„Wir sind schon da“

Anschlag auf Queeres Zentrum

Wie eine Wunde ist die Abdichtung an der Fensterscheibe des Queeren Zentrums. (c) Garnet Manecke
Wie eine Wunde ist die Abdichtung an der Fensterscheibe des Queeren Zentrums.
Datum:
22. Apr. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 09/2026 | Garnet Manecke

 Es war ein Schock, aber einschüchtern lassen will sich das Team des Queeren Zentrums in Mönchengladbach nicht. In der Nacht von Dienstag, 14. April, auf Mittwoch, 15. April, wurde eine Glasscheibe beschädigt, auf die Eingangstür wurden ein Hakenkreuz und der Schriftzug „Wir kommen“ gesprüht. Die Polizei und der Staatsschutz ermitteln.

„Wir sind wütend und fassungslos über die Situation“, sagt Birgit Kandler vom Vorstand des Vereins Queers an der Niers. „Aber wir sind in keiner Weise ängstlich. Wer Angst hat, ist nicht frei. Einschüchtern kann uns das nicht.“ Sofort sprachen Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft dem Team des Queeren Zentrums ihre Solidarität aus. Zur Mahnwache am auf den Anschlag folgenden Samstag kamen 250 bis 300 Personen. Darunter war der Oberbürgermeister von Mönchengladbach, Felix Heinrichs (SPD), und Vertreter der anderen Parteien: CDU, Die Linke, der Grünen und Die Partei. Die Organisatoren hatten mit weniger Teilnehmern gerechnet und 30 bis 60 Personen anngemeldet.

Mehr Menschen als erwartet kamen zur Mahnwache. (c) Garnet Manecke
Mehr Menschen als erwartet kamen zur Mahnwache.

Bei manchen Politikern sei es das erste Mal, dass sie sich überhaupt öffentlich zum Queeren Zentrum äußern, sagt Kandler. „Wäre die Solidarität schon immer da gewesen, wäre die AFD nicht da, wo sie jetzt ist“, ist sie mit Blick auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung überzeugt. Seit vier Jahren gibt es das Queere Zentrum in der Innenstadt von Mönchengladbach. Der nächtliche Anschlag ist der erste.

Allerdings ist er nicht der erste in Mönchengladbach. Am Osterwochenende wurde ein Mahnmal, das an jüdische Opfer des Nationalsozialismus in Neuwerk erinnert, mit verfassungsfeindlichen Symbolen beschmiert; der Davidstern wurde mit pinker Farbe übersprüht. Dazu prangte der Schriftzug „Anti Jude“ auf dem Stein. Ein Stromkasten wurde in den Farben der Reichsflagge bemalt, einem Symbol, das Rechtsextremisten oft benutzen.

Im Mai 2024 gab es einen Anschlag auf eine Einrichtung der Lebenshilfe, die Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen unterstützt. Auf dem Stein stand „Euthanasie ist die Lösung“. Auch vor gut zwei Jahren gab es Kundgebungen, die sich mit der Lebenshilfe solidarisch erklärten. Der Schock über den Anschlag war tief, zumal die kurz davor stattgefundenen Europawahlen zeigten, dass rechtsextreme Parteien weiteren Zulauf bekamen. Ein Trend, der bis heute anhält.

Das gilt auch für politisch motivierte Straftaten, wie der jüngste Bericht des Verfassungsschutzes für NRW zeigt. 13.645 Fälle politisch motivierter Straftaten wurden 2025 registriert. Damit hat die Zahl im Vergleich zu 2024 um 27 Prozent zugenommen. Sowohl Taten mit links- als auch rechtsextremen Hintergründen sind darin enthalten. Die weitaus meisten Straftaten (6.268 Fälle) sind dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen. Dem Linksextremismus werden 2.418 Straftaten zugeordnet. 294 Fälle hatten religiöse Motive, 786 waren antisemitisch motiviert und bei 928 war eine ausländische Ideologie der Grund. „Wer so handelt, hat Angst vor Vielfältigkeit, Angst vor einem Ort, an dem Menschen frei sind“, sagt Nadine John-Reuen, Vorsitzende des Vereins „CSD Christopher Street Day“, bei der Mahnwache.

Einen gesellschaftlichen Wandel erlebt Birgit Kandler. Zwar habe es bisher keine Bedrohungen gegeben. „Wir waren Ende der 1990er Jahre eine sehr aufgeklärte Gesellschaft, die gar nicht nachfragte, ob zwei Männer oder zwei Frauen zusammen sind“, sagt Kandler. „Der Trend wird wieder konservativer. Man merkt schon, dass sich das Thema wieder verändert hat. Aber wir bleiben kämpferisch, solidarisch und stark.“

Bei der Mahnwache hat das Queere Zentrum Unterstützung bekommen. Sebastian Merkens, bei der Kommunalwahl Oberbürgermeister-Kandidat der Linken, vergleicht die Situation der queeren Community mit der Geschichte von dem Hasen und dem Igel. „Wenn Nazis und andere Menschenfeinde an eine Scheibe ,Wir kommen‘ schreiben, dann sind das die Hasen“, sagt er. „Wir sind die Igel, denn wir queeren Menschen sind schon da.“ In seinem Wahlkampf hatte Merkens mit einem Plakatmotiv geworben, auf dem er einen Mann umarmt und küsst. Bei der Mahnwache erinnert er daran, dass queere Menschen Teil der Gesellschaft sind und sie in Familien und Freundeskreisen leben, seit es Menschen gibt.

„Wir sind Teil der Menschheitsgeschichte“, sagt Merkens. „Weil diese Leute nicht verstehen, dass wir Teil der Gesellschaft sind, gibt es Orte wie diesen hier, wo wir uns treffen, uns austauschen und in Sicherheit sind.“ Merkens erinnert auch an die anderen Taten der vergangenen zwei Jahre, die antisemitisch und behindertenfeindlich motiviert waren. „Es geht um unsere Sichtbarkeit und darum, dass jeder einzelne in unserer Gesellschaft ein Recht auf Leben und Glück hat“, betont Merkens. „Das lassen wir uns nicht nehmen.“

Zu den zahlreichen Rednern gehört auch Oberbürgermeister Felix Heinrichs. „Wir sind es leid, dass Hass und Queerfeindlichkeit immer noch einen so großen Platz in unserer Gesellschaft hat – mitten in Deutschland“, sagt Heinrichs, der selbst in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt. „Aber das einzige, das passiert, wenn man an ein queeres Zentrum in Mönchengladbach ein Hakenkreuz schmiert, ist, dass viele Menschen hierhin kommen und zeigen: Wir kommen und wir bleiben.“