Schlägt man Wut im Lexikon nach, ist folgende Definition zu lesen: „Die Wut (…) ist eine sehr heftige Emotion und häufig eine impulsive und aggressive Reaktion (Affekt), die durch eine als unangenehm empfundene Situation (... ) ausgelöst worden ist.“
Gesellschaftlich hat Wut eine sehr unangenehme Seite: Im schlimmsten Fall werden andere Menschen verletzt, wenn sich Wut in körperlicher Gewalt Bahn bricht, zum Beispiel in einer Paarbeziehung. 265.942 Menschen wurden im Jahr 2024 laut Bundeskriminalamt Opfer von häuslicher Gewalt.
In Aachen bieten der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) und das Katholische Beratungszentrum in Kooperation das Projekt „Neue Wege gehen“ an. Jacqueline Rösler (SkF) und Michael Kempen (Beratungszentrum) beraten darin Paare, wie sie mit ihren Konfliktsituationen besser umgehen können. Die Wut spielt dabei eine zentrale Rolle. Für Michael Kempen ist Wut insofern ein „angenehmes“ Gefühl, „weil man es ausagieren kann. Das Herz schlägt anders, der Puls geht hoch“. Wut schütze oft andere Gefühle, wie Ohnmacht, Einsamkeit oder Traurigkeit. „Mit Ohnmacht kann ich nichts machen“, ergänzt Jacqueline Rösler. „Verletzliche Gefühle bekommen keine Resonanz, Wut schon. Das ist zum Teil früh gelernt worden.“
Rösler und Kempen arbeiten daran, die durch Wut verdeckten Gefühle freizulegen. „Wir erleben es oft, dass die Paare sagen, sie wissen gar nicht mehr genau, was der Auslöser des Konfliktes war“, erläutert Jacqueline Rösler. In einer zwischenmenschlichen Beziehung und insbesondere in einer Paarbeziehung sei es wichtig, Resonanz zu erfahren, sagt Michael Kempen: „Was mich bewegt, scheint auch dich zu bewegen.“ Wenn diese Resonanz ausbleibt, fühlen wir uns nicht beachtet und nicht verstanden. Die Paare, die zu einer Beratung kommen, sind in ihrer Konfliktsituation in den unterschiedlichsten Stadien. „Das reicht vom Paar, das präventiv an ihrer Beziehung arbeiten möchte bis hin zum Paar, bei dem bereits mehrere Polizeieinsätze notwendig waren“, beschreibt Jacqueline Rösler.
Die grundlegende Aufgabe von Rösler und Kempen besteht im Zuhören und Resonanz geben. „Manchmal gelingt es Paaren nicht, sich direkt Dinge zu sagen. Dann fungieren wir als Brückenbauer“, sagen sie. Die Paare schilderten, wie es zu Konfliktsituationen komme. Oft passiere dabei das typische „Du hast aber … nein, du hast doch …“, mit dem sich ein Streit hochschaukele. Manchmal sei die emotionale Distanz zwischen den Partnern körperlich spürbar, sagt Rösler. „Das ist ein tiefer Graben. Die Paare setzen sich dann auch so hin.“
Die Berater schaffen für die Paare einen geschützten Raum, in dem es in Ordnung ist, über die Wut zu sprechen. Sie versuchen, die Menschen zu verstehen und sich in die Situation hineinzuversetzen. „Wir haben nicht gut gelernt, mit Wut umzugehen“, sagt Michael Kempen. In den meisten Kulturen wird Wut gesellschaftlich nicht akzeptiert. Im Bezug auf die Geschlechter wird sie männlich gelesen: Laut werden, sich aufbauen, das verschafft scheinbar Respekt. „So erlauben sich Menschen eher, wütend zu sein, als sich verletzlich zu zeigen“, beschreibt es Jacqueline Rösler. Mädchen und Frauen fehle oft die Handhabe, mit Wut umzugehen. „Wütend sein wird in dem Zusammenhang oft gleichgesetzt mit nicht brav sein“, sagt Rösler.
