Ziviler Widerstand

Soziale Verteidigung will Frieden und Freiheit schützen. Gewalt kommt bei ihr nicht zum Einsatz

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Datum:
15. Juli 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 15/2026 | Marco Führer

Eine starke Gesellschaft kann sich auch friedlich wehren – das ist die Idee hinter sozialer Verteidigung. Im Bischöflichen Generalvikariat Aachen beschäftigen sich Burchard Schlömer, Stabsabteilung Kirche im Dialog, und Pastoralreferent Dr. Stefan Voges, Fachbereichsleiter Geistlich leben und geistlicher Beirat der Friedensbewegung pax christi, mit dem Thema. Die Kirchenzeitung hat mit ihnen darüber gesprochen, wie ziviler Widerstand funktioniert.

Was verstehen Sie unter sozialer Verteidigung und warum ist sie gerade heute wichtig?

Burchard Schlömer: Das Konzept der Sozialen Verteidigung hat seine Ursprünge zwischen den Weltkriegen. Mit ihr möchte eine Gesellschaft etwas verteidigen, aber nicht mit Waffengewalt, sondern auf soziale Art. Das Grundprinzip lautet: Friedlicher Widerstand gegen eine unrechtmäßige Machtübernahme durch Besatzung, durch einen Putsch oder dort, wo durch demokratische Wahlen extremistische, menschenrechtsfeindliche Parteien an die Macht kommen.

Dr. Stefan Voges: Eine Grundidee sozialer Verteidigung ist, dass die ganze Gesellschaft in den Widerstand eingebunden ist und die Verteidigung nicht nur Spezialkräften wie Soldaten überlässt. Jede Besatzung ist auf ein Mindestmaß an Kooperation angewiesen. Wenn diese Kooperation wegfällt, kann die Herrschaft nicht bestehen. Sozial ist diese Verteidigung noch in anderer Hinsicht. Es geht nicht darum, Grenzen zu verteidigen, sondern die gemeinsamen Werte, Freiheit, Demokratie, Familie. Und für mich als Christ ist Soziale Verteidigung ein Versuch, die Frage zu beantworten, wie ich mich verteidigen und zugleich an das Gebot „Du wirst nicht töten“ und an das Wort Jesu „Liebt eure Feinde“ halten kann.

„Die soziale Verteidigung möchte unsere Lebensweise verteidigen und dem Gegner signalisieren, dass wir kein Risikopotenzial für ihn bilden
„Die soziale Verteidigung möchte unsere Lebensweise verteidigen und dem Gegner signalisieren, dass wir kein Risikopotenzial für ihn bilden", betont Burchard Schlömer.

Schlömer: Ein weiterer Punkt, warum wir soziale Verteidigung für wichtig halten: Definiere ich meine Sicherheit über mein militärisches Bedrohungspotenzial, bringe ich meinen Gegner dazu, ebenfalls Bedrohungspotenzial aufzubauen. Daraus entsteht eine Aufrüstungsspirale mit großem Eskalationsrisiko, aus dem es keinen militärischen Ausweg gibt. Die soziale Verteidigung hingegen möchte unsere Lebensweise verteidigen und dem Gegner signalisieren, dass wir kein Risikopotenzial für ihn bilden.


Soziale Verteidigung braucht starken gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ist unsere Gesellschaft für das Konzept der Sozialen Verteidigung überhaupt solidarisch genug?

Voges: Bei sozialer Verteidigung geht darum, diese Solidarität zu fördern, zu pflegen. Und nicht erst im Konfliktfall, sondern schon jetzt! Von sozialer Verteidigung profitiert unsere Gesellschaft schon vor dem Ernstfall. Sie funktioniert, indem wir Gemeinschaften stärken. Das fängt bei Nachbarschaften an, geht über Quartiersentwicklung bis hin zu Formen von solidarischer Landwirtschaft. Soziale Verteidigung muss nicht sofort die gesamte Gesellschaft durchdringen, ein kleiner Prozentsatz der Menschen reicht anfangs aus.

Und wie viele Menschen sind das ungefähr?

