Der Mechernicher Pfarrer Johannes Harff war ebenso ein bekennender Gegner des Naziregimes wie Leonhard Bauer, der katholische Seelsorger von Hellenthal oder dessen evangelischer Amtsbruder Pfarrer Wilhelm Hermann. Alle drei und zahllose andere Geistliche aus Eifel und Börde fanden bislang kaum öffentliche Wertschätzung und Würdigung.
Eher durch Zufall entdeckte Karl Reger vom Arbeitskreis JUDIT.H („Geschichte der Juden im Tal, Hellenthal“) im 2013 neu erschienenen Gotteslob die Rubrik „Glaubenszeugen der NS-Zeit“. Bis zum Beginn des Gottesdienstes blieb ihm viel Zeit, in der er als historisch Interessierter das Kapitel durchschaute. Zu seiner Überraschung fand sich unter den „Glaubenszeugen“ der Hellenthaler Pfarrer Leonhard Maria Heinrich Bauer.
Reger war dieser Pfarrer aus dem Zentralort und dessen Vita gänzlich unbekannt. Er nahm den Eintrag aber zum Anlass, um in Archiven Leben und Schicksal des Pfarrers zu erforschen. Ihn irritierte jedoch, dass Pfarrer Bauer nicht im „Martyrologium des 20. und 21. Jahrhunderts“ aufgeführt wurde, obwohl er doch im Gebetbuch stand. Reger erfuhr, dass „Selbstmörder“ kategorisch von der Möglichkeit eines Martyriums ausgeschlossen seien. Doch war der Pfarrer ein Märtyrer oder Selbstmörder, den die Nazis in den Tod getrieben haben?
Karl Reger hat eine ganze Reihe Publikationen und Archivalien über Leonhard Bauers Leben und Leiden gesammelt und selbst über ihn publiziert. Für Reger ist der frühere Hellenthaler Pfarrer kein Selbstmörder, sondern einer der Märtyrer, die ihr Leben für den christlichen Glauben aufgaben oder denen es geraubt wurde. Er schreibt dazu: „Pfarrer Leo Bauer wurde ein Opfer des Nationalsozialismus nicht im Konzentrationslager oder Gefängnis, sondern in der täglichen, aufreibenden Auseinandersetzung mit den Machthabern der Partei in seiner Pfarrei, wo er jahrelang furchtlos für den Glauben und die Rechte der Kirche eintrat.“
Bauer durchlebte seit seinem Amtsantritt 1936 permanent die Schikanen des Hellenthaler Bürgermeisters sowie diffamierende Aufmärsche des Arbeitsdienstes und von Wehrmachtsangehörigen vor seiner Wohnung und sah sich konfrontiert mit Drohungen und Schmähungen. Es gab Verhöre vor Geheimer Staatspolizei (Gestapo) und Gericht, Haft und Ausweisung aus Rheinland und Westfalen. Nach einer schweren Depression nahm er sich nach einem Kurzbesuch in Hellenthal in Waldkirch bei Freiburg kurz nach Kriegsende schließlich das Leben. Dr. August Brecher, geistlicher Studiendirektor und Autor zahlreicher Bücher und Schriften, schrieb schon 1998 in der KirchenZeitung für das Bistum Aachen: „Pfarrer Leo Bauer wurde ein Opfer des Nationalsozialismus. Die tägliche aufreibende Auseinandersetzung mit den Funktionären der Partei untergruben seine Gesundheit bis zum völligen Zusammenbruch.“
Am 3. Dezember 1893 in Aachen geboren, empfing Leo Bauer 1923 in Köln die Priesterweihe. Nach seelsorglicher Tätigkeit als Kaplan in Essen-Rellinghausen, Bonn-Kessenich (1928) und Aachen-Forst (1930) wurde er am 2. Oktober 1936 zum Pfarrer von St. Anna in Hellenthal ernannt und am 29. November eingeführt. „Längst hatte der Nationalsozialismus entgegen den frühen Beteuerungen Hitlers den Kampf gegen die Kirche begonnen,“ schreibt Brecher: „Die Gleichschaltung im Sinne der Partei war das Ziel des Ortsbürgermeisters Wilhelm Fischer. Auf Vorschlag eines Mitglieds des Kirchenvorstands wurde er zur Einführung eingeladen und nahm an Gottesdienst und Feier im Pfarrhaus teil.“
Der neue Pfarrer war kein Leisetreter. Vor Jugend und Erwachsenen nannte er die kirchenfeindlichen Maßnahmen beim Namen. So kam es bald zum Konflikt mit dem Bürgermeister. Die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ Pius' XI. vom 14. März 1937 wurde das Signal zum offenen Kirchenkampf. Als die Druckerei Metz in Aachen wegen des Drucks der Enzyklika geschlossen wurde, führte die Veröffentlichung eines Rundschreibens erstmals zum Verhör Pfarrer Bauers durch die Staatsanwaltschaft Aachen. Neuer Streit entstand beim geplanten Bau eines Pfarrheims. Die Hellenthaler Gemeindeverwaltung boykottierte und blockierte den für den Bau gegründeten Unterstützungsverein. Das Baugesuch wurde abschlägig beschieden.
