Ein Leuchter soll in Mönchengladbach-Venn Frauen in der Kirche sichtbar machen. Er würdigt
Maria von Magdala als erste Zeugin der Auferstehung, sichtbares Zeichen für Gleichberechtigung und die wichtige Rolle der Frau in der Kirche.
Sonja Toepfer ist schnörkellos und wahrhaftig, stark und klar in ihren Aussagen. Die jeweilige Sprache erarbeitet sich die vielseitige Künstlerin, Jahrgang 1961, geboren in Offenbach, bei jedem Projekt neu, bei jedem Auftrag mit Präzision und Tiefgang, ob Installation, Videoproduktion, Skulptur im öffentlichen Raum, museales Ausstellungstück oder bildhauerisches Werk. Die Hoffnung auf Wandel und Trost prägt der von ihr mit Körper- und Seelenkraft auf dem Gelände eines alten Bauernhofes in der Nähe von Gießen geschaffene „Apostelinnen-Leuchter“ für die Pfarrkirche St. Maria Empfängnis in Mönchengladbach-Venn (Mürringer Straße), einer Backsteinhallenkirche, erbaut 1867-1869 nach Plänen des Kölner Baumeisters Vincenz Statz.
Dort wird es am Sonntag, 19. Juli, beim Gottesdienst um 10.30 Uhr festlich und spannend, denn Maria von Magdala (Maria Magdalena) hält als Apostelin offiziell Einzug in die Kirche, wo ihre Leuchter-Skulptur die weibliche Nachfolge Jesu symbolisiert und als Ort der Zuflucht in das Gemeindeleben eingebunden wird.
Sie ist Ansprechpartnerin für alle und erzählt in schlichter Größe von der erschütternden Geschichte der Auferstehung des gekreuzigten Christus am Ostermorgen — in greifbarer Formensprache, denn Sonja Toepfer lässt eine imposante, archaisch anmutende Frauenfigur, den Rollstein, der das Grab verschlossen hat, sowie die Andeutung der leeren Grabeshöhle wirken — sie nennt es den Schutzmantelmoment.
„Die Elemente werden zur skulpturalen Erinnerung an das Unvorstellbare, an das Geheimnis, woraus das Christentum schöpft“, heißt es in der Umschreibung des Projekts, das auf der Erzählung im Johannes-Evangeliums (20, 11-18) basiert, nach der Maria Magdalena die erste ist, die eine ihr zunächst gar nicht bewusste Begegnung mit dem auferstandenen Jesus erfährt und später als Verkünderin und erste Zeugin der Auferstehung gilt.
Damit haben die Aktiven der Frauenseelsorge im Bistum Aachen und des Diözesanverbandes Aachen der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) das Ziel eines von ihnen gemeinsam diözesanweit ausgeschriebenen Wettbewerbs erreicht, der die Bedeutung von Maria von Magdala als „Apostelin der Apostel“ würdigen und ein sichtbares Zeichen für Gleichberechtigung in der Kirche setzen soll.
Hintergrund ist die Tatsache, dass auf Wunsch von Papst Franziskus 2016 der Gedenktag der heiligen Maria von Magdala im Römischen Generalkalender auf den Rang eines Festes (22. Juli) erhoben wird. Maria von Magdala, die in der Kirchengeschichte als „apostola apostolorum“ — Apostelin der Apostel – bezeichnet wird, gehört nun offiziell zum Apostelkreis. Der Apostelinnen-Leuchter sei ein Hinweis auf ihren besonderen Rang und an die vielen Frauen, die in der „Kirchengeschichte oft übersehen und durch das Patriarchat unbedeutend und unsichtbar gemacht wurden“, heißt es.
Elf Bewerbungen von Gemeinden aus sieben Regionen, die gern Projektstandort wären, sind in der Zeit zwischen November 2024 und Mai 2025 eingegangen. Die Jury entscheidet. Bis zum Oktober 2025 dauert die Suche nach einer Künstlerin, die das Konzept umsetzt. Die Finanzierung des Projekts läuft dabeiunter anderem über Fundraising und wird organisiert von der Frauenseelsorge des Bistums Aachen und dem Vorstand des kfd-Diözesanverbands Aachen.
