Wie geht’s dem Nächsten?

Überall im Bistum knüpfen und festigen kirchliche Haupt- und Ehrenamtliche Netze der tätigen Solidarität

Momentan ist das Smartphone für viele das beste Mittel, Kontakt mit ihren Angehörigen zu halten. Die Technik hilft, ein wenig die Distanz zu überbrücken, die man aus guten Gründen gerade halten muss. (c) www.pixabay.com
Momentan ist das Smartphone für viele das beste Mittel, Kontakt mit ihren Angehörigen zu halten. Die Technik hilft, ein wenig die Distanz zu überbrücken, die man aus guten Gründen gerade halten muss.
24. Mär 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 13/2020

Was berichten Menschen, die sich haupt- oder ehrenamtlich um das Gemeinwesen in unserem Bistum kümmern? Solange wir als KiZ-Redaktion unter den Epidemie-Bedingungen für Sie arbeiten können und dürfen, werden wir Ihnen immer wieder Blitzlichter aus dem Geschehen in unserer Nachbarschaft präsentieren. Den Anfang machen diese Beispiele und Stimmen. Fortsetzung folgt. Garantiert. Alles ist in Bewegung. 

Kraft für Körper und Seele: Auftanken im Freien, mit gutem, gesunden Abstand. (c) Thomas Hohenschue
Kraft für Körper und Seele: Auftanken im Freien, mit gutem, gesunden Abstand.

Burkard Schröders, Direktor des Diözesanen Caritasverbandes Aachen:

„Die steigende Zahl von Corona-Infektionen stellt unsere Gesellschaft vor große und unbekannte Herausforderungen. Weite Teile der Bevölkerung erleben jetzt Maßnahmen, die ihnen allenfalls aus den bisherigen Nachrichten entfernter Länder bekannt waren. Aktuell sind wir selber massiv betroffen und ahnen, dass die Folgen der Pandemie weitreichende Konsequenzen für alle bringen werden. Wir sehen von Tag zu Tag, wie ganze Industriebereiche zusammenbrechen. Die Daseinsvorsorge bzw. das Gesundheitssystem stoßen an Grenzen. Wir erkennen, wie zerbrechlich unser Wohlstand ist. Trotz der wachsenden Ansteckungszahlen kommen nach derzeitigem Stand Menschen in unserem Lande – nach einschneidenden und notwendigen Entscheidungen der Regierung – mit der Lage mehr oder weniger zurecht. Diejenigen, die aber mit einem besonders schweren Verlauf der Erkrankung zu tun haben, sind hingegen auf Intensivpflege angewiesen. Für diese Menschen ein Hilfe- system aufrecht zu erhalten ist unter den obwaltenden Umständen eine große Herausforderung in der Daseinsvorsorge.

Auch in den vielen Diensten und Einrichtungen der verbandlichen Caritas im Bistum Aachen, die mit großem Engagement und einem Höchstmaß an Umsicht handeln, ist es eine große Aufgabe, von der ambulanten Pflege, der Beratungsarbeit hin zu Einrichtungen der Kinder-, Alten-, Behinderten- und Jugendhilfe. Es gibt keinen Bereich, der verschont bleibt. Gefragt ist vor allem zuerst die Solidarität eines jeden Einzelnen. Die Eindämmung der Infektionsrate ist Mittel der Wahl. Ich habe großen Respekt vor allen, die sich derzeit beruflich oder im Ehrenamt um Menschen kümmern. Sei es in der Pflege und Behandlung, der Forschung, der Aufrechterhaltung der Versorgung oder in gemeinnützigen Solidaritätsaktionen. Wir spüren, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind und dass jeder an seinem Platz verantwortlich agieren muss. Tun wir es. Sicher werden wir diese Krise mit all dem, was unser Land kann, bewältigen. Ich bin mir aber auch sicher, dass unsere Welt danach ein Stück anders aussehen wird und muss. Aus Grenzerfahrungen Konsequenzen ziehen und nicht sofort wieder zur Tagesordnung übergehen, darauf setze ich im Ringen um eine gute Zukunft.“

 

Caritas Düren-Jülich e.V., Pressemitteilung:

