»Wir reichen jedem die Hand, der Frieden will«

Ron Prosor spricht über seine Aufgabe als Botschafter Israels in Deutschland und warum persönliche Begegnung so wichtig ist.

Ron Prosor ist seit 2022 Botschafter Israels in Deutschland. (c) Ruthe Zuntz
Ron Prosor ist seit 2022 Botschafter Israels in Deutschland.
Datum:
18. Juni 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 13/2026 | Stephan Johnen

„Die Vernunft und die Mitmenschlichkeit sind da. Wir müssen sie noch viel lauter und sichtbarer machen“, sagt Ron Prosor, Botschafter Israels in Deutschland. Die Verteidigung von Freiheit beginnt mit etwas ganz Einfachem: „Dem Mut, Hass zu widersprechen, wenn andere schweigen.“

Herr Botschafter, Lesen Sie abends vor dem Zubettgehen noch Nachrichten? Oder warten Sie lieber gleich auf das Morning Briefing, weil die Welt dann schon wieder eine andere ist?

Ron Prosor: Abends keine Nachrichten zu lesen, klingt sehr vernünftig – aber ich mache es natürlich trotzdem. Auf das Morning Briefing zu warten, kommt für mich jedenfalls nicht in Frage. Dafür bin ich viel zu neugierig.


Was wäre in einer Welt, die immer wütender wird, eine frohe Botschaft?

Prosor: Eine frohe Botschaft wäre, wenn die Menschen wieder häufiger miteinander statt übereinander sprechen würden. Wenn Neugier stärker wäre als Vorurteile und Zuhören wichtiger als Empörung. Deswegen ist die Stärkung des deutsch-israelischen Jugendaustauschs ein Schwerpunkt meiner Amtszeit. Regierungen kommen und gehen. Persönliche Begegnungen aber bleiben ein Leben lang.

„Hoffnung machen mir die vielen Menschen, die gerade jetzt Brücken bauen, statt Gräben zu vertiefen“, sagt Botschafter Ron Prosor. (c) Ruthe Zuntz
„Hoffnung machen mir die vielen Menschen, die gerade jetzt Brücken bauen, statt Gräben zu vertiefen“, sagt Botschafter Ron Prosor.

Wie erleben Sie die Stimmung gegenüber Israel in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023?

Prosor: Ich erlebe zwei Entwicklungen gleichzeitig. Einerseits gibt es eine große Solidarität von Menschen, die verstanden haben, dass Israel am 7. Oktober Opfer des schlimmsten Massakers an Juden seit der Shoah wurde. Andererseits ist der Antisemitismus, der lange unter der Oberfläche brodelte, jetzt völlig schamlos aufgebrochen. Wie tief der Hass sitzt, wurde uns direkt nach den Angriffen bewusst: Einen Tag, nachdem die Hamas einen Völkermord an Israelis verüben wollte – und Wochen, bevor Israel überhaupt einen Fuß nach Gaza setzte –, verteilten Menschen in Berlin-Neukölln Süßigkeiten, um die Ermordung von Juden zu feiern. Das war ein Schock.

Gibt es eine Hoffnung auf Frieden? Unter welchen Bedingungen?

Prosor: Wir reichen jedem die Hand, der wirklich Frieden mit uns will. Das zeigen auch die Abraham-Abkommen mit zahlreichen arabischen Staaten in der Region. Diesen Weg wollen wir fortsetzen. Der 7. Oktober 2023 hat uns aber gezeigt, dass wir uns keine Naivität erlauben können. Frieden ist nur möglich, wenn den Islamisten und Dschihadisten, die permanent unsere Vernichtung anstreben, das Handwerk gelegt wird. Dabei erzielen wir große Erfolge: Zum ersten Mal gibt es im Libanon eine Regierung ohne die Terrororganisation Hisbollah. Assad ist in Syrien nicht mehr da, die Mullahs und die Ayatollahs im Iran und die Hamas in Gaza erheblich geschwächt. Jetzt haben wir eine Chance, eine bessere Zukunft in diese Region zu bringen.


