Das offizielle Schreiben hat bei Çağdaş Eren Yüksel und seinem Team Entsetzen ausgelöst. Mit dem vom Bundestag beschlossenen Haushalt 2026 seien die Mittel für das Bundesprogramm Gesellschaftlicher Zusammenhalt gekürzt worden.
Die Konsequenz: Projekte wie „Teller ohne Rand“ werden nicht mehr unterstützt. Das Projekt geht in Schulen und bringt Jugendlichen in kreativen Workshops gesellschaftspolitische Themen nahe. In selbst produzierten Filmen, Songs und Texten setzen sie sich mit Themen wie Rassismus, häusliche Gewalt, Armut, Demokratie oder gesellschaftliche Spaltung auseinander.
„In den letzten Jahren bewegt mich sehr, dass 16- und 17-Jährige das Vertrauen in Politik und Demokratie verloren haben“, sagt Yüksel. „Wenn Jugendliche in dem Alter schon der Meinung sind, dass es sich nicht lohnt, wählen zu gehen oder sich zu engagieren, dann wird unsere Gesellschaft in einigen Jahren massive Probleme haben.“ Dabei sind es nicht nur Jugendliche mit Migrationshintergrund, die keine Perspektive für sich sehen. Yüksel und sein Team halten ihre kostenlosen Workshops in Gymnasien wie Hauptschulen. In letzteren treffen sie oft auf Jugendliche, die aus armen Familien kommen. „Nicht verschiedene Nationalitäten oder Religionen sind das Problem der Kids“, sagt der 31-Jährige. „Sondern die strukturelle Benachteiligung.“ Immer wieder macht sein Team die Erfahrung, dass schon zwei Workshops bei den Jugendlichen etwas bewirken können. Sie merken, dass sie mit Engagement die Richtung einer Veränderung mitbestimmen.
Vielfach engagieren sich Ehrenamtliche für die Gesellschaft. Frauen und Männer stellen sich bei Wind und Wetter auf öffentliche Plätze und geben für Obdachlose Essen aus. Sie lesen in Kitas vor, helfen Flüchtlingen beim Deutschlernen und Kindern und Jugendlichen bei den Hausaufgaben oder der Suche nach Ausbildungsplätzen. Mit ihrem Einsatz bringen sie Menschen zusammen, hören zu und helfen an entscheidenden Stellen. Oft aus der Überzeugung heraus, dass eine Gesellschaft, die allen ein gutes Leben ermöglicht, lebenswerter ist.
„Wer zu uns kommt, hat die unterschiedlichsten Themen und Schwierigkeiten im Rucksack“, sagt Iris Neumann-Küppers, Vorständin des Sozialdienst katholischer Frauen Mönchengladbach (SKF). Der SKF ist Träger des Jugendhaus am Steinberg und eines Frauenhauses, er bietet Unterstützung für Familien an – von der Beratung bei Konflikten bis hin zur Vermittlung von Familienpaten, Pflege- und Adoptionsfamilien. „Bei uns darf jeder so sein, wie er ist“, sagt Neumann-Küppers. Das ist gerade für die Kinder und Jugendlichen wichtig, die nicht mehr in ihren Ursprungsfamilien leben können. Alle haben traumatische Erfahrungen gemacht: psychisch kranke Eltern, die sich nicht um ihre Kinder kümmern können oder häusliche Gewalt.
Die Vielfalt kombiniert mit den Herausforderungen, denen sich die Kinder und Jugendlichen schon früh in ihrem Leben stellen müssen, bringt auch Konflikte mit sich. „Manchmal wird in den Wohngruppen gebrüllt oder es geht auch etwas kaputt“, sagt Neumann-Küppers offen. Die Kinder und Jugendlichen lernen hier, mit ihren Gefühlen und der Situation umzugehen.
Wenn man die SKF-Vorständin fragt, welchen Wert sie in der Arbeit des professionellen Teams und der 70 Ehrenamtlichen für die Gesellschaft sieht, nennt sie die Vielfalt, die der SKF mit allen Beteiligten abbildet. „Ich glaube, wir können damit Vorbild für die Gesellschaft sein“, sagt Neumann-Küppers. Die Vielfalt ist die Basis für kreative Lösungen.
Daran glauben auch die Unterstützer von Yüksel. Nach einem Aufruf auf seinen Social Media-Kanälen kamen innerhalb von 24 Stunden mehr als 70.000 Euro an Spenden zusammen. Die Arbeit ist damit auch 2026 gesichert.
Welche Bedeutung haben kirchliche Verbände oder Initiativen für den Zusammenhalt einer Stadtgesellschaft?
Dr. Michael Ziemons: Ich bin selber in kirchlichen Verbandswelten sozialisiert und weiß, dass kirchliche Verbände und Initiativen einen unschätzbaren Beitrag für den Zusammenhalt unserer Stadtgesellschaft leisten. Sie erreichen Menschen oft dort, wo staatliche Strukturen an ihre Grenzen stoßen, mit einer großen Nähe zu den konkreten Lebenslagen der Menschen.
Was, wenn dieses Engagement wegbräche?
Ziemons: Eine Kommune kann und muss Verantwortung übernehmen, aber sie kann nicht alles ersetzen, was durch freiwilliges, kirchliches Engagement geleistet wird. Was fehlen würde, ist nicht nur ein Angebot, sondern eine Haltung: Nächstenliebe wird ganz praktisch gelebt. Es geht um den Menschen, der gesehen und ernst genommen wird. Wir erleben bereits jetzt, dass der Staat immer öfter Dinge kompensiert, die früher von Kirche geleistet wurden. Das gelingt nie vollständig.
Worin liegt die Stärke kirchlichen Engagements?
Ziemons: Kirchliches Engagement verbindet Professionalität mit Herz, Struktur mit Barmherzigkeit. Gerade in einer Zeit zunehmender Vereinzelung und gesellschaftlicher Spannungen sind diese Räume der Solidarität und der Hoffnung unverzichtbar. Als Oberbürgermeister und Christ bin ich dankbar für dieses Engagement, denn eine Stadt lebt nicht nur von Infrastruktur und Verwaltung, sondern von Menschen, die füreinander einstehen. „Ge-erde-t“ und zugleich „ge-himmel-t“ sein; das ist das „super additum“, das kirchliches Engagement so besonders macht.