Immer mehr junge Menschen leiden unter Angststörungen. Weltweit. Krisen, Kriege, der Klimawandel – sicherlich alles Faktoren, die eine Rolle spielen. Aber gibt es vielleicht auch einen kulturellen Wandel, der negative Konsequenzen hat? Ein Team des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit (FBZ) der Ruhr-Universität Bochum hat untersucht, wie zunehmende psychische Störungen mit Veränderungen in gesellschaftlichen Erwartungen und Erziehungswerten zusammenhängen.
Dabei zeigte sich, dass besonders religiöser Glaube ein entscheidender Schutzfaktor für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist. Länder, in denen Religiosität stark an Bedeutung verloren hat, weisen demnach einen vergleichsweise hohen Anstieg in der Inzidenz von Angststörungen auf.
Für ihre Arbeit haben die Forschenden Daten aus 70 Ländern auf allen Kontinenten analysiert. Dabei betrachteten sie Entwicklungen in den vergangenen drei Jahrzehnten, von 1989 bis 2022. Grundlage der Analyse waren Gesundheitsdaten zur Häufigkeit von Angststörungen bei Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen in den betreffenden Ländern. Darüber hinaus flossen Kulturdaten des „World Values Survey“ in die Untersuchung ein. Dieses globale Netzwerk der Sozialwissenschaft beschäftigt sich mit dem Wandel von kulturellen Werten und deren Auswirkungen auf das politische und soziale Leben.
„Über die Zeit haben sich gesellschaftliche Erwartungen, wie Kinder idealerweise sein sollten, weltweit bedeutend verändert“, sagt der Hauptautor der Studie, Leonard K. Kulisch. „Wir wollten daher herausfinden, ob diese veränderten Erwartungsmuster mit der Zunahme von Angststörungen im Zusammenhang stehen.“
Die Analyse zeigt: In westlichen Ländern spielen – anders als noch vor 20 Jahren – Werte wie Gehorsamkeit eine untergeordnete Rolle in der Erziehung. Stattdessen gelte als wünschenswert, die Eigenständigkeit und Individualität von Kindern zu fördern. „Eine Veränderung hin zu einem extremen Individualismus hat die Entstehung von Ängsten bei Kindern und Jugendlichen in den westeuropäischen und nordamerikanischen Industrienationen womöglich begünstigt“, analysiert Leonard Kulisch.
Über alle Kontinente hinweg sei aber insbesondere eine Abnahme an Religiosität in der Erziehung der entscheidende Risikofaktor für Angststörungen. „Vermutlich, weil Religiosität das Zusammengehörigkeitsgefühl fördert und dem Leben eine Richtung gibt“, sagt Kulisch. Wo Religion als Ressource allmählich verschwinde, entstehe möglicherweise eine Lücke. „Familien sind einsamer, haben ein weniger stabiles soziales Netzwerk, und Routinen im Alltag fallen weg.“ Gerade solche Voraussetzungen seien aber zentral dafür, dass Kinder psychisch gesund aufwachsen könnten.
Vor diesem Hintergrund liefere die Studie wichtige Anknüpfungspunkte für Eltern und grundsätzliche gesellschaftliche Haltungen. „Individualität und Eigenständigkeit sind in den bestehenden Wirtschaftssystemen sinnvoll, um im Wettbewerb zu bestehen und Innovationen zu fördern“, sagt Leonard Kulisch im Interview. „Doch in westlichen Ländern hat die Ausprägung dieser Werte das gesunde Maß überschritten.“ Da Religion als Quelle von Gemeinschaft und Sinn in der Erziehung vielerorts an Bedeutung verliere, werde es zunehmend wichtig, alternative Wege zur Förderung dieser Schutzfaktoren bei Kindern zu stärken.
Kirchenzeitung: Herr Kulisch, was hat Sie nach der Veröffentlichung der Studie am meisten überrascht?
Leonard Kulisch: Wir beobachten eine interessante Dynamik, die Ergebnisse der Studie auf Kirche in Deutschland zu beziehen, vor allem auf die Katholische Kirche. Wenn Kirche und mentale Gesundheit in einem Satz genannt werden, dreht sich in den aktuellen Diskussionen in Deutschland ja vieles eher um Missbrauchsskandale. Dabei geht es in dieser Studie gar nicht um die Kirche, oder das Christentum. Es geht allgemein um Glaube und Religion, gar nicht um die Institution Kirche. Und Deutschland ist nur ein kleiner Teil der Welt, wir haben uns die Entwicklungen in 70 Ländern angeschaut. Unsere Daten zeigen eine Dynamik, die weltweit passiert: Angesichts des globalen kulturellen Wandels der Erziehungswerte nehmen psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen zu. Dort, wo die Religiosität stärker abgenommen hat, steigt die Häufigkeit von Angststörungen stärker an.
Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Erziehung der Kinder verändert?
Kulisch: Erziehung bedeutet oft, dass wir Kinder formen wollen. Aber was wollen wir damit erreichen, was ist das Sozialisierungsziel? Wollen wir Kinder, die kreativ sind, eigenständig und durchsetzungsstark? Oder Kinder, die gehorsam sind und sich unterordnen? In den Industrienationen haben wir den Fokus immer stärker auf Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, Durchsetzungsfähigkeit und Wettbewerb gelegt, also individualistische Werte. Es gibt mehr gegeneinander als miteinander – womöglich mit negativen Konsequenzen für Kinder und Jugendliche. Die Analyse der Gesundheitsdaten zeigt: Das ist nicht weltweit so, es trifft vor allem auf die westlichen, industrialisierten Länder zu.
Individualität und Eigenständigkeit sind in den bestehenden Wirtschaftssystemen sinnvoll, um im Wettbewerb zu bestehen und Innovationen zu fördern. Doch in den westlichen Ländern hat die Ausprägung dieser Werte das gesunde Maß offenbar überschritten. Was einem hilft, in einem System, in dem es stets auch um Konkurrenz geht, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, muss einem nicht helfen, die eigenen psychologischen Grundbedürfnisse zu stillen. Das individualistische Erziehungsbild hat mitunter extreme Werte erreicht.
Ist die Lösung also die Rückkehr zu Gehorsamkeit und Unterordnung in der Erziehung?
Kulisch: Gehorsamkeit bedeutet die Limitierung von Eigenständigkeit. Das andere Extrem wäre: Ich möchte, dass Kinder funktionieren, sie müssen sich den Erwachsenen unterordnen. Weltweit ist Gehorsamkeit in vielen Ländern noch ein sehr wichtiges Thema. In den Daten zeigt sich nicht, dass sich dies negativ auf die Entwicklung von Angststörungen auswirkt, aber eben auch nicht positiv. Wir sprechen gerade über zwei Extreme, ein Weg liegt vermutlich zwischen den Polen. Wie Individualität zwei Seiten hat, ist dies auch bei sozialer Anpassung so: Sie kann mitunter zu einer größeren sozialen Eingebundenheit führen, die wiederum mehr Stabilität in den Beziehungen bedeutet.
Gibt es so etwas wie einen Kipppunkt für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen?
Kulisch: Es ist schwer zu sagen, wo der Kipppunkt genau liegt. Die Systeme passen sich aktiv veränderten Bedingungen an, kultureller Wandel ist ein Prozess, kein Ereignis. Schauen wir auf unsere Werte: Eine starke Individualität hat ja auch positive Auswirkungen auf gesellschaftlicher Ebene, sie bewirkt Wettbewerb, Innovation und Wirtschaftswachstum. Für die Daten der Studie wurden nicht nur Eltern befragt und in die Familien geschaut, auch die Normen flossen ein, was ist jeweils der Konsens im Land. Denn diese Normen beeinflussen die Erziehung, die Art, wie Lehrkräfte mit Kindern umgehen, was in der Kita geschieht. Gesetze und Regeln bestimmen, wie Kinder gefördert werden, was gefördert wird. Hinter jedem Lehrplan steht ein politischer Wille. Schon in jungen Jahren werden Kinder von den kulturellen Erwartungen geformt. In vielen Industrienationen ist die Erziehung den Interessen unseres Wirtschaftssystems angepasst. Immer mehr Wachstum und Innovation bedeuten aber ein Wegdriften von dem, was die Menschen wirklich brauchen, was ihren psychologischen Bedürfnissen entspricht.
Wo kommt hier die Religion ins Spiel? Wieso kann religiöser Glaube ein entscheidender Schutzfaktor für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sein?