Wie beurteilen Sie die deutsch-israelischen Beziehungen derzeit?

Prosor: Deutschland steht heute so eng an der Seite Israels wie kaum ein anderes Land in Europa. Daran haben auch Persönlichkeiten aus Aachen einen maßgeblichen Anteil: Armin Laschets moralische Klarheit und unerschütterliche Solidarität etwa sind gerade in diesen schweren Zeiten ein unschätzbarer Kompass. Als wahrer Freund Israels hat er von Anfang an die wegweisende Bedeutung der Abraham-Abkommen erkannt und diesen neuen Kurs für einen echten Frieden zwischen den Völkern im Nahen Osten für Deutschland politisch mitgeprägt. Diese klare Haltung ist für uns alle von unschätzbarem Wert. Gleichzeitig müssen wir nun gemeinsam dafür sorgen, dass die besonderen deutsch-israelischen Beziehungen auch von der nächsten Generation weitergetragen werden und in der Zukunft Bestand haben. 


Wie hat sich das jüdische Leben in Deutschland verändert? Fühlen sich Jüdinnen und Juden sicher?

Prosor: Leider nein. Und hier muss ich eine Sache in aller Deutlichkeit aussprechen, die mir ein persönliches Anliegen ist: Als israelischer Botschafter vertrete ich den Staat Israel. Die Sicherheit von deutschen Jüdinnen und Juden ist eigentlich nicht meine Aufgabe. Die Frage ist doch, ob Sie als Deutsche in einer Gesellschaft leben möchten, in der vor einer jüdischen Schule immer ein Polizeiauto stehen muss? In der Staatsbürger morgens auf dem Weg zur Arbeit die Kippa verstecken und den Davidstern besser unter dem Pullover tragen. Möchten Sie in einer Gesellschaft leben, in der das schulterzuckend als „normal“ hingenommen wird? Es ist an der Zeit, schnell und entschlossen zu handeln, um die deutschen Bürger vor ähnlichen Angriffen auf ihre demokratischen Werte zu schützen. Alles andere ist inakzeptabel.


Ihre Großeltern flohen während der NS-Diktatur aus Berlin über Triest nach Jaffa. Bei der Verlegung der Stolpersteine 2024 waren Sie anwesend. Wie stehen Sie zur Kritik an den Stolpersteinen?

Prosor: Als Sohn deutscher Juden bin ich als Botschafter Israels nach Deutschland zurückgekehrt. Damit hat sich für mich wirklich ein Kreis geschlossen. Und wenn heute genau jene Namen wieder im öffentlichen Raum auftauchen, die damals ausgelöscht werden sollten, dann ist das für mich erst einmal etwas Positives. Erinnerung sollte nicht nur in Archiven oder Gedenkreden stattfinden, sondern mitten im Alltag der Städte, in denen diese Geschichte stattgefunden hat. 


Welche Bedeutung hat die Erinnerung an die Shoah für junge Generationen?

Prosor: Sie ist von unschätzbarem Wert. Denn sie zeigt, dass die Wurzel des Hasses immer dieselbe ist. Wer früher bei den Nazis „kauft nicht bei Juden“ rief, sagt heute: „kauft nicht von Israel!“ Deshalb rate ich auch konkret zu Pflichtbesuchen von Schülern in KZ-Gedenkstätten. Das Wissen über die einstigen Konzentrationslager und die Judenvernichtung wäre gerade auch für die vielen Kinder mit Migrationshintergrund enorm wichtig. Wenn ich in arabischen Ländern mit meinen Gastgebern über unsere Geschichte sprach, begegneten mir anfangs häufig Vorurteile gegenüber Juden und Israelis. Nachher war das Verständnis aber deutlich größer. Weil solche Begegnungen etwas bewirken, müssen sie auch und gerade in Deutschland viel öfter stattfinden.


Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen?