Schlömer: Es gibt dazu eine Untersuchung der amerikanischen Forscherinnen Erica Chenoweth und Maria J. Stephan. Sie kamen auf einen Wert von 3,5 Prozent der Bevölkerung, der sich dauerhaft aktiv am Widerstand beteiligt. Ist diese Prozentzahl erreicht, gärt soziale Verteidigung wie ein Sauerteig. Für einen Erfolg ist aber systematische Vorbereitung und Arbeit vieler nötig, wie bei dem erfolgreichen Widerstand in Minneapolis gegen die schwer bewaffnete ICE-Behörde.


Wo ordnen Sie soziale Verteidigung ein: als Ersatz für militärische Verteidigung oder als Ergänzung?

Schlömer: Die soziale Verteidigung ist als Alternative zur militärischen Verteidigung gedacht. Der Hintergrund entspricht dem christlichen Prinzip der Gewaltfreiheit. Gewaltfreiheit bedeutet aber eben nicht Passivität. Ich trete aktiv für Dinge ein, meide aber militärische Aktivitäten. Wenn ich militärisch agiere oder Militär unterstütze, werde ich zum Kombattanten und damit zu einem legitimen, militärischen Ziel. Deswegen haben wir in Kriegen immer wieder die Frage, ob eine angegriffene zivile Einrichtung wie eine Schule beim Angriff eine militärische Funktion hatte. 


Kann ein moderner Staat dem christlichen Prinzip der Gewaltlosigkeit überhaupt gerecht werden?

Schlömer: Der Staat hat zwar ein Gewaltmonopol, aber staatliche Gewalt wird bei uns kontrolliert und durch Wahlen legitimiert. Das ist weltweit und historisch nicht selbstverständlich. Noch vor 100 Jahren wurden politische Konflikte stärker mit Gewalt auf der Straße ausgetragen. Moderne Staaten regeln Konflikte weitgehend gewaltfrei über Justiz oder Ähnliches. Mit der EU haben wir inzwischen einen Zusammenschluss von 27 Staaten, die Konflikte gewaltfrei lösen. Wir müssen uns klar machen, welches Maß von Gewaltfreiheit wir schon erreicht haben. 


Wo sehen Sie die Grenzen sozialer Verteidigung?

Voges: Ein zentrales Element Sozialer Verteidigung ist die aktive Gewaltfreiheit. Und eine Grundannahme der aktiven Gewaltfreiheit ist: Wir überraschen einen Angreifer dadurch, dass wir nicht mit Gewalt reagieren. Es geht darum, eine Begegnung herbeizuführen und dem Gegner deutlich zu machen: Sieh mich an, ich bin auch ein Mensch und ich tu dir nichts. Allerdings ist durch die eigene Gewaltfreiheit nicht immer garantiert, dass man kein Opfer von Gewalt wird. Gleichzeitig ist es ein Problem, dass aktive Gewaltfreiheit eine unmittelbare Begegnung zwischen Menschen voraussetzt. Wenn ich mich gegen Fernwaffen wie Drohnen und Raketen verteidigen will, gibt es diese Begegnung nicht. Hier braucht es aus meiner Sicht eine militärische, eine technische Verteidigung in Form einer Drohnen- oder Raketenabwehr. Abwehr bedeutet in diesem Fall aber nicht, dass ich zum Gegenschlag übergehe, die Infrastruktur oder Rüstungsindustrie des anderen zerstöre und damit die Menschen, die dort arbeiten.

Schlömer: Das Konzept der sozialen Verteidigung entwickelt sich ständig weiter – genauso wie kriegerische Auseinandersetzungen. So, wie sich mit dem Ukrainekrieg die Kriegsführung ändert, ändern sich auch die Konzepte der Menschen, die nach friedlichen Alternativen suchen. Wie stellen wir uns hybrider Kriegsführung? Wie schützen wir Energieversorgung so, dass sie nicht durch ein, zwei Attacken zerstört werden kann? Wie gehen wir mit Falschinformationen um? Diesen neuen Fragen muss sich die soziale Verteidigung heute stellen. 

„Von sozialer Verteidigung profitiert unsere Gesellschaft schon vor dem Ernstfall. Sie funktioniert, indem wir Gemeinschaften stärken,
„Von sozialer Verteidigung profitiert unsere Gesellschaft schon vor dem Ernstfall. Sie funktioniert, indem wir Gemeinschaften stärken," sagt Stefan Voges.

Welche Rolle spielen Kirchen bei der sozialen Verteidigung?

