Weit mehr als Begleitung

Wie die Kirchenmusik die Gesellschaft prägt und sogar die lokale Wirtschaft unterstützen kann

Wer im Chor singt, schätzt die Gemeinschaft und die Freude am Musizieren (c) Bistum Aachen/ Andreas Steindl
Wer im Chor singt, schätzt die Gemeinschaft und die Freude am Musizieren
Datum:
13. Sept. 2023
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 37/2023 |Garnet Manecke

Ohne Musik ist ein Gottesdienst nicht denkbar. In der Liturgie haben Orgelspiel und der Gesang der Gemeinde einen festen Platz. Doch auch außerhalb der Liturgie spielt die Kirchenmusik eine wichtige Rolle für das Leben in den Gemeinden und deren Gesellschaft. Oft prägt sie das kulturelle Leben vor Ort und leistet auch darüber hinaus viel.

Die Orgel kann was: Wuchtige Klänge kann Stefan Emanuel Knauer ihr entlocken, die dröhnend durch den Kirchenraum von St. Lambertus in Erkelenz fliegen und die Kirchenmauern fast erzittern lassen. Aber auch hauchzarte leise Töne bringt sie hervor, als würde das Instrument die Musik nur schüchtern flüstern.

Gut ein Jahr ist es jetzt her, dass die Scholz-Orgel eingeweiht wurde. 55 Register, verteilt auf vier Manuale und 3200 Pfeifen: Stolze 1,3 Millionen Euro hat sich die Gemeinde das Instrument kosten lassen. Gespart in 14 Jahren, in denen Benefizkonzerte gegeben und fleißig Spenden gesammelt wurden – finanziert aus eigener Kraft. Sogar eine eigene Empore wurde für das Instrument gebaut.

Eine Anstrengung, die sich gelohnt hat. Von Anfang an sorgte das Instrument in Fachkreisen für positive Kritiken. Schon zu den Festkonzerten anlässlich der Einweihung im August 2022 gaben sich große Organisten die Klinke in die Hand: Stephen Tharp aus New York und Jonathan Scott aus Manchester spielten. In den vergangenen Monaten haben sich weitere dazu gesellt, darunter Olivier Latry, einer der Titularorganisten von Notre-Dame in Paris.  

Diese Begeisterung zieht Kreise, die weit über die Liebe zur Musik hinausgehen

Neben der klassischen Musik sind in Kirchen auch Pop und Jazz zu hören (c) Bistum Aachen/ Andreas Steindl
Neben der klassischen Musik sind in Kirchen auch Pop und Jazz zu hören

Denn zu den Konzerten kommen inzwischen Musikliebhaber aus Hamburg und Berlin und dem benachbarten Ausland. „Auch die Stadt profitiert davon, denn die Leute übernachten hier, gehen hier essen“, sagt Knauer. „Die Gemeinde strahlt nach außen. Erkelenz steht für gute Kultur.“ Das Beispiel zeigt, wie sich die Rolle der Kirchenmusik verändert hat. Längst geht die Arbeit der Kantoren in den Gemeinden über die Begleitung von Gottesdiensten und die Gestaltung von Konzerten hinaus. „Als ich in der Kirchenmusik angefangen habe, waren die Kirchenmusiker jeweils für einen Kirchturm zuständig“, sagt Michael Hoppe, Kirchenmusikreferent im Bistum Aachen.

Das hat sich grundlegend verändert. Heute ist ein Kantor für mehrere Gemeinden zuständig. Das bringt auch Veränderungen in den Arbeitsbereichen mit sich. Zwar ist das Kerngeschäft der Kantoren nach wie vor, in Messen zu spielen. Aber daneben hat sich das Aufgabengebiet sehr erweitert. „Es ist viel mehr Organisation geworden. Kirchenmusiker betreuen heute viel mehr Gruppen.“ Sie gehen in Kindertagesstätten und Schulen, um mit Kindern und Jugendlichen zu singen. Sie betreuen klassische Kirchenchöre, aber auch Jugend-, Gospel- und Projektchöre. Dafür werben sie immer wieder, indem sie sich mit Schulen, Kindertagesstätten und Kulturinstitutionen vernetzen.

