Warum Gedenken nur ein Anfang ist

Kann man aus der Geschichte lernen? Scheinbar nein. Warum es trotzdem Hoffnung gibt.

In den Regionen gibt es viele Orte des Erinnerns und Gedenkens an die Opfer des Nazi-Regimes wie den alten jüdische Friedhof in Schwanenberg. (c) Garnet Manecke
In den Regionen gibt es viele Orte des Erinnerns und Gedenkens an die Opfer des Nazi-Regimes wie den alten jüdische Friedhof in Schwanenberg.
Datum:
13. Jan. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 02/2026 | Garnet Manecke

Am 27. Januar wird wieder der Opfer gedacht. An Felix Cappel, der 1873 geboren und 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde. Gestorben ist er in Minsk. 

Oder an Matthias Wassenberg, Jahrgang 1937. Als Siebenjähriger kam der Junge 1942  in die Kinderklinik Bonn, am 25. März 1943 wurde er im St. Josefshaus in Mönchengladbach aufgenommen. Fast zwei Monate später wurde der behinderte Junge am 18. Mai 1943 in die „Heilanstalt“ Jauregg in Wien „verlegt“, wo er am 20. Juli 1943 ermordet wurde.

Auch an Mirjam Leven wird erinnert, die 1941 geboren und deren erster Geburtstag nie gefeiert wurde. Mit ihren Geschwistern Herta, Manfred und Walter, ihren Eltern Albert und Herta Leven sowie ihren Großeltern Max und Selma Liffmann wurde das Mädchen 1941 nach Riga deportiert. Keiner überlebte den Holocaust.

Sie alle gehörten zu den sechs Millionen ermordeten Frauen, Männern und Kindern, die unter dem nationalsozialistischen Regime umgebracht wurden. Weil sie Juden waren. Der 27. Januar ist seit 1996 der Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus. An diesem Datum befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz. Die Soldaten öffneten das Tor zur Hölle. Sie fanden Berge von Toten, die Gaskammern und die Öfen, in denen die Leichen verbrannt wurden. Sie fanden die Überlebenden, die bis auf die Knochen ausgemergelt waren.

Neben Menschen jüdischen Glaubens waren das auch politische Gefangene, Homosexuelle, Sinti und Roma, gläubige Katholiken und Protestanten, Zeugen Jehovas. Auch Menschen mit Behinderungen wurden ermordet. Sie wurden in der Regel, wie die Kinder, gleich in die Gaskammern geschickt – oder für medizinische Experimente missbraucht, bevor sie ermordet wurden.

Der 27. Januar ist im Jahreszyklus der erste Gedenktag für Opfer des Nationalsozialismus. Der 2. August ist der Internationale Tag zum Gedenken an den Völkermord an den Sinti und Roma. Am 1. September ist der Antikriegstag, am 9. November wird an die Pogromnacht gegen die Juden in Deutschland erinnert.

Gleichzeitig wird die Anzahl Abgeordneter einer vom Verfassungsschutz in Teilen als rechtsextremistisch eingestuften Partei in Bundestag und Landesparlamenten größer, die Zahl antisemitischer Übergriffe steigt. Kann also wirklich aus der Geschichte gelernt werden?

Die Nazis haben die Welt in Trümmer gelegt. Wie das aussieht, lässt sich in Geschichtsbüchern, aber auch an den Kriegs- und Krisenherden der Gegenwart sehen. Wie aber etwas entsteht, wenn sich Menschen gegenseitig respektieren und unterstützen, zeigt sich in vielen Initiativen vor Ort. Gedenken ist nur der Anfang, dem Taten folgen müssen.