Der Bürgermeister erstattete Anzeige gegen den Pfarrer, da die Gründung eines Sammelvereins seit 1934 verboten war. Mit einer Pfarrer Bauer am 10. September 1937 beim Verhör auf dem Bürgermeisteramt zugestellten Verfügung löste der Landrat den Verein auf und verbot jede Neugründung in irgendeiner Form. Noch am gleichen Tag wurde das Sparkassenbuch des Sammelvereins beschlagnahmt. Vom Schriftführer wurde durch zwei Beamte der Polizei und Gestapo die Auslieferung noch vorhandener Schriftstücke sowie „geheimer Abmachungen“ gefordert. Der Aachener legte gegen diese Maßnahmen Beschwerde ein. Bei einer Verhandlung vor dem Aachener Amtsgericht wurde Pfarrer Bauer freigesprochen. Das Guthaben des Sammelvereins musste zurückerstattet werden. Die Gestapo war damit aber auf Pfarrer Bauer aufmerksam geworden und behielt ihn im Auge.
Als Pfarrer Bauer am 1. August 1937 wie allen Geistlichen die Unterrichtserlaubnis für die Volksschulen entzogen wurde, hatte er Glaubensstunden eingerichtet. Zum gleichen Termin wurde Dienst in der Hitlerjugend (HJ) angesetzt. Wiederholt zitierte der Bürgermeister ihn auf das Amt, holte sich aber bei seinen Tiraden gegen den Glauben und Kirche manche Abfuhr. Der Pfarrer ließ sich nicht beirren. Als das Wegkreuz Ecke Haupt- und Hüttenstraße zusammenstürzte, wurde es auf sein Betreiben trotz des Protestes von Nationalsozialisten neu aufgestellt. Als im Frühjahr 1938 bei Einführung der Gemeinschaftsschule die Kreuze aus den Klassen entfernt wurden, protestierte Pfarrer Bauer von der Kanzel. Fischers Antwort war, dass am Abend des 30. April Arbeitsmänner aus dem Reichsarbeitsdienstlager Hellenthal in den Garten des Pfarrhauses eindrangen und mit Pechfackeln gegen den Pfarrer demonstrierten.
Als im Sommer 1938 Unteroffiziere eines bei den Arbeiten am Westwall eingesetzten Pionierbataillons einen Kameradschaftsabend veranstalteten, zogen betrunkene Teilnehmer auf Veranlassung Fischers zum Pfarrhaus, das beschmutzt und verbarrikadiert wurde. Am folgenden Tag ließ der Kommandeur durch einen Oberleutnant das Verhalten seiner Leute entschuldigen. Die Rädelsführer wurden nach Rückkehr in die Kaserne mit Arrest bestraft. Am 1. November 1938 verbot der Bürgermeister auch die hergebrachte Prozession zum Friedhof.
Noch war Pfarrer Bauer Willens, nicht nachzugeben, wenn auch seine Kräfte versagten. Weihnachten 1939 erlitt er einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch. Erst Ende Mai 1940 kehrte er noch in depressivem Zustand aus einem Sanatorium zurück. Nun holte der Bürgermeister zum letzten Schlag aus. Am 22. September 1941 wurde Bauer wegen Verbreitung von Schriften und Predigten von der Gestapo verhaftet und in die Aachener Strafanstalt überführt.
Mit der Entlassung am 13. Oktober war „wegen staatsabträglichen Verhaltens“ die Ausweisung aus Rheinland und Westfalen verbunden. Bauer ließ sich zum Verzicht auf die Pfarrstelle bewegen, um in Waldkirch im Schwarzwald nach Kräften in der Seelsorge auszuhelfen.
Ende August 1945 kehrte er nach Aachen zurück. Seine beiden Schwestern fand er in einem Auffanglager. In Hellenthal waren Möbel, Hausrat und Bücher im Krieg zerstört worden. Ein Psychiater hielt wegen anhaltender Depressionen eine Suizidgefahr für naheliegend. Er riet, Pfarrer Bauer nie allein zu lassen und plante eine Überweisung in eine psychiatrische Klinik. Brecher: „Als Pfarrer Bauer zwei Tage in seiner Wohnung allein war, setzte er, seiner selbst nicht mehr mächtig, seinem Leben selbst ein Ende, ein spätes Opfer des Kirchenkampfs. Sicher trug er für seinen Tod keine Verantwortung.“
Pfarrer Leo Bauer war einer der vielen Priester, die im zermürbenden täglichen Kleinkrieg gegen antikirchliche Maßnahmen und persönliche Angriffe Widerstand leisteten. In den Kriegsjahren drohte bei allen Zusammenstößen mit der Gestapo die Einweisung nach Dachau. „Es war das Martyrium des Alltags, das seine Gesundheit untergrub und zu seinem frühen Tod führte“, so Brecher. Seinen Niederschlag fand Pfarrer Leonhard Heinrich Bauers tragisches Leben und Sterben in dem Buch „Hier war doch nichts“, das die „Ideenwerkstatt Waldkirch in der NS-Zeit“ realisiert hat. pp