Mit dem Aschermittwoch hat die christliche Fastenzeit begonnen. Viele verzichten in den Wochen bis Ostern bewusst auf etwas, andere möchten sich gerade jetzt bewusst im Glauben neu ausrichten. So, wie Jesus Christus, als er sich 40 Tage in die Wüste zurückzieht.
Diese 40-tägigen Zeiten haben in der Bibel eine lange Tradition, sagt Pfarrer Frank Reyans. Er ist seit 2012 Exerzitienbegleiter beim Fachbereich „Geistlich leben“ in Mönchengladbach. Daneben versieht er im Pastoralen Raum Grefrath/Nettetal Dienste als Pfarrer. „Unsere Fastenzeit spiegelt die Erfahrungen Jesu in der Wüste wider, von der die Evangelisten Matthäus und Markus erzählen.“
Zwei Aspekte sind dabei für ihn zentral: „Diese Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Gott ist da und ich bezeuge das.“ Der zweite Aspekt ist die Umkehr. Reyans: „Der Begriff ,Umkehr‘ blockiert mehr, als dass er ermöglicht. Ich übersetze es mit anders denken, weiter denken, größer denken.“
Mit Jesus „in die Wüste gehen“ – das hat im Christentum eine lange Tradition. Die Wüstenväter zogen sich tatsächlich in die Wüste zurück. Doch sie folgten damit nicht nur Jesu Vorbild: „Die Wüstentage sollten auch an das Martyrium der frühen Christen erinnern. In späteren Jahrhunderten waren Menschen nicht mehr mit Leib und Leben bedroht, wenn sie sich zum Christentum bekannten.“
Reyans selbst hat so eine Wüstenzeit vor einigen Jahren bei Beduinen im Heiligen Land verbracht: „Wir werden mit der eigenen inneren Leere, der eigenen Wüste konfrontiert, mit unseren Versuchungen und persönlichen Grenzen.“ Es gehe darum zu entdecken, was tiefer liege, wie wir den Durst und den Hunger nach dem Göttlichen stillen können, wie es der 42. Psalm beschreibt. Es gelte auch zu erkennen, dass wir uns nicht selbst helfen können und manche Dinge einfach lassen, auch los-lassen müssen.
Dabei stehe nicht der Verzicht auf Nahrung im Fokus, sagt Frank Reyans, „den Beduinen geht es eher um die Vertiefung im Gebet. Wer gut bei sich ist, ist auch bei Gott.“
Doch das leibliche Fasten darf sein und hat auch seinen Sinn, betont er. Klöster, auch die Benediktinerabtei in Kornelimünster, bieten eine Fastenwoche an. „Eine Woche ganz auf Nahrung zu verzichten, konfrontiert uns mit unserer eigenen Leiblichkeit, mit den negativen wie den positiven Begleiterscheidungen. Wir werden müde, haben vielleicht Kopfschmerzen, zugleich schärfen sich Sensibilität und Wachsamkeit“, beschreibt es Frank Reyans. Die körperliche Erfahrung von Hunger und Durst spiegele die Erfahrungen, die auch die Seele macht. Leibliches Fasten sei eine besondere Form, sich selbst zu spüren. Diese Erfahrung machen viele Menschen im Alltag kaum noch.
Auch in den Exerzitienkursen sei die Erfahrung der Leiblichkeit ein wichtiger Punkt, erklärt Frank Reyans: „Wir beginnen mit Körperübungen am Morgen. Daneben gibt es stille Übungen.“ Auch die Gruppe spiele eine wesentliche Rolle. Denn die Schärfung der Wahrnehmung macht sensibel für die Situation in der Welt. „Das ist sehr präsent, auch bedrückend“, sagt Frank Reyans. Das beschreibe auch die Versuchungsgeschichte: „Im Kern geht es um Machtmissbrauch, das ist ein sozialer Aspekt.“ So suchen Menschen, die die Exerzitienkurse besuchen, neben Stille, Entschleunigung und Reduktion auf das Wesentliche auch den Austausch und die Gemeinschaft.
„Das ist der Kern: Das Leben haben und es in Fülle haben, und dass wir uns gegenseitig helfen, es zu haben,“ interpretiert es Frank Reyans. Bei den Kursen gibt es Rederunden, wo alle äußern dürfen, was ihnen durch den Kopf geht. Er beobachtet, dass gerade bei den Schweigeexerzitien ein starkes Gemeinschaftsgefühl entsteht: „Das ist beeindruckend, wie viel sie voneinander mitkriegen.“
Das gilt auch für die eigenen Grenzen oder für negative Erfahrungen. Frank Reyans: „In Exerzitien offenbaren sich auch Krisensituationen, wie es Ignatius von Loyola genannt hat, auf den die Exerzitien zurückgehen. Die Welt und ich sind nicht perfekt. Es hebt sich das, was sich auf dem Seelengrund abgesetzt hat. Alte Verletzungen, das ist manchmal schwer, und es fließen auch Tränen. Das gehört dazu. Aber es ist wichtig, das anzuschauen und mit ins Gebet zu nehmen, damit es sich wandeln kann.“ Als geistlicher Begleiter sei es wichtig, die Übenden weder unter Druck zu setzen, noch zu überfordern: „Wir machen Angebote, aber das Tempo bestimmen die Übenden selbst, jede und jeder in ihrem und seinem Maß.“
Die christliche Tradition kannte mehr Fastentage als die vorösterliche Fastenzeit heute. Am Mittwoch (Verrat Jesu) und am Freitag (Tod Jesu) wurde gefastet, ebenso in der Adventszeit, das sei aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden. Möglicherweise sei der Frühling gut geeignet für einen Neuanfang, wenn in der Natur parallel das Leben neu beginnt, mutmaßt Frank Reyans.