„Das musikalische Portfolio ist viel, viel breiter geworden“, sagt Hoppe. „Das können nicht alle Kollegen komplett bespielen, aber sie organisieren es.“ Gleichzeitig sind mit den Gemeinschaften der Gemeinden (GdG) die räumlichen Verhältnisse für die Kirchenmusiker viel größer geworden. Jede GdG hat mehrere Kirchen an unterschiedlichen Orten, in denen Gottesdienste gefeiert werden – zum Teil parallel.

Für die Kantoren heißt das, eine Vertretung zu organisieren, wenn sie selbst nicht spielen können. Das wird immer schwieriger. Denn die Zahlen der Aktiven in der  Kirchenmusik gehen seit Jahren kontinuierlich zurück.  

Schon 2020 waren deutschlandweit 80 offene Stellen für hauptberufliche Kirchenmusiker zu besetzen

Auch das gehört dazu: Friederike Braun (M.) und Michael Hoppe (r.) geben Essen aus (c) Bistum Aachen/ Andreas Steindl
Auch das gehört dazu: Friederike Braun (M.) und Michael Hoppe (r.) geben Essen aus

Denen standen 41 Absolventen und Absolventinnen deutscher Kirchenmusik- und Musikhochschulen gegenüber. Doch weit mehr als die Hälfte der Stellen bleibt offen, weil nicht alle Absolventen in den Kirchendienst gehen. „Ein hauptberufliches Kirchenmusikstudium ist das anspruchsvollste Studium in der Musik“, sagt Hoppe. Neben dem Instrumentalstudium beinhaltet es auch Komposition sowie Chor- und Orchesterleitung. Das macht es auch interessant für Studenten, die gar nicht vorhaben, anschließend in den Kirchendienst zu gehen.

Diejenigen, die nach dem Abschluss aber eine Stelle als Kantor suchen, haben quasi freie Auswahl. Im Bistum Aachen gibt es insgesamt 722 Kirhenmusikerinnen und Kirchenmusiker (Stand: Dezember 2022). Davon sind 50 hauptberuflich beschäftigt und 84 nebenberuflich mit einem Beschäftigungsumfang von unter 50 Prozent. Die mit Abstand größte Gruppe der Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker im Bistum Aachen stellen die Ehrenamtlichen: 588 Frauen und Männer setzen sich derzeit in den Gemeinden ehrenamtlich an die Orgeln.

Einer von ihnen ist Kilian Inden. Seit über zehn Jahren spielt der 28-Jährige in seiner Heimatgemeinde Arnoldsweiler ehrenamtlich die Orgel in Gottesdiensten. Angefangen hat alles mit einer Anfrage der Klinikseelsorge der LVR-Klinik Düren. „Seit meiner Kindheit spiele ich Keyboard und war immer Messdiener“, sagt Inden. „Ich fand, dass so eine Orgel schon cool klingt. Das wollte ich lernen.“

Also nahm er an der Musikschule Orgelunterricht. Als in der LVR-Klinik die Organistin ausfiel, wurde Inden angefragt. An seinen ersten Einsatz kann er sich nicht mehr genau erinnern. Nur daran, dass er wohl ziemlich aufgeregt war. „Vorab habe ich die Stücke bekommen, damit ich üben konnte“, berichtet er. „Damals hat der Pfarrer dann immer angesagt, was gerade gesungen wird, damit ich wusste, wann mein Einsatz kam.“  

Zwei Jahre hat er in der Klinik gespielt, als die Anfrage aus seiner Heimatgemeinde Arnoldsweiler in der GdG Düren-Nord kam

Konzentrierte Proben kann man auch mit Kindern und Jugendlichen gestalten (c) Bistum Aachen / Andreas Steindl
Konzentrierte Proben kann man auch mit Kindern und Jugendlichen gestalten

Seitdem übernimmt er Vertretungen. In der Klinik kommt er auf zwei Einsätze im Monat, in der GdG kommt es darauf an, wann er als Vertretung gebraucht wird. Warum macht er das? „Ganz einfach: Weil es Spaß macht“, sagt Inden. Als hauptberuflicher Stadtplaner in Düren ist er unter der Woche vor allem in der nüchternen Welt von Berechnungen und Zahlen aktiv. Da ist die Musik ein guter Ausgleich.  Wie Inden geht es den meisten Aktiven in der Kirchenmusik.