Voges: In der DDR haben die Montagsgebete maßgeblich zum Umbruch beigetragen. „Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete“, hat später ein Vertreter der Staatsmacht gesagt. Deswegen kann ich ganz schlicht sagen, Kirchen sollen das Gebet fördern. Gebete sind eine unglaublich wichtige Kraftquelle für Menschen im Widerstand. Darüber hinaus sind Kirchen geübt darin, für Solidarität einzustehen. Bei uns im Bistum Aachen initiiert die Kirchenmusik im November zum zweiten Mal Auftritte unter dem Motto „Klangvoll vereint für Frieden und Demokratie“. Singen im öffentlichen Raum kann ein Zeichen dafür sein, dass wir als Kirche, als Gesellschaft für bestimmte Werte stehen.

Schlömer: Wir haben im Moment keine Situation, in der wir uns gegen eine Besatzung verteidigen müssen. Trotzdem gibt es auch hier Kräfte, die Menschenrechte infrage stellen und migrations- oder queerfeindlich sind. In diesem Fall ist es wichtig, sich als Kirche an die Seite derer zu stellen, die angegriffen werden. Auch angesichts der Tatsache, dass jetzt wieder alle jungen Männer Post von der Bundeswehr kriegen, ist es meiner Meinung nach Aufgabe der Kirche, sich mit sozialer Verteidigung zu befassen. Die katholischen Bischöfe haben 2024 ihr Friedenswort unter dem Eindruck des Ukrainekriegs geschrieben. In diesem rechtfertigen sie innerhalb der christlichen Ethik den bewaffneten Verteidigungskampf. Sie beharren zugleich auf der vorrangigen Option für die Gewaltfreiheit, führen aber nicht aus, welches konkrete Verhalten, welche Maßnahmen dazu passen würden. Es gibt für den Fall einer militärischen Verteidigung ein ökumenisches Konzept. Warum nicht auch für den Fall einer Besatzung? 

Im Nationalsozialismus haben die Kirchen teilweise Widerstand geleistet und sich teils mit dem Regime arrangiert. Welche Lehren ziehen Sie daraus für die soziale Verteidigung?

Schlömer: Die nationalsozialistische Diktatur war sicher ein Schlüsselerlebnis für die Kirche. Es gab einige, die Widerstand gegen die Diktatur geleistet haben und Gewaltfreiheit lebten. Aber mehrheitlich hat sich die Kirche in einem Staatsverständnis wiedergefunden, in dem Staatlichkeit von oben auch von Gott gegeben war. Sie hat sich erst sehr spät institutionell damit beschäftigt, was die im Evangelium beschriebene Gewaltfreiheit bedeutet, was es heißt, sich für Menschenrechte unabhängig von Herkunft und unabhängig von Religion einzusetzen. Unsere christlichen Brüder und Schwestern aus dem globalen Süden haben eigene Erfahrungen mit sozialer Verteidigung gemacht. Wir können von ihnen lernen. Die Partnerschaft des Bistums Aachen mit Kolumbien ist ein gutes Beispiel für unsere Lernbereitschaft. In Kolumbien gibt es Versöhnungsprozesse, viele Menschen dort üben sich in Gewaltfreiheit. 


Hat ein Staat nicht auch die moralische Pflicht, seine Bürger militärisch zu beschützen?

Voges: Der Staat hat die Pflicht, seine Bürger zu beschützen. Aber die Frage ist: Wie verteidige ich? Gibt es auch andere Optionen der Verteidigung als die militärische? In der Diskussion um die Wehrpflicht wäre es beispielsweise eine Überlegung wert, ob der Staat nicht auch in soziale Verteidigung investiert. Denkbar wäre eine dem Wehrdienst vergleichbare Grundausbildung. Menschen könnten während dieses Dienstes für die Konfliktbewältigung qualifiziert werden, um im Konflikt- oder Krisenfall aktiv zu werden. Das ginge noch über einen zivilen Ersatzdienst hinaus und würde zum sozialen Zusammenhalt und somit zur sozialen Verteidigung beitragen.


In Krisenregionen kommt es nicht selten zu völkerrechtswidrigen Verbrechen. Wie funktioniert soziale Verteidigung gegen einen Gegner, der bereit ist, zu foltern und massenhaft zu töten?

