»Wir wurden wie Aussätzige im Lehrerzimmer gemieden«

Rechtsruck im Klassenzimmer

Laura Nickel hat mit Max Teske das Buch „Rechtsruck im Klassenzimmer“ geschrieben. (c) Hannes Jung
Laura Nickel hat mit Max Teske das Buch „Rechtsruck im Klassenzimmer“ geschrieben.
Datum:
22. Apr. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 09/2026 | Stephan Johnen

Rechte Parolen, Hass gegen Minderheiten, Holocaust-Leugnung: Zwei Lehrer aus Brandenburg schreiben 2023 einen Brandbrief, der eine Mauer des Schweigens anprangert. Nun folgt ein Buch.

Kirchenzeitung: Was ist der „Rechtsruck“ im Klassenzimmer“? Wo beginnt er, wo wird er sichtbar?

Laura Nickel: Ich verstehe darunter die schrittweise Übernahme antidemokratischer Sichtweisen durch Schülerinnen und Schüler, aber leider auch von einigen Lehrkräften. Er beginnt im Kleinen: Wenn auf Hakenkreuze und andere verfassungsfeindliche Symbole nicht gleich entschlossen reagiert wird, dann entsteht so etwas wie eine Salonfähigkeit – Schülerinnen und Schüler werden dann  mutiger, zum Beispiel ausländerfeindliche Parolen zu äußern oder auch Kleidungsmarken von Neonazis zu tragen.


Was muss passieren, damit zwei junge Lehrer einen Brandbrief über rechtsextreme Zustände an ihrer Schule aufsetzen?

Nickel: Der erste und wichtigste Grund waren die Nöte einiger Schülerinnen und Schüler, die sich für Demokratie stark gemacht haben oder sich einfach individueller kleideten und dafür massive Anfeindungen erlebt haben. Sie haben sich damals unter anderem nicht mehr allein zur Schultoilette getraut und fühlten sich von ihren Lehrkräften nicht unterstützt. Die Jugendlichen mit rechtsextremer Gesinnung und deren Mitläufer waren klar in der Mehrheit. Wir haben uns ohnmächtig gefühlt angesichts der Bedingungen: Personalknappheit, Überarbeitung, unsichere und verängstigte Lehrkräfte, eine Schulleitung, die nicht unterstützt hat. Rechtsextreme Vorfälle wurden nicht aufgearbeitet oder dem Schulamt weitergeleitet. Es gab einen „Mantel des Schweigens“.

Die beiden Lehrer waren an der Grund- und Oberschule „Mina Witkojc“ Burg tätig. (c) Picture Alliance/Associated Press/Markus Schreiber
Die beiden Lehrer waren an der Grund- und Oberschule „Mina Witkojc“ Burg tätig.

Welche Unterstützung fehlte?

Nickel: Wir wissen heute noch besser, was uns vor drei Jahren geholfen hätte. Zuallererst ein Kollegium, das klare Kante gegen Rechts zeigt. In Burg wurde sogar beim Hitlergruß einfach weggeschaut. Nachdem wir den Brandbrief veröffentlicht und uns im Nachgang auch dazu bekannt haben, wäre es schön gewesen, wenn mehr als eine Handvoll Lehrkräfte uns unterstützt hätten, wenn das Thema auf den Tisch gepackt worden wäre und wir gemeinsame Strategien erarbeitet hätten. Ich weiß mittlerweile von anderen Schulen, dass es dort so läuft und finde das sehr stark.  


Zufall oder Systemversagen?

Nickel: Kein Zufall. An der Burger Schule gab es die rechte Gesinnung schon weit vor meiner Lehrzeit dort, also bereits vor 2019. Beeindruckend war auch die Resonanz auf den zunächst anonymen Brandbrief: Der RBB hat uns verraten, dass sich einige Schulen zunächst meldeten und erfragten, ob sie selbst gemeint sind. Auch im Nachgang, bei Podiumsdiskussionen oder in Gesprächen, kamen immer wieder Lehrkräfte auf uns zu, die ähnliche Erfahrungen an ihren Schulen machten.

 

Haben wir zu lange die Augen verschlossen und neurechte Ideologien ausschließlich als Phänomen in Klassenzimmern ostdeutscher Kleinstädte verortet?