Im Rahmen des „Heute bei dir“-Prozesses wurden kirchenmusikalische Gruppen im Bistum Aachen nach ihrer Motivation für das Engagement befragt. Der Spaß und die Freude an der musikalischen Aktivität wurde von über 90 Prozent der Befragten angegeben. Auf Platz zwei folgt die Begegnung mit Gleichgesinnten (70 Prozent), Platz drei belegt der Zusammenhalt in der Gruppe, die die Menschen auch außerhalb von Proben und Auftritten im Alltag stärkt und trägt. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl sehen die Kirchenmusiker schon bei Kindern.

Friederike Braun, Regionalkantorin in der Region Kempen-Viersen, hat einen Schwerpunkt in der Kinder- und Jugendarbeit. „Kinder erfahren durch das Singen im Chor und in der Gemeinschaft Wertschätzung und damit Stärkung“, ist ihre Erfahrung. Braun geht in Kindergärten und Schulen. Aber auch außerhalb des Schullebens hat sie einen Kinderchor. Bei den Proben muss sie den Spagat schaffen, die Kinder zu fordern, ohne sie zu überfordern. „Man sollte Kindern ruhig etwas zutrauen“, ist ihre Erfahrung. „Es gibt nichts Schlimmeres, als Kinder zu unterfordern. Sie merken das und fühlen sich nicht ernst genommen.“

Kinder wollen verstehen, warum jetzt eine bestimmte Passage gesungen wird und was die Texte bedeuten. Braun singt mit ihnen deutsche wie lateinische Texte. Ein zweites Erfolgsgeheimnis: Jedes Kind darf bei ihr mitmachen und auch  alleine singen – das gilt auch für die „Brummer“. „Wir gehen respektvoll miteinander um: Niemand wird ausgelacht oder kommentiert“, sagt Braun.
Meist verflüchtigt sich das „Brummen“, wenn die Kinder gelernt haben, ihre Stimme einzusetzen. Trotzdem kann man ein hohes Niveau erreichen. Ihre Kinderchöre singen in Oratorien mit und gestalten Krippenspiele.  

In der Eifel sind ganze Familien in Chören, Projektchöre dagegen bilden sich selten

Neben der klassischen Kirchenmusik machen auch andere musikalische Stile das gemeinsame Musizieren interessant. (c) Bistum Aachen/ Andreas Steindl
Neben der klassischen Kirchenmusik machen auch andere musikalische Stile das gemeinsame Musizieren interessant.

Welch große Rolle die Chorarbeit spielt, hat Holle Goertz, Regionalkantorin Eifel, nach den Coronabeschränkungen erfahren. „Die Kinder und Jugendlichen haben den Chor wieder entdeckt“, freut sie sich. In der ländlich geprägten Eifel spielt er eine wichtige Rolle in der Gesellschaft. Goertz hat in ihren 22 Jahren in Kall festgestellt, dass er fester Bestandteil des Gemeindelebens ist. „Teilweise sind ganze Familien in den Chören“, sagt sie. Projektchöre wie in städtischen Regionen gibt es hier selten.  

Bei allem Engagement und der Liebe zur Kunst eint die Kirchenmusiker, dass sie den Glauben vermitteln wollen. „Wir können mit Musik eine emotionale Ebene ansprechen“, sagt Knauer. „Es geht um eine pastorale Arbeit“, sagt Braun. „Mit Musik erreicht man auch die, die keinen Bezug zur Kirche haben.“ Das sieht auch Goertz so: „Der wöchentliche Kontakt zur Kirche über Jahre zieht Kreise, weil die Eltern ihre Kinder begleiten.“ 

Als musikalische Mitarbeiter im Pastoralen sieht Hoppe seine Rolle. „Über die Kirchenmusik sind wir direkte Schnittstelle zwischen Kirche und Gesellschaft.“ Als weltliche Institution hat der Deutsche Musikrat auf dem „Kongress zur Kirchenmusik 2022“ bestätigt, dass sie ein „prägender Bestandteil unseres kulturellen Lebens“ sei, der „weit über die religiöse Verkündigung hinaus“ gehe.