Vorurteile sind schnell serviert“. Wie kommen die Sprüche so aufs Porzellan, dass sie nicht bei der geringsten Berührung verschmieren? „Die Jugendlichen haben nicht nur Texte gesucht, vielfach sogar gegoogelt, Aussprüche von Päpsten, Politikern, und Volksweisheiten“, berichtet Nicole Wölke.

„Was da in schöner Schrift bleiben sollte, ist im Brennofen fixiert worden.“ Und selbst der „lange Tisch“ stammt nicht aus einer Werkstatt für Gebrauchtmöbel. Ausgemessen und so aufgestellt, dass er zusammen mit den acht Stühlen wieder schnell abgebaut werden kann, hat man ihn in einer  Werkstätte der Initiativen – da wackelt nichts.

Im Domhof betont Dompropst Rolf-Peter Cremer als Gastgeber: „Wir öffnen diesen Raum gern, der Dom hat zwar den diakonischen Auftrag, Menschen zu helfen, die in Not sind, aber kein direktes soziales Projekt.“ Hier nutzt man die Möglichkeit zur Information, verteilt nicht nur schriftliches Material, Spendenadressen und mehr, sondern zur Tafel eine besondere Speisekarte, verziert durch eine feine blaue Quaste – das „Menu Social“ mit klassischen Elementen eines edlen Essens, die zur Botschaft werden, wie die „kühl servierte Einsicht“, als Apéritif Clarité, der Gruß aus der Küche wird als „halb gebeiztes Vertrauen“ in Scheibchen serviert, bevor „fragmentierte Lebensläufe als Vorspeise“ bereits gedämpfte Perspektive signalisieren.

Der Hauptgang: „Schwarzer Kabeljau“, der bittere Erfahrungen trägt, dazu ein Wein, den man nicht kosten möchte und als Nachtisch „hausgemachten Abwärtsstrudel, „Tarte Tatin“ aus Laber-Rhabarber, danach noch eine „Schufa-Colada“ – der Tisch deckt auf, was passiert, wenn man nicht gebraucht wird, nicht dazugehört. Die Solidaritätskollekte im Bistum Aachen unterstützt daher Arbeitsloseninitiativen und Beratungsstellen, die neue Perspektiven eröffnen, damit jeder Mensch seinen Platz am Tisch behält – oder ihn neu einnehmen kann.

Informationen auch mit Bausteinen für die Liturgie online unter www.solidaritaetskollekte.de