Aachen Anfang Januar. Es ist Winter und im Moment mal so richtig: Es ist knackig kalt, sogar tagsüber schaffen es die Temperaturen gerade über den Gefrierpunkt, es liegt Schnee und das schon seit mehreren Tagen. Der Klimawandel ist gerade so gar nicht spürbar.
„Im Moment haben wir ein Wetter, das für den Winter normal ist“, sagt Michael Leuchner. Er ist Professor und Leiter des Lehr- und Forschungsgebietes für Physische Geographie und Klimatologie an der RWTH Aachen. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Interaktion zwischen Atmosphäre und Biosphäre, also die Ökosysteme der Erde. Mit seinem Team forscht er unter anderem dazu, wie sich das Klima im Rheinischen Revier bis zum Jahr 2100 verändern könnte. Und er stellt klar: Wetter und Klima sind nicht dasselbe.
Wetter ist das kurzfristige natürliche Phänomen, das wir im Alltag erleben. Das Klima dagegen sei im Vergleich langfristiger, struktureller. Und da gibt es seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1850 im Wandel der Durchschnittstemperaturen nur eine Tendenz: nach oben. Dabei erwärmt sich die nördliche Polarregion schneller als der Rest, hier stieg die durchschnittliche Temperatur bereits um zwei bis drei Grad an. Deutschland habe sich im gleichen Zeitraum um etwa 1,7 Grad erwärmt, weltweit beträgt die Erderwärmung 1,35 Grad. „Wenn die Temperaturunterschiede in den verschiedenen Klimazonen auf der Erde geringer werden, hat das auch Auswirkungen auf die globalen Luftströmungen, die das lokale Wetter bestimmen“, schildert Leuchner.
Ein Beispiel sind die sogenannten Omega-Wetterlagen. Ein solche Wetterlage verursachte in der Region auch die Flutkatastrophe 2021. Omega-Wetterlagen könnten in Zukunft öfter auftreten, ebenso Dürren oder Starkregen. Die fortschreitende Erwärmung in den vergangenen zwei Jahrhunderten hat sehr viel mit dem Menschen zu tun, erklärt Leuchner weiter.
Denn in diese Zeit fällt der Beginn der Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Öl und Gas im Zuge der Industrialisierung. Doch auch andere Eingriffe in bestehende Ökosysteme, wie eine veränderte Landnutzung, zum Beispiel durch Rodung von Wäldern, spielen eine Rolle. Das Dramatische daran: Die Veränderungen vollziehen sich schneller als bei natürlichen Klimaschwankungen, die sich über mehrere tausend Jahre erstrecken. Die Folge: „Die Ökosysteme haben keine Zeit, sich an die veränderten Bedingungen anzupassen.“
Sichtbar ist der Klimawandel beispielsweise in der Eifel. Dort hat es in den vergangenen Jahren ein großes Fichtensterben gegeben. Der Nadelbaum kommt mit den zunehmend wärmeren und trockeneren Sommern nicht zurecht. Und nicht nur die Ökosysteme leiden, auch Menschen leiden unter Hitzestress, besonders in den Städten. Denn die wirken durch die flächendeckende Versiegelung wie ein Backofen. „Es klingt immer so wenig, wenn wir von zwei, drei Grad Erwärmung sprechen“, sagt der Klimatologe. Doch im globalen Zusammenhang mache es viel aus. Für die Region des Rheinischen Reviers könnte das heißen, dass im Jahr 2100 etwa ein Klima wie in Bilbao oder Florenz herrscht. Was nicht schlecht klingt, bedeutet aber, dass erhebliche Anpassungen notwendig wären, denn Bewässerung, Land- und Forstwirtschaft, Ökosysteme und städtische Bebauung funktionieren dort anders.
Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Region hat Leuchner auch für die Stadt Aachen untersucht und schildert folgendes: „Insgesamt hat Aachen viel Grün in der Umgebung. Aber es fehlt in der Innenstadt. Bäume sorgen für Abkühlung, spenden Schatten, speichern Wasser und C02“. Der Platz dafür wäre da, dafür müssten jedoch Autos weichen. Ein Punkt, der immer wieder für lebhafte Diskussionen in der Stadtpolitik sorgt. Ein weiterer Punkt sind die Kaltluftschneisen, die den Innenstadtkessel im Sommer abkühlen. „Es ist ganz wichtig, dass diese offen bleiben und nicht zugebaut werden“, unterstreicht Leuchner.
Global gesehen ist der Klimawandel eher zu einer Randnotiz geworden. Aktuelle Krisen und Konflikte dominieren die Schlagzeilen. Dass kurz vor Weihnachten 2025 die ersten Bewohner Tuvalus ihre Heimat verlassen haben, um in Australien ein neues Leben zu beginnen, ging, ebenso wie der Inselstaat, fast unter. Dabei sind die Tuvaluaner nicht die einzigen Klimaflüchtlinge. Nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks UNHCR verließen 2024 45,8 Millionen Menschen ihre Heimat aufgrund von Katastrophen, Hitzewellen, langanhaltenden Dürren und Stürmen, sowohl kurz- als auch langfristig.
Auf der internationalen wie nationalen politischen Ebene treten die Bestrebungen, mehr Klimaschutz gesetzlich zu implementieren, bestenfalls auf der Stelle, eher gibt es Rückschritte. Gleichzeitig bleibt der Ausstoß von CO2 in die Atmosphäre zu hoch. „Vegetation und Ozeane nehmen etwa 50 Prozent dessen, was wir außerhalb des natürlichen Kreislaufs zusätzlich an CO2 in die Atmosphäre geben, auf. Doch sie schaffen es immer weniger, den Mehrausstoß zu kompensieren,“ warnt Michael Leuchner. Studien zeigen, dass bereits Rückkopplungsmechanismen in Gang gesetzt sind, die den Treibhauseffekt zusätzlich verstärken.
Das auf der Klimakonferenz 2015 in Paris angepeilte Ziel, die Erderwärmung weltweit unter 1,5 Grad zu halten, ist nicht mehr zu erreichen. „Diese Marke knacken wir vermutlich bereits Ende dieses Jahrzehnts“, sagt Michael Leuchner. Was jedoch nicht heiße, dass wir jetzt einfach weitermachen könnten, wie bisher. „Jedes Grad weniger Erderwärmung bedeutet auch weniger Leid für die Menschen, die jetzt schon unter den Folgen der Erderwärmung leiden.“
Bei allen schlechten Aussichten – Michael Leuchner sieht einen Silberstreif am Horizont: „China ist zwar zur Zeit noch der weltweit größte CO2-Emittent, scheint aber ein Plateau erreicht zu haben. Sie investieren außerdem massiv in den Ausbau von solarer Energie.“ Es bleibt abzuwarten, ob andere nachziehen. Noch hat Michael Leuchner die Hoffnung, dass die Menschen zur Einsicht kommen, nicht aufgegeben.