Wut sei, wie jede Emotion, neutral, aber das Verhalten, das aus Wut resultiert, sei negativ, sagt Michael Kempen. Ziel ist es, der Wut auf der Spur nach innen zu folgen. Dabei kann die eigene Biographie Anhaltspunkte geben. Diskriminierungserfahrungen, Krankheit oder Armut können Auslöser für Konflikte in der Ehe sein, ebenso wie Lebensübergänge, zum Beispiel bei jungen Familien. „Da kommt oft alles zusammen: Beruf, Hausbau, dann ist das erste Kind unterwegs“, zählt Jacqueline Rösler auf. Da beginnt das Aufrechnen: Die Partner werfen sich oft gegenseitig vor, nicht zu sehen oder anzuerkennen, was der oder die andere macht. „Es ist wichtig, dass sie anerkennen: Das eine ist nicht mehr wert als das andere“, sagt die Beraterin.
Ein Faktor dafür, dass Streitsituationen eskalieren können, ist Stress. Im nächsten Schritt versuchen Rösler und Kempen den Paaren dabei zu helfen, die richtigen Worte zu finden, um aus der Konfliktspirale herauszukommen. Die beiden arbeiten mit einem co-regulativem Ansatz. Ähnlich, wie sich das Kind durch die Präsenz der Eltern beruhigt, kann der Partner durch seine Präsenz den anderen beruhigen. Das funktioniert durch Beschreiben der Situation. In den Beratungen hören sich die Paare gegenseitig zu. Das schafft kleine Brücken, braucht aber Zeit. Vielen ist nicht klar, was sie in einer Konfliktsituation brauchen, welches Signal der Partner senden kann, bevor das Fass überläuft. Das gilt es, herauszuarbeiten. Gelingt das, lässt sich beobachten, wie sich Paare buchstäblich wieder einander zuwenden, erzählt Jacqueline Rösler.
Über die eigenen Gefühle sprechen, das fällt vielen schwer. Symbole können helfen, das, was man nicht ausdrücken kann, zu zeigen. Rösler und Kempen nutzen dafür kleine Figuren, die Gefühle ausdrücken, oder um die Systeme und Beziehungen in der Familie zu visualisieren – wie „Gefühl auf Packpapier“ der Aachener Illustratorin Mele Brink. Auch Karten, die Gefühle ausdrücken, nutzen die beiden . Das kann Brücken bauen, ein Gespräch beginnen. Dass die Paare in den beiden Beratern eine neutrale dritte Partei haben, empfinden viele als hilfreich.
„Sie bekommen von uns gespiegelt, was in Situationen passiert, die Wut auslösen,“ schildert Jaqueline Rösler. In der Lage zu sein, die eigenen Gefühle zu benennen, hilft dem anderen, das Verhalten besser einzuordnen und eine Situation zu deeskalieren. Dass Partner in der Lage sind, den anderen in einer eskalierenden Situation zu beruhigen, ist für viele eine völlig neue Erfahrung. „Sie erfahren Selbstwirksamkeit“, sagt Jacqueline Rösler. „Wenn ich der Wut auf die Spur komme, kann ich da auch aussteigen“, sagt Rösler. Es werde auch weiterhin eskalierende Situationen geben, sagen die Berater. Aber das in den Beratungen gelernte Verhalten kann helfen, die alten Muster besser zu erkennen und rechtzeitig zu unterbrechen. Denn das Wichtigste in einer Beziehung ist der respektvolle Umgang miteinander.
Das Katholische Beratungszentrum für Ehe-, Familien-, Lebens- und Glaubensfragen in Aachen bietet Einzelnen und Paaren fachliche Unterstützung in Partnerschafts- und Familienfragen, in schwierigen Lebensphasen oder Krisen. Das Angebot ist kostenfrei und offen für alle erwachsenen Personen, unabhängig von Religionszugehörigkeit, Nationalität, Familienstand und sexueller Orientierung. Weitere Informationen gibt es unter https://www.bistum-aachen.de/beratungszentrum-aachen, Tel. (02 41) 200 85.
Ein weiteres Beratungszentrum des Bistums befindet sich in Mönchengladbach:
https://www.bistum-aachen.de/beratungszentrum-moenchengladbach,https://www.bistum-aachen.de/beratungszentrum-moenchengladbach Tel. (0 21 61) 89 87 88.
Der Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Aachen (SkF) begleitet Menschen von Geburt an (Guter Start ins Leben, Kitas, Vormundschaften) über Familien-/und Frauenhilfe (ASD, Frauen-und Kinderschutzhaus) bis ins hohe Alter (rechtliche Betreuung) in unterschiedlichsten Lebenssituationen, um Hilfe zu leisten, wo sie gebraucht wird. https://skf-aachen.de