Sein Rücken ist krumm, sein bemützter Kopf nach unten gebeugt. Schweren Schrittes schiebt der Mann einen Einkaufswagen mit seinen Habseligkeiten vor sich her. Offenbar ist er obdachlos. Die Bronzestatue eines unbekannten Künstlers, der der „Bremer Banksy“ genannt wird, wurde Ende Mai 2020 über Nacht in den Wallanlagen im Zentrum Bremens installiert.
Eigentlich war es illegal, die Figur dort zu platzieren. Aber die Stadtführung hat beschlossen, dass die Figur stehen bleiben darf. Zum einen, weil es sich um eine künstlerische Arbeit handelt. Dazu kommt, dass auch Obdachlose zur Stadtgesellschaft gehören.
„Eigentlich sollte die Figur ein Gabenzaun sein für Menschen, die kein Obdach haben“, sagte der Künstler, der sich auf Instagram „Mohamed Smith“ nennt, 2025 in einem Interview mit dem Fernseh-Magazin „buten un binnen“. „Ein Bauzaun, wo dann Leute was ranhängen können, damit die Menschen sich da was wegnehmen können.“ Die Figur im Wallgarten war die erste ihrer Art. Im Dezember 2025 machte „Mohamed Smith“ Schlagzeilen, weil er im Auftrag des „Zentrums für politische Schönheit die überlebensgroße Bronzestatue zum Gedenken an Walter Lübcke vor der CDU-Zentrale in Berlin aufbaute. Lübcke wurde 2019 wegen seines Einsatzes für Flüchtlinge von einem Rechtsextremisten erschossen.
Dass Obdachlose ein Denkmal bekommen und damit ihre Situation ins Bewusstsein der Stadtgesellschaft gerückt wird, ist selten. In Mönchengladbach ist davon keine Rede, obwohl sie auf den Straßen immer offensichtlicher sind. Denn die Zahl der Obdachlosen nimmt zu. Auf dem Platz der Republik entsteht unter den Bäumen abends ein Zeltlager, in dem Menschen ohne Wohnung übernachten. Auch im Volksgarten kann man die Zelte jenseits der Wege, auf denen Hundebesitzer ihre Tiere ausführen und Jogger entlanglaufen, sehen.
Einer von ihnen ist Martin*. Er hatte eine Frau, zwei Kinder, einen Beruf. Dann kam die Trennung von seiner Frau. Martin zog aus der gemeinsamen Wohnung aus, übernachtete bei einem Freund. Die Wohnungssuche gestaltete sich schwierig. Irgendwann konnte er nicht mehr beim Freund bleiben und stand auf der Straße. Zuerst dachte er noch, dass er es schaffen würde. Ein paar Wochen in der Notschlafstelle zu schlafen, wäre nicht so schlimm. Er hatte ja noch seinen Job. Aber dann wurde er krank, er zog sich zurück und kümmerte sich um nichts mehr. Schließlich verlor er auch seine Arbeitsstelle. Jetzt schläft Martin unter Brücken und in Parks. Zu seinen Kindern hat er keinen Kontakt mehr.
Martin ist einer von 221 Obdachlosen in Mönchengladbach. Die Zahl wurde 2025 nach den Belegungslisten der Notschlafstellen ermittelt. Zum zweiten Mal hat der Fachbereich Soziales und Wohnen eine Statistik geführt. So sind Entwicklungen zu sehen: 2024 wurden 202 Obdachlose gezählt. Das sind gut neun Prozent weniger als 2025.
Zwei Notunterkünfte gibt es für Wohnungslose in Mönchengladbach. Im Stadtteil Odenkirchen stehen 94 Plätze für Frauen und Familien zur Verfügung. 2025 nahmen sie 125 Personen in Anspruch. Davon waren 77 Einzelpersonen, der Rest gehörte zu einer der 29 Familien, die dort die Nächte und Tage verbrachten. 2024 kamen zur Notschlafstelle 170 Personen: 95 Einzelpersonen und 23 Familien, in denen insgesamt 75 Personen lebten.
Die zweite Notunterkunft ist für Männer vorgesehen. Sie ist in fußläufiger Nähe zur Mönchengladbacher Innenstadt und wurde am 23. Oktober 2024 eröffnet. Seitdem wurden für 2024 insgesamt 88 Personen gezählt, die dort nächtigten. 2025 nahmen 244 Personen das Angebot wahr. Neben einem Schlafplatz bietet die Notschlafstelle auch eine medizinischen Grundversorgung durch Fachkräfte sowie eine Begleitung durch Sozialarbeiter und pädagogische Fachkräfte.
Es sind längst nicht mehr die Gescheiterten im Leben, die in den Notschlafstellen eine Zuflucht suchen. „Es gibt auch Leute, die ganz normal tagsüber arbeiten gehen und einfach keine Wohnung finden“, sagt ein Streetworker. „Die übernachten in einer Notschlafstelle.“
Von der Statistik nicht erfasst sind Obdachlose, die wegen einer Suchterkrankung die Unterkünfte nicht nutzen. Wer zum Beispiel Crack konsumiert, kann keine acht bis zwölf Stunden ohne Konsum aushalten. Drogen- und Alkoholkonsum aber sind in den Unterkünften verboten. Auch Tiere dürfen nicht mitgebracht werden. So fallen alle heraus, die einen Hund bei sich haben.
Eine weitere Gruppe sind EU-Bürger, die noch nicht lange genug in Deutschland sozialversicherungspflichtig gearbeitet haben. Sie haben keinen Anspruch auf Leistungen des Sozialsystems. Gerade Saisonarbeiter oder illegal Beschäftigte trifft es hart. Werden sie krank oder haben einen Unfall, werden sie häufig von ihren Arbeitgebern auf die Straße gesetzt. Manchmal ist es Scham, die sie daran hindert, zurück in ihr Heimatland zu gehen, manchmal ist es mangelndes Geld und auch die Angst vor einer Strafverfolgung.
Während Obdachlose schon in den 1970er-Jahren auf den Straßen von Mönchengladbach zu sehen waren, sind sie in Städten wie Erkelenz oder Hückelhoven ein weitaus jüngeres Phänomen. Aber inzwischen kann man auch hier Menschen beobachten, die am Bahnhof oder in Geschäftseingängen abends ihr Lager aufschlagen.
*Name von der Redaktion geändert