Nickel: Ein klares Ja, das zeigen ja auch die Wahlergebnisse. Auch im Westen ist eine demokratiefeindliche Partei auf dem Vormarsch. Auch hier haben wir von Lehrkräften viel Zuspruch erhalten. Natürlich speisen wir unseren Erfahrungsschatz vor allem aus dem Osten Deutschlands, einfach, weil wir hier wohnen. Wir sind aber gespannt, nach der Veröffentlichung des Buches mehr Erlebnisse aus dem ganzen Land zu hören. Ich vermute, dass es weniger ein Ost-West-Unterschied ist, eher würde ich zwischen ländlichen und urbanen Regionen unterscheiden. In den Städten und vor allem dort, wo ein höherer Migrationsanteil vorliegt, sind Probleme mit Rechtsextremismus seltener.


Wie gehen Lehrkräfte aktuell mit Provokationen oder Grenzüberschreitungen um?

Nickel: Unterschiedlich, aber ich beobachte generell bei Grenzüberschreitungen und Provokationen von älteren Jugendlichen immer eine gewisse Unsicherheit, insbesondere bei jüngeren Lehrkräften und auch Seiteneinsteigern. 


Gibt es Anzeichen, die Lehrkräfte frühzeitig erkennen können?

Nickel: Es gibt keine klassischen Anzeichen, allerdings erzählen Kinder ja schon frühzeitig von Videos, die sie auf Social Media konsumieren oder von Symbolen, die sie gesehen haben. Hier sollten Lehrkräfte nicht typischerweise sagen „das behandelt ihr erst später in Klasse X“, sondern altersgerecht erklären, warum zum Beispiel ein Hakenkreuz keine harmlose Kritzelei ist. 

Laura Nickel (37 Jahre)  ist seit 2013 im Schuldienst und hat als Lehrkraft in Brandenburg in verschiedenen Schulformen Erfahrungen gesammelt. Von 2019 bis 2023 war sie Lehrerin in Burg (Spreewald). Heute ist sie Schulleiterin einer Grundschule in Cottbus. (c) Hannes Jung
Laura Nickel (37 Jahre) ist seit 2013 im Schuldienst und hat als Lehrkraft in Brandenburg in verschiedenen Schulformen Erfahrungen gesammelt. Von 2019 bis 2023 war sie Lehrerin in Burg (Spreewald). Heute ist sie Schulleiterin einer Grundschule in Cottbus.

Wir haben uns gefühlt jahrelang über eine gelungene Aufarbeitung der NS-Zeit auf die Schultern geklopft. Was ist passiert, dass von Demokratiebildung und Unterrichtsinhalten offenbar nicht so viel hängenbleibt?

Nickel: Wir kämpfen auch ein wenig gegen die Zeit. Zeitzeug*innen verschwinden, Gedenkstättenbesuche haben zumindest in unserem Bundesland keine hohe Priorität mehr. Es kann nur etwas hängen bleiben, wenn Schülerinnen und Schüler klare Berührungspunkte haben, sei es durch den Besuch eines historischen Ortes oder im Gespräch mit einem Menschen, der die NS-Zeit oder auch das Stasi-Regime wirklich erlebt hat. Aber wir müssen uns auch dringend mit der Tatsache beschäftigen, dass sich auch die Demokratiefeindlichkeit weiterentwickelt hat. Wir müssen uns heute beispielsweise mit dem Reichsbürgertum beschäftigen. Lehrkräfte sollten versuchen, die Lebenswelt der Kinder immer mit einzubeziehen. Demokratiebildung ist ein lebendiges Thema, welches ja schon bei der Wahl der Schülervertreter*innen beginnt.

Welche gesellschaftlichen Faktoren begünstigen aus Ihrer Sicht die Hinwendung junger Menschen zu rechtsextremen Ideologien?

Nickel: Nach meiner Erfahrung hat vor allem die Corona-Zeit insbesondere bei Jugendlichen deutliche Spuren hinterlassen. Die Lockdowns und die damit verbundene Isolation eröffneten rechtsextremen Akteuren neue Möglichkeiten, vor allem in den sozialen Medien – nicht zuletzt gewann auch TikTok in dieser Phase stark an Bedeutung. Verschwörungstheorien erlebten einen Aufschwung, was sich auch im schulischen Alltag bemerkbar machte, etwa wenn Schülerinnen und Schüler plötzlich von einer „gekauften Regierung“ oder „falschen Politikern“ sprachen. Berechtigte Kritik zum Beispiel an der Migrationspolitik wird mittlerweile zu einem gefährlichen Selbstläufer. Schülerinnen und Schüler differenzieren nicht, sie erliegen den Feindbildern rechtsextremer und demokratiefeindlicher Parteien.


