Was prägt mein Leben?

Nord-Süd-Dialog in Aachen diskutierte Religionen als Lebens- und Denkformen

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7. Jan 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 02/2020 |Kathrin Albrecht

Was prägt uns als Menschen? Was beeinflusst unser Denken und unser Leben? Diese Frage lässt sich im 21. Jahrhundert nicht mehr so einfach beantworten. Eines ist jedoch klar: Die Religion ist es für immer mehr Menschen immer weniger. Und doch kann sie auch dem modernen Menschen ein Angebot für ein Lebenskonzept bieten. Wie das aussehen kann, besprachen Vertreter verschiedener Traditionsrichtungen und Religionen auf der 19. Tagung des Nord-Süd-Dialogs.

  Seit 30 Jahren erörtern Fachleute weltweit im Rahmen dieses Programms, wie Religion und Spiritualität mit gesellschaftlichen Fragen zusammenhängen. Vier Tage lang standen unter dem Titel „Religionen als Lebens- und Denkformen“ Beispiele aus den Weltreligionen Christentum, Judentum, Islam und Buddhismus sowie aus den indigenen Religionen Lateinamerikas und Afrikas im Mittelpunkt der Diskussionen.  Denn was wir in der westlichen europäischen Welt als Trend beobachten, dass Religion zunehmend als veraltetes Lebenskonzept abgelehnt wird, gilt nicht für andere Teile in der Welt. Gleichzeitig gerät auch das Gesellschaftsmodell, das auf Fortschritt und Konsum ausgerichtet ist, scheinbar zunehmend an seine Grenzen.

Welche Angebote unterbreiten die Religionen den Menschen heute? Für Raúl Fornet-Betancourt, Honorarprofessor am Institut für katholische Theologie der RWTH Aachen und Begründer des Nord-Süd-Dialogprogramms, bieten die Religionen noch immer grundlegende Denk- und Lebenskonzepte an.  Sie stellen eine Kraftquelle dar, aber beeinflussen auch, wie sich Menschen zu gesellschaftspolitischen Fragen positionieren: „Wie prägt Religion meine Haltung zum Beispiel pro oder kontra Abtreibung, Migration oder im Zusammenleben der Menschen? Je nachdem, was wir glauben, haben wir dazu auch eine Meinung.“ Die Religionen entwerfen für ihre Angehörigen unterschiedliche Denk- und Lebensformen. Traditionen prägen die jeweilige Spiritualität. Im Islam spielt beispielsweise das Gebet eine wichtige Rolle. Im Judentum trägt die Tora den Gläubigen im Alltag viele Verpflichtungen auf. 

Drei Begriffe sind nach Fornet-Betancourt prägend für die christliche Spiritualität: Freiheit, Zeit und Identität. Die christliche Spiritualität ist eng verbunden mit der Nachfolge Christi. Für Fornet-Betancourt bedeutet es auch ein besonderes Verhältnis zur Freiheit des Geistes: „Spiritualität macht mich frei.“ Dabei sei nur eines notwendig: Die Nachfolge ist die Anerkennung einer höheren Notwendigkeit, der Spiritualität. Im Verhältnis zur Gegenwart müsse der spirituelle Christ erkennen, was überflüssig ist. Die Idee der Nachfolge bedinge auch die Idee der Gemeinschaft. 

Mit dem Begriff der Spiritualität tun sich viele Menschen heute schwer. „Ein spiritueller Mensch sieht Dinge, die nicht sichtbar sind“, definiert Raúl Fornet-Betancourt den Begriff. Und genau da bestehe das Spannungsfeld in unserer modernen Welt. Wir lebten quasi in einer Diktatur des Visuellen, glaubten vor allem, was wir sähen und beweisen könnten. Ein spiritueller Menschen hingegen, sagt Fornet-Betancourt, rechne auch mit Dingen, die man nicht sehen könne.  Gleichzeitig rücke die Spiritualität den einzelnen in ein Spannungsfeld mit der Gegenwart. „Dein Reich komme“, das setzt uns in ein unbequemes Verhältnis, wir sind nicht auf der Höhe der Zeit, sondern auf der Höhe der Notwendigkeit. Daraus ergebe sich eine ungewisse Unzeitgemäßigkeit. Als Beispiel nennt der Professor das Wirken von sechs Jesuiten, die vor 30 Jahren in El Salvador ermordet wurden. Sie handelten aufgrund ihrer christlichen Haltung unzeitgemäß in den Augen des damals herrschenden Regimes. 

 

Kann ein moderner Mensch spirituell sein?

Gegenstand der Tagung waren auch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Religionen in der Spiritualität. Was können Christen beispielsweise von anderen in Sachen Spiritualität lernen? Dass der Mensch ein Reisender ist, finden wir als Idee sowohl im Judentum als auch im Buddhismus. Das Bild vom Pilger, vom Suchenden, ist auch in der christlichen Spiritualität verankert. Die Verpflichtung zur Nächstenliebe ist ebenfalls ein gemeinsamer Nenner mehrerer Religionen. Problematischer sei der Freiheitsbegriff. Dieser sei seit der Renaissance in Europa ein anderer. Bis dahin war Freiheit gebunden an eine natürliche Ordnung: Der Mensch war Teil eines größeren Ganzen, nicht der Mittelpunkt allen Handelns. Der moderne Mensch hingegen geht davon aus, Schöpfer seiner eigenen Freiheit zu sein. Er ist kein Naturwesen mehr.

Problematisch ist auch der Fortschrittsbegriff. Doch Religionen seien  gegenüber der Maschinerie des Kapitalismus ohnmächtig. Dieses Gesellschaftskonzept hat vor allem in seiner neoliberalen Ausprägung des ausgehenden  20. Jahrhunderts zu extremer Säkularisierung und Singularisierung des Menschen geführt. Vor diesem Hintergrund brauche es eine Be-Sinnung, eine Pädagogik der Emotionen, meint Fornet-Betancourt. Ansätze dazu finden sich beispielsweise bei Michel de Certeau und seinem Werk „Glaubensschwachheit“ oder bei der Würzburger Theologin Michelle Becka, die wie Papst Franziskus der Ansicht ist, dass es einer täglichen Neu-Bekehrung bedürfe. Kann ein moderner Mensch spirituell sein? Was ist überhaupt ein moderner Mensch? Hier brauche es, meint Fornet-Betancourt, Konzepte, die vermitteln, dass der moderne Mensch nicht weniger modern ist, wenn seinen Glauben lebt. 

Religionen als Lebens- und Denkformen

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