»Wie tief darf ein Staat in mein Leben eingreifen?«

Was passiert, wenn man eine grundlegende Überzeugung ändert? Ein Gespräch mit Autor Stephan Anpalagan

Stephan  Anpalagan ist ein kritischer Beobachter von Politik und Gesellschaft. (c) Boris Breuer
Stephan Anpalagan ist ein kritischer Beobachter von Politik und Gesellschaft.
Datum:
15. Juli 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 15/"2026 | Kathrin Albrecht

Stephan Anpalagan verweigerte vor 20 Jahren den Wehrdienst. Jetzt hat er sich als Reservist gemeldet und ein Buch darüber geschrieben, warum er sich so entschieden hat.

Warum haben Sie sich entschlossen, ein Buch über Ihre Entscheidung zu veröffentlichen?

Stephan Anpalagan: Ich hatte zum einen das Gefühl, dass es keinen publizistischen Rahmen gibt für Menschen, die unentschieden sind, die Angst haben oder die sich fragen, was es bedeutet, wenn sie nach 20 Jahren eine fundamentale Lebensentscheidung revidieren. Das zweite, was mich umgetrieben hat, ist die Frage, wer wir eigentlich sind, wer wir sein wollen und wo mein Platz in der Gesellschaft ist.  Die Frage, was wir verteidigen wollen und für welche Werte wir einstehen, wird mir entschieden zu wenig verhandelt. Es geht ja nicht nur um technische Aspekte, sondern – in einem freiheitlich-demokratisch verfassten Rechtsstaat – auch um die Frage: Wie tief kann und soll ein Staat in das Leben der Menschen eingreifen? Und wenn er das tut, ist er sich im Klaren darüber, was eine Wehrpflicht  für Familien jüdischen Glaubens bedeutet oder Menschen, die aus Kriegsgebieten geflohen sind? Ich möchte ein Gesprächsangebot machen und auch das Spannungsfeld zeigen, in dem sich eine Entscheidung wie die meine bewegt. 

 

Stephan Anpalagan, geboren in Sri Lanka, hat an der Ruhr-Universität Bochum evangelische Theologie und Anglistik studiert und ist Diplom-Theologe. Seine Diplomarbeit verfasste er über den Widerstand der Bekennenden Kirche im Nationalsozialismus. Seine Kriegsdienstverweigerung widerrief er und meldete sich zur Reserve. (c) Benjamin Jenak
Stephan Anpalagan, geboren in Sri Lanka, hat an der Ruhr-Universität Bochum evangelische Theologie und Anglistik studiert und ist Diplom-Theologe. Seine Diplomarbeit verfasste er über den Widerstand der Bekennenden Kirche im Nationalsozialismus. Seine Kriegsdienstverweigerung widerrief er und meldete sich zur Reserve.

Ihre Familie floh vor dem Bürgerkrieg auf Sri Lanka, Sie erlebten in Ihrer Jugend rassistische Brandanschläge auf Asylbewerberheime in Saarlouis und Rostock und auf türkische Familien in Mölln und Solingen. Sie beschreiben auch, wie das damals Ihre Entscheidung beeinflusst hat. Wie haben Sie damals gefühlt?

Anpalagan: Als junger Mann habe ich damals zwei Entscheidungen getroffen: ich habe den Kriegsdienst verweigert und Zivildienst geleistet. Der Zivildienst war ein unheimlich wichtiger Dienst für mich. Ich bin überzeugt, dass Freiwilligendienste eine überragende Funktion erfüllen. Trotzdem bin ich dagegen, solche Verpflichtungen auf junge Menschen zu reduzieren. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum man nicht ein Gesellschaftsjahr bis 65 ausruft und anzeigt, dass es möglich ist, mit entsprechender Finanzierung, in einen solchen Dienst zu gehen. Verpflichtend oder nicht, aber das hielte ich, nicht nur im Zusammenhang mit der Frage nach Reservistenpflichten, für enorm wichtig.
Mit der Frage, ob ich bereit bin, mit der Waffe dieses Land zu verteidigen, habe ich mich damals wie heute schwergetan. Ich bin als Kind von Kriegsflüchtlingen aufgewachsen, was in meiner gesamten Kindheit und Jugend ein großes Thema war.