Sonja Toepfer erhält schließlich den Auftrag, einen individuellen Leuchter in Kooperation mit der Gemeinde zu schaffen, hat große Ideen, aber nur ein halbes Jahr Zeit, um sie zu gestalten. „Eine große Herausforderung“, sagt sie heute. „Ein Leuchter an der Wand hätte mich nicht so verlockt, aber eine Apostelin, der man nahekommt, war für mich sehr interessant.“
Bald ist sie vor Ort, erspürt den Kirchenraum und kann sich nur einen einzigen Werkstoff vorstellen, der die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart bildet: das 300 Jahre alte Eichenholz, das man bei Restaurierungsarbeiten am eigenen Haus gefunden und bewahrt hat. Die Künstlerin macht sich auf den Weg, um mit schwerem Gerät das Abbild der Apostelin hervorzuholen, Andeutungen vom bergenden Mantel, dem Stein und dem Grab zu schaffen, nachdem das alte Holz sämtliche notwendigen Behandlungen erfahren hat, die zur Konservierung nötig sind. „Das Holz war an nur ganz wenigen Stellen verwurmt, erstaunlich“, betont Sonja Toepfer. Das alles geschieht inmitten von ländlichem Fachwerk und mit familiärer sowie nachbarschaftlicher Unterstützung vom Baumfäller bis zum Kupferschmied, und endlich erhält das Werk nach einer intensiven Entwicklungsphase den letzten Schliff, die letzte Einreibung mit Lein-Öl etwa, die dem uralten Eichenholz noch mehr Charakter schenkt, Strukturen im Nachdunkeln hervorholt. „Die Eigenschaften des Holzes kommen erst so zum Vorschein“, betont die Künstlerin.
Mit ihrer greifbaren Erinnerung an Maria Magdalena dringt die Künstlerin — wie bei all ihren Werken — in vielfach ignorierte Tiefen vor, durchleuchtet schmerzhafte Kapitel der Geschichte, balanciert auf einem assoziativen Netzwerk aus Tatsachen und Empfindungen, beleuchtet sogar Hintergründe gesellschaftlicher und speziell kirchlicher Natur — auch hier. „Der Apostelinnen-Leuchter steht für eine der vergessenen Frauen der Urgemeinde und damit stellvertretend für alle Frauen, die in der Urkirche eine tragende Rolle und einen wichtigen Dienst in den Gemeinden ausübten“, weiß sie. Der Leuchter-Körper erhalte nun Raum, um das zur Sprache zu bringen, was wesentlich sei: „Jesus lebt“.
So leuchtet es auch in Neonschrift mit diversen Farbtönen am Kunstwerk für die Kirche Maria Empfängnis in Mönchengladbach-Venn.
Sonja Töpfer, die in den ersten drei Jahren ihres Lebens in einem Kinderheim aufwächst, ehe die Großmutter sie aufnimmt, studierte Soziologie und Filmwissenschaften mit dem Schwerpunkt „Objektive Hermeneutik“ an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Die Mutter zweier Töchter, die seit gut 20 Jahren in der Videokunst und mit Videopodcasts aktiv ist, hat eine Apostelin geschaffen, die eine weiblichen Botschaft von Glaubensgewissheit und der Überzeugung trägt, geborgen zu sein durch eine mütterlich-verlässliche Gestalt an der Seite. Ihre Maria von Magdala aus Eichenholz wiegt rund 90 Kilogramm und ist gut 1,80 Meter groß, der Rollstein überragt sie etwas, das Gesicht ist in seinen Konturen zu erahnen.
An einem Lesepult können Gläubige zudem ihre Gedanken aufschreiben. Auf der ins Holz eingesetzten Kupferfläche wird ein Kerzenlicht entzündet. Als „Lichtträgerin“ ist Maria von Magdala so ein in der Kunstgeschichte bisher nur selten aufgegriffenes Motiv – erste Glaubende statt trauernde Zeugin. „Nach dieser späten Einsicht, dass Maria von Magdala als erste Zeugin der Auferstehung eine besondere Bedeutung hat, soll sie jetzt gut sichtbar den Platz als Apostelin der Apostel in der Reihe der Apostel und im Leben der Gemeinde erhalten. Dies kann nur ein Anfang sein, Frauen in der katholischen Kirche sichtbar zu machen“, fasst Marie-Theres Jung, ehemalige Vorstandsvorsitzende im kfd-Diözesanverband Aachen, das Projekt zusammen.