»Wenn wir jetzt handeln, können wir es meistern«

Gemeinwohl ist ein harter ökonomischer Faktor, sagt Nils Goldschmidt. Chancengerechtigkeit, gesellschaftlicher Zusammenhalt und positive Narrative wirken einer Polarisierung entgegen.

(c) Bistum Aachen/Andreas Steindl
Datum:
5. Jan. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 01/2026

„Nur in demokratischen Gesellschaften ist es möglich, jedem Menschen ein freiheitliches Leben zu ermöglichen“, betont der Theologe und Ökonom Prof. Dr. Nils Goldschmidt. Gemeinwohl bedeute dabei nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten. 

Kirchenzeitung: Herr Prof. Goldschmidt, im November haben Sie bei der Veranstaltung „Kirche trifft Politik“ in Aachen über Gemeinwohl diskutiert. Klingt Gemeinwohl angesichts einer knallharten Weltpolitik nicht zu sehr nach Sozialromantik?

Nils Goldschmidt: Gemeinwohl ist keine Sozialromantik, sondern die Frage nach den Bedingungen des Miteinanders in einer Gesellschaft. Wir unterschätzen völlig, dass Gemeinwohl damit ein harter ökonomischer Faktor ist, der mit darüber entscheidet, welche wirtschaftliche Performance wir haben. Ein hohes Gemeinwohl wirkt der Polarisierung entgegen. Es ist ein Trugschluss, dass der  starke Mann oder die starke Frau es richten wird.


Warum wirkt Populismus dennoch so verlockend?

Goldschmidt: Wir leben in einer Zeit multipler Krisen, die die Menschen stark verunsichern. Sie suchen Orientierung und Halt. Angesichts aller gesellschaftlichen Herausforderungen müssen wir im Gespräch bleiben. Es ist aber anstrengend, immer neue Perspektiven einzunehmen und sich mit neuen Dingen zu beschäftigen. Viele Menschen sehnen sich nach einfachen Lösungen. Wenn Menschen die Orientierung verloren haben, projizieren sie ihre Hoffnungen auf jemanden, der die eigene Leere füllen kann. MAGA ist ein Trick, den Donald Trump angewandt hat. Es geht ihm nicht um die Menschen. Aber er gibt Menschen, die von den aktuellen Problemlagen überfordert sind, vor, dass er die Lösung hat. 

 

„Kirche trifft Politik“: In der digitalChurch Aachen tauschte sich Nils Goldschmidt mit Bischof Helmut Dieser aus. (c) Bistum Aachen/Andreas Steindl
„Kirche trifft Politik“: In der digitalChurch Aachen tauschte sich Nils Goldschmidt mit Bischof Helmut Dieser aus.

Die Gesellschaft der USA ist gespalten, dennoch ist das Land eine erfolgreiche Wirtschaftsmacht. Geht Trumps Plan auf?

Goldschmidt: Auch für die USA wird es immer schwieriger, wirtschaftlich stabil zu bleiben, wenn sie nicht in den Zusammenhalt investieren. Wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftlicher Zusammenhalt korrelieren eng. Das ist die Erfolgsgeschichte der Sozialen Marktwirtschaft. Nach dem Krieg war sie das Wirtschaftsmodell, das auch die Gesellschaft wieder zusammenwachsen ließ. 

Was ist aus der Sozialen Marktwirtschaft geworden?

Goldschmidt: Wir haben in Deutschland ein hohes Maß an sozialer Sicherung, ein hohes Maß an wirtschaftlicher Sicherheit. In der Breite geht es uns gut. Aber natürlich besteht zugleich ein wesentlicher Reformbedarf, sei es bei den sozialen Sicherungssystemen, in der Bildungspolitik oder hinsichtlich grundlegender Verwaltungsreformen. Hier sind in den nächsten Jahren zentrale Anstrengungen nötig.

 

Was macht eine gerechte Gesellschaft aus?

Goldschmidt: Wesentlich ist, dass Menschen die Möglichkeit bekommen, ein gutes Leben zu führen. Lasst uns darauf schauen, ob jeder/jede nach seinen/ihren Fähigkeiten die Möglichkeit hat, den eigenen Weg zu gehen. Eine gerechte Gesellschaft ist freiheitlich, demokratisch, aber auch wirtschaftlich erfolgreich. Wir trauen dem anderen zu, seine eigenen Interessen einzubringen. Das macht für mich eine gerechte Gesellschaft aus. Nicht, dass alle das gleiche haben, sondern dass alle die gleichen Möglichkeiten und Chancen haben, selbst ihren Weg bestimmen können. Wir unterschätzen auch diesen Aspekt sehr oft. Weil wir uns an etwas gewöhnt haben, was nicht selbstverständlich ist. In Deutschland musste niemand mehr Krieg und Zwang erfahren – und ich wünsche es keinem. Aber wir müssen uns dafür einsetzen, das zu erhalten. Das ist nicht easy.


Verändert der Krieg etwas?

Goldschmidt: Wir kommen wieder näher an existenzielle Fragen heran. Gleichzeitig diskutieren wir lang und breit über die Kosten des Deutschlandtickets. Aber es geht derzeit um viel mehr: In Europa wird ein Krieg geführt, wir müssen verteidigungsbereit sein, den Krieg in der Ukraine priorisieren. Lange Zeit war scheinbar alles möglich, jedes Sonderinteresse hat Unterstützung bekommen. Wenn aber eine existenzielle Bedrohung wahrscheinlicher wird, sind andere Dinge angezeigt.