Welche Rolle spielen familiäre Prägung und soziales Umfeld?

Nickel: Ich selbst kenne aus meiner eigenen Jugend den Wunsch, mich von meinen Eltern abzugrenzen und meinen eigenen Weg zu gehen. Ich bin in einer brandenburgischen Kleinstadt aufgewachsen und wusste: Wenn ich mein Abitur habe, möchte ich erstmal wegziehen. Doch das hat sich geändert. Jugendliche, insbesondere im ländlichen Raum, leben die dörflichen Traditionen und haben ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Viele wollen nicht weg. Einerseits ist das vom demografischen Aspekt her sicher positiv, doch auf der anderen Seite fehlt ihnen dann der wichtige Blick über den Tellerrand. Unsere dörflichen Jugendlichen haben kaum Berührung mit anderen Kulturen, sie bleiben unter sich und empfinden alles, was von „außen“ kommt, als bedrohlich. Dieses Wir-Gefühl grenzt andere aus. Die AfD nutzt ganz gezielt diese Entwicklung und missbraucht den Begriff „Heimat“ für ihre Zwecke. In einigen Kommunen bei uns erzielt sie damit schon mehr als 50 Prozent der Stimmen bei Wahlen, insbesondere bei den jungen Wählern. Das macht mir große Sorgen. 


Der Bundespräsident hat Sie eingeladen, andererseits wurden Sie als Nestbeschmutzer beschimpft. Was hat Ihr Brandbrief seit 2023 bewirkt?

Nickel: 2023 haben wir eine sehr zwiespältige Reaktion auf den Brief erlebt. Bundespolitisch und auch im öffentlichen Bereich haben wir viel Zuspruch und Solidarität erhalten. Innerhalb der Schulmauern sah das Leben anders aus. Wir wurden wie Aussätzige im Lehrerzimmer gemieden, ehemalige Vertraute haben sich von mir abgewandt. Hinzu kam noch die echte Bedrohung von außen – wir hatten regelmäßig Kontakt zum Staatsschutz, uns wurde geraten, nicht immer denselben Nachhauseweg zu nehmen. Mein Kollege Max wurde zweimal massiv angepöbelt. Ein ehemaliger Schüler drang in die Schule ein und bedrohte uns. Mit solchen massiven Reaktionen haben wir vor der Veröffentlichung des Briefes nicht gerechnet.


Haben Sie Rückmeldungen von Eltern erhalten?

Nickel: Einige haben einen anonymen Brief an die Schulleitung geschickt und unsere Entlassung gefordert, damit wir unsere „links-grün-versiffte“ Ideologie nicht mehr an Schüler weitergeben. Auch damit wurden wir alleingelassen. 


Wo stoßen Schulen an ihre Grenzen? Welche strukturellen Probleme verschärfen die Situation?

Nickel: Bei uns herrscht ein akuter Lehrermangel. Es gibt im Moment einen großen Schwung an Lehrerinnen und Lehrern, die in Rente gehen. Die Schülerzahlen werden aber nicht weniger. So entsteht ein riesiges Ungleichgewicht und eine massive Arbeitsbelastung. Ich kann dann zum Teil verstehen, dass Lehrkräfte beim Thema Demokratiebildung schlichtweg überfordert sind. Hierfür sind verpflichtende Fortbildungen notwendig und Entlastungsmaßnahmen. Bei uns wurde die Pflichtstundenzahl nun aber erst einmal erhöht, bei gleicher Bezahlung. Das ist ein fatales Zeichen. Es geht ja nicht darum, dass Lehrer per se weniger arbeiten sollten, aber die Kernarbeit – der Unterricht – fällt durch das hohe Maß an Bürokratie und sozialarbeitender Tätigkeit hinten runter. Auch die Anforderungen einiger Eltern sind unrealistisch. Lehrkräfte haben zuallererst einen Bildungsauftrag, müssen aber immer mehr die sozialen Probleme der Kinder in der Schule abfangen. Hierfür fehlen wiederum Schulsozialarbeiter. Dieser Kreislauf macht es den Schulen unglaublich schwer, gute Demokratiebildung zu leisten. Im Endeffekt müssen wir also die Bedingungen des Lehrerberufs deutlich verbessern.