Schlömer: Dass es bei Konflikten oft zu Verstößen gegen das Völkerrecht kommt, ist leider wahr. Auf der anderen Seite hilft eine hoch aufgerüstete, militarisierte Gesellschaft nicht zwingend, ein Massaker zu verhindern. Das haben wir beim Hamas-Angriff auf Israel gesehen. Und umgekehrt ist durch diese Gewalt kein einziger Palästinenser freier geworden. Die Gewalt von Hamas und Hizbollah bringt ihnen keine Sicherheit. Andere Massaker, etwa in Ruanda oder Srebrenica, hätte man in der akuten Situation vermeiden können, wenn die UNO-Soldaten ein anderes Mandat gehabt hätten. Sie hätten aktiv eingreifen müssen. Bei der UNO sind wir aber auf einer Ebene, auf der nicht ein einzelner Staat für Militär verantwortlich ist, sondern eine Staatengemeinschaft. Die Funktion von Blauhelmen entspricht auch mehr der einer Polizei als der von Militär. Politisch sollte das meiner Meinung nach deshalb zu den obersten Zielen gehören: wieder dahin zu kommen, dass wir mehr multilaterale Zusammenarbeit bei Konflikten haben.


Haben Sie selbst schon einmal körperliche oder verbale Gewalt erlebt? 

Voges: Persönlich nicht, aber in einem Training zur Gewaltfreiheit bin ich in einem Rollenspiel mit einer Gewaltsituation konfrontiert worden. In der Situation ging es darum, Aufmerksamkeit auf die Gewalt zu lenken und dadurch den Angreifer zu irritieren. Meine Lösung war, einfach zu singen. Und obwohl es natürlich eine gestellte Situation war, waren auch die anderen Kursteilnehmer irritiert. Muster zu durchbrechen, zu überraschen ist ein Mittel aktiver Gewaltfreiheit. Ich weiß nicht, ob ich in einer realen Situation ähnlich reagieren würde. Aber durch das Training habe ich zumindest eine Idee davon, was möglich ist. Aktive Gewaltfreiheit braucht Kreativität – einfach darüber nachzudenken, wie ich Gewalt beenden kann, ohne selbst Gewalt anzuwenden.


Was würden Sie jemandem antworten, der sagt: Frieden lässt sich nicht ohne bewaffnete Verteidigung erreichen?

Schlömer: Der französische Präsident Emmanuel Macron hat vor einigen Wochen gesagt: "Um frei zu sein, muss man gefürchtet werden. Wer gefürchtet sein will, muss stark sein." Aber die Realität zeigt etwas anderes: Frei ist der, der Freunde gewonnen hat. Der, vor dem man sich fürchtet, ist nicht frei. Er ist immer unter dem Zwang, Furcht zu erzeugen. Das macht einsam. Wenn sich jemand so schwer bewaffnen muss, was ist mit dem inneren Frieden dieses Menschen? Kann er wirklich sagen, dass er in Frieden lebt? Oder lebt er in andauernder Angst, dass andere noch stärker bewaffnet sind? Im alltäglichen Zusammenleben ist es doch auch so: Ich brauche keine dicken Arme, um mich vor meinem Nachbarn zu beschützen, wenn ich meinem Nachbarn vertraue und er mir vertraut.

Voges: Waffen können auf Dauer keinen Frieden schaffen. Im besten Fall kann Gewalt andere Gewalt vorläufig stoppen. Aber dadurch schafft Gewalt noch nichts Positives. Die deutschen Bischöfe haben in ihrem Friedenswort geschrieben: „Frieden muss gestiftet werden – und zwar in erster Linie durch Gerechtigkeit, die auch den Feind im Krieg einschließt.“ Und Papst Leo XIV. hat in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2026 wegweisend von einem „unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“ gesprochen.


Was müsste geschehen, damit soziale Verteidigung von Bevölkerung und Politik als ernsthafte Alternative zu militärischer Gewalt diskutiert wird?

Voges: Wir müssen als Gesellschaft mehr darüber nachdenken, was wir eigentlich verteidigen wollen. Fragt man Menschen danach, was sie schützen und bewahren wollen, kommen erstaunlich oft Antworten wie Demokratie, Freiheit und Selbstbestimmung. Diese Werte lassen sich gewaltfrei stärken – und das schon heute. Soziale Verteidigung kann darauf aufbauen.