Kulisch: Es ist gar nicht so wichtig, wie religiös die eigene Familie ist. Vielmehr spielt das gesellschaftliche Umfeld eine stabilisierende Rolle. In Gesellschaften, die immer säkularer werden, fallen viele gesellschaftliche Strukturen weg, die mit Religion zu tun haben, wo Menschen zusammenkommen und Gemeinschaft erleben. Viele Religionen verbinden strukturierte Rituale wie Gottesdienste, schaffen ein Gemeinschaftsgefühl, bieten viele Anlässe für Begegnung und Austausch. Wenn dies alles nachlässt und aus dem Alltag verschwindet, entstehen Lücken, uns geht das Gemeinschaftsgefühl verloren. Schon heute sind immer mehr Kinder und Jugendliche psychisch belastet, die Wartezeiten bei Therapeuten sind extrem lang, die Ressourcen knapp. Es ist eine globale Herausforderung, der es entgegenzuwirken gilt.
Gleichzeitig lebt fast die Hälfte der Weltbevölkerung mittlerweile in Städten, früher lebten 90 Prozent der Menschen eher in ländlichen Regionen. Jeder kennt das Sprichwort „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“. Doch diese Dörfer gibt es nicht mehr in vielen Gesellschaften. Die Urbanisierung schreitet voran, wir leben zunehmend in der Anonymität der Großstädte, setzen auf Technologisierung und Soziale Medien statt auf tatsächliche Treffen. Mit wirklichen sozialen Kontakten und Routinen hat das immer weniger zu tun, die sozialen Austauschräume werden immer weniger. Mein Punkt ist: Wir brauchen ein Umdenken, eine Veränderung – hin zu mehr Rückhalt, Zusammenhalt und Miteinander. Wenn wir Therapeuten die Honorare senken und Mittel für Schulsozialarbeiter streichen, werden aber nur Dinge unternommen, die die Situation weiter verschärfen.
Wird Religion wieder einen Aufschwung erleben?
Kulisch: Es ist keine direkte Schlussfolgerung der Studie, dass wir Kirche wieder stark machen müssen. Die Kirchen haben in vielen Ländern massiv an Bedeutung verloren. Bewusst oder unbewusst sind so Lücken entstanden. Für manche Menschen kann es eine Lösung sein, wieder in die Kirche zu gehen. Auch viele kirchliche Strukturen sind ja weiterhin vorhanden, die einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten. Die Frage, wie diese Lücken gefüllt werden können, ist sicherlich Ausgangspunkt für weitere Studien. Ich habe einige Ideen, was den sozialen Zusammenhalt stärken könnte: Aktivität in Vereinen und Gruppen sowie zivilgesellschaftliches Engagement können beispielsweise wichtige Faktoren sein, um der Entstehung von Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken. Auch Kitas und Schulen sollten gezielt daran arbeiten, die Gemeinschaft von Kindern und Jugendlichen in den Einrichtungen zu fördern. Ein gutes soziales Netz schützt die Heranwachsenden und hilft ihnen, besser mit persönlichen Krisen umgehen zu können. Es ist Teil der Realität, dass viele Kinder und Jugendliche persönliche Herausforderungen und Krisen erleben, in Kriegsgebieten mehr als woanders. Ob Störungen entstehen oder nicht, ist ganz oft auch von den sozialen Ressourcen der Familie und des gesellschaftlichen Umfelds abhängig.
Was raten Sie Eltern bei der Erziehung?
Kulisch: Eltern haben gar nicht so viel Einfluss wie man ihnen zuschiebt. Es sind vor allem gesellschaftliche Faktoren, über die wir schon gesprochen haben. Spätestens wenn Kinder das Schulalter erreichen, sind sie den Großteil des Wachtages in einer Einrichtung mit anderen Personen, Lehrplänen, Vorgaben und Erfahrungen, die Eltern kaum beeinflussen können. Eltern sind im Idealfall ein entlastender Faktor, aber wir sollten nicht zu viel auf den Schultern der Eltern abladen. Es gibt so viele andere Faktoren, die das Kind völlig unsichtbar belasten.
Welche Frage würden Sie gerne der Politik stellen?
Kulisch: Warum die Erziehung von Kindern und Jugendlichen vor allem an die Interessen des Wirtschaftssystems angepasst ist. Die Konsequenz ist, dass übertriebene Individualität und Eigenständigkeit zu einem Gefühl führen können, sich selbst andauernd beweisen zu müssen, Einzelkämpfer zu werden. Auf Basis der Studie sage ich, dass wir Erziehung mehr auf die psychologischen Bedürfnisse ausrichten müssen. Wir sollten wieder mehr am sozialen Zusammenhalt arbeiten. Wir brauchen mehr Räume für Gemeinschaft, ohne Wettbewerb und Leistungsdruck.