Meine Eltern wollten nicht, dass Krieg, Militär und Gewaltkonflikte die eigene Familie einholten. Dazu kam das Gefühl, dass dieses Land nicht bereit ist, mich als zugehörig anzuerkennen. Im Gegenteil: Wir haben miterlebt, wie selbst etablierte Politiker mit Parolen wie „Kinder statt Inder“ den Hass angefacht haben oder wie im Fall der NSU Menschen, die rechtsextreme Anschläge auf Migranten verübt haben, nicht hinreichend verfolgt wurden. Ich habe immer gefühlt, dass dieses Land meine Heimat ist, dass die Menschen hier meine Landsleute sind, aber daraus ist nicht erwachsen, dass ich dieses Land mit der Waffe verteidigen kann. Vor allem, weil ich nicht wusste, welche Werte ich verteidige, wenn in den Medien von „Dönermorden“ die Rede ist oder die Tagesschau Bilder von brennenden Häusern ausländischer Familien sendet und die Politik darauf mit einer Mischung aus Hilflosigkeit und Ignoranz reagiert.


Wann begann das Umdenken?

Anpalagan: 1999 stand Joschka Fischer, der damalige grüne Außenminister, vor dem Bundesparteitag seiner Partei und verteidigte den ersten Militäreinsatz der Bundesrepublik, um das Morden im Kosovo zu beenden. Ich habe damals schon gedacht, dass Fischer recht hat. Heute muss ich feststellen, dass es mit dem Einmarsch der Russischen Föderation in die Ukraine und den Unwägbarkeiten in der weltpolitischen Lage – ein US-Präsident, der offen damit droht, Dänemark anzugreifen und sich Grönland zu schnappen – gar nicht anders geht als verteidigungsbereit zu sein. Persönlich hat mich auch die Erkrankung meines Vaters beeinflusst. Es ist utopisch, dass sich all die kranken Menschen evakuieren lassen oder fliehen können. Genauso gibt es in anderen Teilen der Welt pflegebedürftige Menschen, die angegriffen werden. Diesen Menschen beizustehen und sie auch militärisch zu unterstützen, halte ich für enorm wichtig. 

 

Der Deutschlandfunk bezeichnete Stephan Anpalagan  als „Gegengift zu den Stimmen, die den Diskurs in Deutschland nach Rechts verschieben wollen“. (c) Benjamin Jenak
Der Deutschlandfunk bezeichnete Stephan Anpalagan als „Gegengift zu den Stimmen, die den Diskurs in Deutschland nach Rechts verschieben wollen“.

Was schulden wir der Gesellschaft?

Anpalagan: Eine Gesellschaft ist nur so stark, wie Menschen bereit sind, sich in ihr zu engagieren, ohne dafür direkt eine Gegenleistung zu erwarten. Dort, wo wir diesen Impuls verlieren, sind wir als Gesellschaft tot. Gleichzeitig muss – um ein Beispiel zu nennen – die staatliche Daseinsfürsorge mit aller gesellschaftlichen und sozialen Infrastruktur so funktionieren, dass ein gutes Zusammenleben möglich ist. Dafür sind aber nicht die politischen oder institutionell Verantwortlichen allein verantwortlich. Wir alle müssen dazu beitragen, dass es funktioniert. 

Aktuell wird die Wiedereinführung einer Wehrpflicht diskutiert. Können Sie nachvollziehen, dass junge Menschen das ablehnen, auch, weil sie bei den aktuellen Reformen am meisten belastet werden?

Anpalagan: Es stimmt, dass junge Menschen – zu Recht – immer wieder den Eindruck haben, die Kohlen aus dem Feuer holen zu müssen, während sie gleichzeitig bei politischen Entscheidungen nicht mitbedacht werden. Allein beim Thema Rente ist es ja erwiesen, dass die junge Generation länger arbeiten und mehr einzahlen muss, um am Ende weniger zu haben. Das sorgt nicht dafür, dass man aus vollem Herzen sein Land verteidigen möchte. Andererseits gibt es eine realpolitische Situation, in der wir damit konfrontiert sind, dass unsere und die Souveränität der EU in Frage gestellt wird, wenn keine harten Entscheidungen getroffen werden. Wenn wir uns als EU politisch herumschubsen lassen, wird es in der Ukraine nicht enden. Wir erleben es schon mit wiederholten Sabotageakten und Grenzüberschreitungen im Baltikum, die gerade so an Artikel 42 des EU-Vertrags und Artikel 5 der NATO-Beistandsverpflichtung vorbeischrammen. Die Frage ist doch, wie wir mit alledem umgehen, egal, ob jung oder alt. Die Bedrohungslagen sind real. 


Wird diese Diskussion denn gut moderiert?