Prosor: Das größte Problem ist für mich derzeit der linke Antisemitismus, da er sich auf dem extrem schmalen Grat zwischen Meinungsfreiheit und Aufhetzungsfreiheit bewegt – und dieser Grat wird jeden Tag überschritten. Er tritt in der Kultur, an Hochschulen und in Teilen der Medien moralisch verkleidet auf und ist deshalb schwerer zu greifen. Israel wird systematisch dämonisiert, Boykotte gegen israelische Künstler werden fast normal, und Juden werden oft nur akzeptiert, wenn sie sich vorher von Israel distanzieren. Das zeigt sich besonders in akademischen und kulturellen Kreisen, wo Judenhass hinter einer Fassade aus Bildung, moralischer Überlegenheit und politischer Korrektheit getarnt wird.

Dass Juden im Kultur- und Kunstbetrieb – wie etwa auf der Berlinale im Jahr 2026 – praktisch ihre Identität an der Garderobe abgeben müssen, damit sie und ihre Arbeit überhaupt eine Chance bekommen, ist unerträglich. Das darf nicht länger stillschweigend hingenommen werden. Wir brauchen deshalb dringend eine echte Brandmauer gegen Antisemitismus, die nicht nur formale Kriterien wie das Parteibuch oder politische Richtungen unterscheidet, sondern eine klare rote Linie zwischen Zivilisation und Barbarei markiert. Ein Stoppschild im Straßenverkehr unterscheidet schließlich auch nicht zwischen der Farbe der Autos – der Schutz jüdischen Lebens und das Existenzrecht Israels müssen für alle gleichermaßen eine unumstößliche Grenze sein.


Was wünschen Sie sich von den Kirchen in Deutschland in der aktuellen Situation?

Prosor: Die Kirchen haben eine starke moralische Stimme. Ich wünsche mir, dass sie jeden Antisemitismus klar benennen und verurteilen, ganz unabhängig davon, aus welchem politischen oder religiösen Milieu er kommt. Dazu gehört heute vor allem die Wachsamkeit gegenüber dem modernen Antisemitismus, der sich allzu oft als Antizionismus tarnt. Wenn das Existenzrecht Israels delegitimiert oder dämonisiert wird, ist das keine legitime Kritik mehr, sondern Judenhass. Gerade von den Kirchen wünsche ich mir hier die moralische Klarheit, diese Grenze scharf zu ziehen und laut zu widersprechen. 


Gibt es Entwicklungen in Deutschland, die Ihnen Hoffnung machen?

Prosor: Hoffnung machen mir die vielen Menschen, die gerade jetzt Brücken bauen, statt Gräben zu vertiefen. Einige habe ich erst kürzlich auszeichnen dürfen: Wenn christliche, muslimische und jüdische Jugendliche gemeinsam Musikprojekte auf die Beine stellen, wenn Gründerinnen aus Berlin und Tel Aviv gemeinsam Technologie-Unternehmen aufbauen oder wenn junge Ehrenamtliche an Schulen gehen, um sachlich über den 7. Oktober aufzuklären – dann zeigt mir das: Die Vernunft und die Mitmenschlichkeit sind da. Wir müssen sie noch viel lauter und sichtbarer machen.


Welche Botschaft möchten Sie den Leserinnen und Lesern mitgeben?

Prosor: Ob Christen oder Juden: Unsere Freiheiten müssen von jeder Generation neu verteidigt werden. Und manchmal beginnt das mit etwas ganz Einfachem: dem Mut, Hass zu widersprechen, wenn andere schweigen. Wir brauchen keine wohlfeilen Nachrufe auf tote Juden – wir brauchen die Entschlossenheit, die Lebenden zu 
schützen.

Zur Person

(c) Ruthe Zuntz

Ron Prosor, geboren 1958 in Kfar Saba, ist seit August 2022 der israelische Botschafter in Deutschland. Die Familie seines Vaters floh 1933 aus Berlin in das britische Mandatsgebiet Palästina. Der Diplomat und ehemalige Major war im Laufe seiner Karriere unter anderem Generaldirektor des israelischen Außenministeriums, Botschafter in Großbritannien sowie Ständiger Vertreter Israels bei den Vereinten Nationen.