Wie wird demokratische Kompetenz gestärkt?

Nickel: Durch Schülermitbestimmung, das kann schon im Kleinen beginnen, beispielsweise durch die Auswahl eines Diskussionsthemas im Unterricht oder durch Perspektivenübernahme, Planspiele oder Klassenverträge. Solche Beispiele beschreiben wir auch im Buch.


Welche Rolle spielt Beziehungsarbeit zwischen Lehrerinnen und Lehrern und Schülerinnen und Schülern?

Nickel: Sie ist die Grundlage für alles Weitere. Ich will die Bedeutung fachlicher Kompetenz nicht herunterspielen, aber wenn ich zu meinen Schülerinnen und Schülern keine Beziehung aufbauen kann, dann nützt mir auch die größte mathematische Expertise nichts. 


Wie wichtig ist es, Kontroversen im Unterricht offen auszuhalten statt sie zu unterdrücken?

Nickel: Sehr wichtig. Auch hierfür ist Beziehungsarbeit eine unermessliche Grundlage. Schüler öffnen sich mehr, wenn sie ihrem Lehrer vertrauen und empfinden Wegschauen und das Bagatellisieren ihrer Bedürfnisse und Probleme als großes Problem und Vertrauensbruch. Lehrerinnen und Lehrer dürfen nicht erwarten, dass gleich am nächsten Tag in der Schule alles gelingen wird. Zunächst gilt es immer, sich selbst zu stärken – man hat den Beruf erlernt, man ist kompetent, man möchte, dass die Kinder lernen, sich im Leben zurecht zu finden. Und dazu gehört eben auch die Vermittlung demokratischer Werte. Ich wurde auch immer mutiger, nachdem ich zum ersten Mal meinen Standpunkt in der Klasse vertreten habe und nicht zuließ, dass ein Schüler einen anderen beleidigt hat.

 

Auch als Lehrperson ist man heutzutage Anfeindungen von Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern ausgesetzt. Umso wichtiger ist, dass man sich nicht als Einzelkämpfer begreift. Das Wissen, dass es vielen Kolleginnen und Kollegen ebenso geht, kann helfen. Welche Rolle spielen eigentlich Eltern?

Nickel: Eltern sind die wichtigsten Kooperationspartner, die Schulen überhaupt haben. Eine gute Kommunikation mit den Eltern gehört zum demokratischen Prozess und sollte nicht vernachlässigt werden. Eltern wiederum sollten verstehen und verinnerlichen, dass sie eine große Verantwortung haben, ihr Kind demokratisch zu erziehen.


Was müsste sich kurzfristig ändern, um Schulen zu entlasten?

Nickel: Kurzfristig sehe ich vor allem den Bedarf an Geldmitteln und Personal. Ich habe noch nie erlebt, dass eine Schule mir mitteilte, zu viele Mitarbeiter zu beschäftigen.


Welche langfristigen Strategien sind entscheidend?

Nickel: Langfristig müssen auch die Lehrpläne angepasst werden. Man kann es mit dem Feld der Medienbildung vergleichen. Die Digitalisierung schreitet voran und viele Schulen haben sich mittlerweile an die veränderten Bedingungen angepasst. Das wünsche ich mir auch für das Thema Demokratiebildung. Entweder, indem man es als selbständiges Fach in den Stundenplan integriert, oder in die bestehenden Fächer als verpflichtenden Lerninhalt mit einbindet. Dann ist ein weiteres großes Feld die Lehrerausbildung. Demokratiebildung könnte ein Modul im Studium sein. 


Sind Sie eher optimistisch oder pessimistisch, was die Entwicklung betrifft?

Nickel: Ich versuche immer, optimistisch zu bleiben. Denn Pessimismus lähmt nur. Ich habe jedoch gelernt, mehr auf meine eigenen Ressourcen zu achten.


Würden Sie erneut einen Brandbrief schreiben?
Nickel: Ja. Man sollte nicht den Mund halten. Auch wenn es unbequem ist.

Neuerscheinung

(c) Heyne Verlag

Das Buch „Rechtsruck im Klassenzimmer. Wie neurechte Ideologien die Schulen durchsetzen und unsere Kinder bedrohen“ ist Mitte März im Heyne-Verlag erschienen (224 Seiten, 16 Euro).