Anpalagan: Ich sehe nicht, dass die politisch Verantwortlichen in der Lage sind, den Menschen zu erklären, wofür sie kämpfen sollen und ein gesellschaftliches Bild zeichnen, das die Gesellschaft eint. Das spüren die Menschen, und sie haben kein Vertrauen in die politische Führung dieses Landes. Das ist ein Grundproblem. 


Was tun wir?

Anpalagan: Wir müssen den Anspruch haben, dass Vertrauen in die Politik hergestellt wird. Eine der Kernfragen meines Buches ist die Verteidigung der Werte. Und da gibt es einige Beispiele, wie Walter Lübcke, Angela Merkel oder den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann. Man muss gar nicht mit ihm übereinstimmen. Aber wenn man ihm glaubt, dass er denen, die sich integrieren wollen, die Hand austreckt, dann hat das etwas Vertrauensstiftendes. Aber an den entscheidenden Stellen an der Spitze des Landes braucht es eine andere Führung, um die Menschen zu überzeugen.


Im Buch schreiben Sie, dass der Bruch mit Ihrer früheren Gewissensentscheidung quer durch die Predigt geht, die Margot Käßmann 2010 gehalten hat und die den Satz beinhaltet: „Nichts ist gut in Afghanistan.“ Wie meinen Sie das?

Anpalagan: Ich habe großen Respekt vor dieser Predigt und auch vor Margot Käßmann, weil sie den Mut hatte, Dinge auszusprechen, um die die damalige Bundesregierung herumdruckste: Dass wir in einem Krieg in Afghanistan kämpfen und dass es nicht richtig ist, wenn westliches Militär ein Land systematisch zerstört und international geltende Menschenrechte missachtet und verletzt. Das ist im besten Sinne evangelisch und hat mir aus der Seele gesprochen. Gleichzeitig frage ich mich, wie diese Kreativität aussieht, die sie anspricht, wenn es um Alternativen zu militärischen Einsätzen gehen soll. Was sollen die Ukrainer tun? Dazu habe ich in den fünf Jahren dieses Krieges keine einzige konkrete Antwort erhalten. Wenn sie sich pazifistisch verhalten, wird es im ganzen Land Massaker geben, wie in Butscha. Ist diese Haltung christlich? Weil sich Pazifistinnen und Pazifisten vor dieser Antwort drücken, empfinde ich diese Haltung als unredlich. 


Erfahren Sie Kritik mit Ihren Aussagen?

Anpalagan: Ich erfahre durchweg Kritik, bis hin zu offenen Bedrohungen, nicht nur aus dem rechtsradikalen Lager, sondern auch von Menschen, die sich in ihren Nachrichten an mich als Pazifisten darstellen, was beinahe eine amüsante Ambivalenz darstellt. Wenn ein Gespräch zustande kommt, in dem es Raum für Nachdenkliches gibt, freue ich mich. Aber oft möchten manche nur ihre Stichwörter loswerden, zum Beispiel, dass die NATO auch Unrecht begangen hat, Russland nicht böse ist, und dass die Ukraine massive Probleme mit Korruption und Rechtsextremismus hat. Zum Teil ist die Kritik berechtigt. Vieles passiert gleichzeitig. Das anzuerkennen, ist wichtig. Aber die übergeordnete Frage ist trotzdem, wie schützen wir Leib und Leben der Menschen, die angegriffen werden? 


Ihr Buch endet mit der Aussage, von einem klaren Nein zu einem nachdenklichen Ja gekommen zu sein. Warum kein klares Ja?

Anpalagan: Die Nachdenklichkeit ist geblieben, auch vor dem Hintergrund der bestehenden Strukturen in der Bundeswehr: Frauenfeindlichkeit, wie im Fall des Fallschirmjägerregiments 26 oder rechtsextreme Vorfälle, die nicht vollständig aufgeklärt wurden. Ich habe mich als Reservist gemeldet, weiß aber noch nicht, wie es weitergeht, weil ich noch keine Rückmeldung erhalten habe. Es liegt so viel im Argen, mit Blick auf die soziale Ungerechtigkeit, dem Verfall unserer Infrastruktur, Rechtsextremismus und Antisemitismus. Aber es gibt eine normative Notwendigkeit zu einem Bekenntnis. Und die lautet im Moment eher Ja als Nein. 

 

Zum Buch

(c) Fischer Verlag

Mit seinem Buch „Für den Frieden. Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung“ möchte Stephan Anpalagan ein Gesprächsangebot machen und das Spannungsfeld aufzeigen, was es bedeutet, lange vertretende Haltungen infrage zu stellen. 

„Für den Frieden“ erschien Ende Mai im Fischer Verlag und hat 192 Seiten.