Die Auswirkungen der Corona-Krise und die Maßnahmen zur Verlangsamung der Pandemie stellen die Bevölkerung vor gänzlich neue Herausforderungen. Wie komme ich an frische Lebensmittel, wenn ich erkrankt bin? Wie organisiere ich meinen persönlichen Alltag oder den meiner Familie neu? Und wie bekommen meine Hunde genügend Auslauf, wenn mir Quarantäne verordnet wurde? Die Vermeidung von sozialen Kontakten stellt manche Menschen vor besondere Schwierigkeiten. Nicht nur Ältere, die zur Risikogruppe bei einer Corona-Infektion gehören, benötigen jetzt Unterstützung – sondern auch berufstätige Eltern, pflegende Angehörige oder natürlich Vorerkrankte, die sich besonders schützen müssen. „In diesen besonderen Zeiten braucht es eine gelebte Solidarität mit  genau den Menschen, die vor diesen Fragen stehen. Als Nachbarin im Haus oder Nachbar, der in der Nähe lebt, gibt es einige Unterstützungsmöglichkeiten“, sagt Caritas-Vorstand Dirk Hucko.  Das macht die neue Nachbarschaftshilfe der Düren-Eifeler Caritas sichtbar und wirksam.

Eine Internetseite wurde unter www.caritas-dueren.de gebaut, eine Hotline eingerichtet. „Die Corona-Hilfe will im Grunde das Gleiche wie die Einzelinitiativen oder auch die Challenges in den Sozialen Netzwerken. Nur vielleicht können wir das mit unseren aktuell frei gewordenen Ressourcen etwas konzertierter machen und so diese tollen Initiativen sinnvoll ergänzen.“ Das Team hilft, freiwillige Helfer und Hilfebedürftige zusammen zu bringen, da sich dies nicht automatisch vor Ort ergibt. Dazu müssen auch lokale Netzwerke ergänzend zum Internet genutzt werden,  da man Teile der Zielgruppen eben nicht über das Netz erreicht. Neben den praktischen Alltagshilfen, wie diverse Besorgungen zu machen, ist eine gute Möglichkeit für ältere Ehrenamtliche beispiels- weise ein telefonischer Besuchsdienst, um mit anderen älteren Menschen, die derzeit vorsorglich alleine zu Hause bleiben, per Telefon regelmäßig Kontakt zu halten. „Vielleicht entsteht aus dieser Initiative auch ein ehrenamtliches Netzwerk für die Zeit nach Corona. Es wäre doch ein schöner Gedanke, wenn wir dadurch wieder mehr zusammenrückten.“

 

Manuela und Gabi Brülls, Gemeinschaft Sant‘ Egidio Mönchengladbach:

Seit vielen Jahren pflegt die Gemeinschaft Sant‘Egidio in Mönchengladbach Freundschaften zu alten Menschen im Altenheim Windberg. Regelmäßig werden die Bewohner von den Kindern und Jugendlichen der Regenbogenschule besucht. „Die Alten sind völlig isoliert und haben auch Angst“, sagt Manuela Brülls. „Eine 74-Jährige sagte zu mir: ,So etwas habe ich noch nie erlebt.’“ Um den Kontakt zu halten und den Frauen und Männern zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind, haben die Kinder Briefe geschrieben.  Über einen Telefondienst werden die Menschen, um die sich die Gemeinschaft kümmert, regelmäßig angerufen, um zu fragen, wie es geht und Hilfe anzubieten. Was besonders hilft, sind die Gespräche. Zum einen zeigen sie den Menschen, dass sie nicht alleine gelassen werden. Für die Familien der Regenbogenschule kommt ein weitere Aspekt hinzu: Ihnen werden in ihrer Heimatsprache die Neuigkeiten zu Corona erklärt. „Hier zahlt sich das Miteinander der zahlreichen verschiedenen Nationalitäten aus“, sagt Gabi Brülls.

Und noch eine Gruppe hat Sant‘Egidio im Focus: die Obdachlosen in der Stadt. „Die sind im Moment völlig verzweifelt“, sagt Manuela Brülls. „Ein Obdachloser sagte ,Wo sollen wir denn hingehen? Man kann uns Arme doch nicht alleine lassen!’“ Für sie hat die Gemeinschaft eine Hilfsaktion gestartet und bringt ihnen nun Essenspakete, solange der Franziskustisch nicht stattfinden kann. Zwar mit Schutzmasken und Handschuhen, aber weiterhin mit einem mitfühlendem, liebendem Herz. (gam)

 

Stephanie Eßer, Koordinatorin ambulanter Hospizdienst der ACD für die Region Aachen:

Von Seiten des Trägers sei man da von Anfang an sehr umsichtig gewesen und seit den ersten Fällen um Karneval in „Hab-Acht“, sagt Eßer. Veranstaltungen, Treffen und Kurse hat der Dienst frühzeitig gecancelt und den Ehrenamtlichen in der Hospizbegleitung von Anfang an freigestellt, ob sie bei den Menschen, die sie betreuen, persönlich vorbeischauen oder sie auf anderem Weg begleiten. Wer kein gutes Gefühl hatte, für sich selbst oder mit Blick auf die Patienten und ihre Angehörigen, der war angehalten, sich da nach sich selbst zu richten. Gerade auch hochaltrige nächste Angehörige hätten sie von Anfang an auch nicht zusätzlich gefährden wollen. Das habe das Team sehr verantwortlich gelöst. „Toll, wie sie damit umgehen und sich was einfallen lassen. Da wird telefoniert, gemailt und geskypt, um den Sterbenden und ihren Angehörigen nahe sein und sie gut begleiten zu können.“ Inzwischen empfehlen auch die Hospizverbände nur noch am Telefon zu begleiten und keine neuen Begleitungen mehr anzunehmen. „Wir sind trotzdem jederzeit telefonisch ansprechbar, auch wenn wir im Moment niemand neu annehmen. Oft sind das ja längere Krankheitsverläufe und wir wollen den Menschen das Gefühl vermitteln, dass sie nicht alleine sind, wenn sie Gesprächsbedarf haben.“ (ath)

 

Brigitta Schelthoff, Trauerseelsorgerin an der Grabeskirche St. Bonifatius Hückelhoven-Schaufenberg:

Die Grabeskirche St. Bonifatius gehört zur GdG Hückelhoven und liegt im Landkreis Heinsberg. „Im Moment ist es so, dass wir versuchen, eine gewisse Normalität zu organisieren“, sagt Brigitta Schelthoff. Im Kreis Heinsberg gibt es kaum einen Menschen, in dessen Umgebung nicht ein Coronafall ist oder sich jemand in Quarantäne befindet. In dieser Situation fehle den Menschen ein Ort der Spiritualität, da viele Kirchen geschlossen seien und die gemeinsamen Gottesdienste nicht mehr möglich. „Auch wenn es den Menschen hilft, wenn die Glocken geläutet werden.“ Dass sie in der Trauerbegleitung keine persönlichen Gespräche mehr führen kann, empfindet  die Seelsorgerin als schwierig. „Über das Telefon kann ich die Reaktionen nicht sehen. Es fehlt einfach die Gestik und Mimik. Dass wir nur noch telefonisch Trauergespräche führen dürfen, ist ganz ganz schlimm.“ (gam)

 

Ulrike Gresse, Trauerseelsorgerin der Grabeskirche St. Elisabeth Mönchengladbach-Eicken:

Seit einer Woche riecht es manchmal etwas säuerlich in Ulrike Gresses Büro. Das liegt daran, dass die Trauerseelsorgerin immer, wenn sie ein persönliches Gespräch hatte, Stühle und Türklinken mit Essigwasser abwischt. „Die persönlichen Gespräche haben wir auf die Fälle reduziert, bei denen es wirklich nötig ist“, sagt sie. Die meisten Gespräche werden mittlerweile telefonisch geführt. „Wir klären das immer schon beim ersten Gespräch ab, wie wir das machen.“ Wenn ein akuter Trauerfall eintritt, sei ein persönliches Gespräch in ihrem Büro oft noch gar nicht so gefragt. „Die Trauernden haben so viel mit der Organisation der Formalia zu tun, dass sie erst mal etwas abgelenkt sind.“ Anders sieht es bei denen aus, die von ihr schon eine Weile begleitet werden. „Bei denen, die schon auf einem guten Weg sind, kann ich die Begleitung telefonisch weiterführen.“ Die erforderliche Nähe für ihre Arbeit lasse sich auch über diese Distanz herstellen – ähnlich wie bei der Telefonseelsorge. „Gut finde ich, dass Beerdigungen noch stattfinden können“, sagt Gresse. „Für die Angehörigen ist damit schon ein kleiner Abschluss da. Angehörige möchten gerne, dass der Verstorbene seinen Ruheplatz findet. Damit können sie leben.“ Zudem enthalte die Situation eine Botschaft, die auch Trauernden gut tue: „Das ist jetzt schlimm, aber wir können darauf reagieren und damit umgehen.  (gam)