„Wir sparen auf Kosten der Ärmsten in der Welt“

In der internationalen Entwicklungszusammenarbeit vollzieht sich ein Paradigmenwechsel. Wie reagieren die Hilfswerke?

2025 beschlossen viele westliche Länder, allen voran die USA, Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit. (c) Action Medeor
2025 beschlossen viele westliche Länder, allen voran die USA, Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit.
Datum:
27. Jan. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 03/2026 | Kathrin Albrecht

Eins hat das Jahr 2025 wohl deutlich gemacht: Die Welt, in der wir leben, ist eine andere geworden. Das gilt auch für die internationale Entwicklungspolitik. Kaum im Amt, kündigte die Trump-Administration das Ende der US-Entwicklungsbehörde USAID an und trat nur zwei Tage nach Amtsantritt des amerikanischen Präsidenten aus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus. 

Bis dahin gehörten die USA zu den wichtigsten Geldgebern in der internationalen Gesundheits- und Entwicklungspolitik, vor allem in der Bekämpfung von Krankheiten wie HIV/AIDS, Polio und Malaria.

Doch es ist nicht nur das Geld, das jetzt im System fehlt, es fehlt auch der internationale Austausch von Wissen in der medizinischen Forschung. Statt sich in multilateralen Organisationen zu engagieren, will die USA bilaterale Verträge abschließen, erste Verträge dieser Art zur Förderung der Gesundheitspolitik wurden Ende 2025 geschlossen.

Doch es sind nicht nur die USA, Großbritannien kündigte Kürzungen in seinem Staatshaushalt für die Entwicklungshilfe an, ebenso die Bundesregierung für den Haushalt 2025/26. Mittel für die humanitäre Hilfe wurden um die Hälfte zusammengestrichen, Mittel für die Entwicklungshilfe um 1,2 Milliarden Euro.

Nothilfe in Kriegsgebieten, wie die Versorgung von Verletzten nach Angriffen auf Odessa, gehört zu den Kernaufgaben von Hilfswerken. (c) Action Medeor
Nothilfe in Kriegsgebieten, wie die Versorgung von Verletzten nach Angriffen auf Odessa, gehört zu den Kernaufgaben von Hilfswerken.

„2025 wünscht sich wohl keiner zurück“, bilanziert Sid Peruvemba. Er ist Vorstandssprecher des Hilfswerkes Action Medeor, das seit über 60 Jahren mit Projekten in der Gesundheitsversorgung und Gesundheitsbildung tätig ist, auch in Ländern, die mit am stärksten von der Abwicklung von USAID betroffen waren, darunter Tansania, dem Sudan und Malawi. In Tansania, berichtet er, mussten die Medikamente für die HIV/AIDS-Therapie von einem Tag auf den anderen drastisch rationiert werden, weil die Mittel fehlten, um die Vorräte wieder aufzustocken. So schmerzlich der Einschnitt durch die Auflösung von USAID auch sei, einseitige Kritik an den USA greife zu kurz, findet Peruvemba. Auch mit Blick auf die Bundesregierung: „Ich kann nicht die USA für ihr Vorgehen kritisieren und im Prinzip das gleiche tun.“

 

Auch Bernd Bornhorst, Mitglied im Vorstand des Bischöflichen Hilfswerkes Misereor, haben die Vorgänge erschüttert. „Vom Wegfall von USAID sind wir in unseren Projekten nur indirekt betroffen. Unmittelbar betroffen haben uns aber die Kürzungen im Haushalt des Bundesministeriums für Entwicklungszusammenarbeit (BMZ).“ Vor allem die Verpflichtungsermächtigungen sind von den Kürzungen betroffen. Das sind Mittel, die es dem Hilfswerk erlauben, rechtliche Bindungen, wie zum Beispiel Verträge, einzugehen, die sich erst in künftigen Haushaltsjahren auswirken. Für Misereor bedeutet das konkret, es können zukünftig weniger Projekte bewilligt werden. „Für die Menschen vor Ort ist das schlimm,“, sagt Bernd Bornhorst. Dabei war man bis zu den Corona-Jahren auf einem guten Weg.

Auch Sid Peruvemba weist auf vergangene Erfolge in der internationalen Gesundheitspolitik hin: „Polio ist fast ausgerottet, die Malaria-Todesfälle sind deutlich gesunken, auch AIDS ist kein Todesurteil mehr.“ Doch das Geld sei nur ein sichtbarer Teil eines viel dramatischeren Problems, sagt Bernd Bornhorst: „Der Abbau der Mittel in diesem Tempo ist nur möglich, weil die gesellschaftspolitische Unterstützung für das Thema schwächer wird“

Angesichts der weltpolitischen Lage konzentriere sich auch die Bundesregierung zunehmend auf die eigene Sicherheit und die Wahrung eigener Interessen. Doch für Bornhorst ist auch klar: „Man spart auf Kosten der Ärmsten der Welt.“ Dabei profitiert Deutschland wirtschaftlich von der Entwicklungspolitik. Ein Team der Universität Göttingen hat in einer 2024 vorgelegten Studie im Auftrag der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) errechnet, dass von jedem Euro, der in Entwicklungszusammenarbeit investiert werde, mehr als ein Drittel wieder in die deutsche Wirtschaft zurückfließe.

Gesellschaftspolitische Bildung und Sensibilisierung für das Thema gehört zu den Aufgaben von Misereor. „Wir müssen in den nächsten drei bis vier Jahren im politisch-gesellschaftlichen Raum sichtbarer werden. Es geht um die Frage, wie wir in der Welt miteinander leben wollen,“ unterstreicht Bernd Bornhorst.

Für Sid Peruvemba geht es darum, die Selbstheilungskräfte im Globalen Süden zu unterstützen. Wichtige Bausteine hat Action Medeor in zwei Standorten außerhalb Deutschlands gelegt: In Malawi betreibt das Hilfswerk ein Medikamentenlager, in Tansania bietet Action Medeor außerdem Fortbildungen im Bereich Medizingerätetechnik und Labortechnik an. Seit 2023 stellt das Hilfswerk bei Dar Es Salam Labor-Reagenzien her. Das sind Substanzen, die benötigt werden, um Diagnosen zu verbessern. „Hier schaffen wir Arbeitsplätze und bilden motivierte Kräfte für das lokale Gesundheitssystem aus“, sagt Peruvemba. Langfristig sollen sich die Werke  ohne deutsche Unterstützung tragen. Vielleicht, sagt er, liege in der aktuellen Situation auch die Chance, ein Versprechen gegenüber dem globalen Süden wahrzumachen und die internationale Kooperation neu aufzustellen: Vom Geber-Nehmer-Modell zu einer echten Partnerschaft.