Was können wir für das Gemeinwohl aktiv tun?

Goldschmidt: Wir können daran arbeiten, dass die Chancen besser werden. Beispielsweise in der Bildungsgerechtigkeit sind wir nicht unbedingt vorbildlich; es wird sehr früh nach Leistungen differenziert. Eine längere Beschulung ist gerade für Kinder aus schwierigen sozioökonomischen Verhältnissen vorteilhaft. Wir investieren viel zu wenig in schulische Sozialarbeit. Was hilft ein Whiteboard, wenn Kinder die Schule ohne Abschluss abbrechen? In der Sozialpolitik wird auch an manchen Stellen viel zu kurz gedacht. So wichtig es ist, ein materiell auskömmliches Leben zu haben, vielen Bürgergeldbeziehern ist nicht allein damit geholfen, dass sie 50 Euro mehr bekommen. Sie brauchen Unterstützung, wir müssen ihnen aktiv Hoffnung geben, wieder Teil des Arbeitsmarkts zu werden. Viele haben das Gefühl, aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein. Als Gesellschaft hilft es uns nicht, Menschen materiell ruhigzustellen. Es ist beispielsweise auch Aufgabe guter Kommunalpolitik, alle Menschen an politischen Debatten teilhaben zu lassen, den Menschen wieder eine Wertigkeit zu geben. Die Ideologie des starken Mannes oder der starken Frau verfängt eben nicht, wenn wir die Ränder wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückholen.


Wie hängen Gemeinwohl, gesellschaftlicher Zusammenhang und wirtschaftliche Produktivität zusammen?

Goldschmidt: In einer jüngst veröffentlichten, empirischen Studie für das Roman-Herzog-Institut haben wir auf der Grundlage von Daten aus 171 Ländern gezeigt, dass alles miteinander zusammenhängt. Eine gerechte Gesellschaft braucht Investitionen in die physische Infrastruktur, also Schienen, Straßen, Gebäude, aber auch in die soziale Infrastruktur. Es muss unser Ziel sein, soziale Orte zu schaffen, an denen Zusammenleben gelingt. Die Politik sollte Kompromisse nicht als faule Deals verkaufen, sondern als klassisches demokratisches Mittel, um verschiedene Interessen in einer Gesellschaft zu vereinen. Es hilft nur das gemeinsame Gespräch. Das ist mühsam. Aber wir sollten ein Leben in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft nicht aufgeben.


Wo kann jeder von uns ansetzen, um über Gemeinwohl zu sprechen und Populismus entgegenzuwirken?

Goldschmidt: Wir sollten positive Narrative erzählen, uns bewusst machen, dass ein Modell, wie wir es haben, sehr erfolgreich ist. Gerade die west- und nordeuropäischen Länder haben beides: hohe wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das ist etwas Großartiges, nur vergessen wir es ganz oft. Wir sollten das nicht schlechtreden oder nur überlegen, wo könnte es noch besser sein. Wir sind nicht die Schweiz oder Luxemburg. Aber wer vergleicht seine eigene Lage mit der der Menschen im Südsudan? Es gibt Probleme, die wir angehen müssen. Aber meist bewegen wir uns auf einem großartigen Niveau. Wir sollten unsere Denkweise ändern, nicht immer schwarzsehen und die Katastrophe an die Wand malen, sondern uns sagen: „Wenn wir jetzt handeln, können wir es meistern.“ Viele kleine Fortschritte werden uns helfen, nicht radikale Lösungen. 


Welche Rolle spielt das Ehrenamt für das Gemeinwohl?

Goldschmidt: Das Ehrenamt ist wichtig. Aber wir sollten es nicht heroisieren. Ehrenamtliches Engagement ist im Grunde das normale Miteinander-Umgehen in einer an Gemeinwohl orientierten Gesellschaft. Es täte uns in Deutschland gut, wenn bürgerliche Beteiligung eine größere Rolle spielen würde. 


Wie schauen Sie auf 2026?

Goldschmidt: Vor dem Hintergrund der geopolitischen Lage durchaus besorgt, aber dennoch optimistisch. Es liegt an uns, dass das Miteinander gelingt. Ich weiß, dass es schwierig ist, Botschaften zu vermitteln, die nicht polarisieren. Wir sind so gepolt, dass wir nur noch steile Thesen gut finden. Wir sollten wieder lernen, auch die andere Seite als gleichberechtigt zu sehen, Kompromisse wieder ernst zu nehmen. 

Zur Person

(c) Bistum Aachen/Andreas Steindl

Prof. Dr. Nils Goldschmidt ist seit Februar 2025 Direktor des Weltethos-Instituts an der Universität Tübingen. Er ist zudem Professor für Kontextuale Ökonomik und ökonomische Bildung an der Universität Siegen und seit Oktober 2024 Mitglied im Deutschen Ethikrat. Nils Goldschmidt ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Ökonomische Bildung (DeGÖB) und Berater der Deutschen Bischofskonferenz zu gesellschaftlichen und sozialen Fragen. Darüber hinaus engagiert er sich in wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Organisationen: unter anderem als Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft in Tübingen, des Kuratoriums des Ludwig-Erhard-Forums in Berlin und des Beirats des Roman Herzog Instituts in München.