Vom Dunkel ins Licht

1987 wurde das erste Schaffrath-Fenster eingesetzt, nun ist das Ensemble komplett. Jetzt sind die Altäre an der Reihe und werden restauriert

Der Hochaltar ist einer von drei Antwerpener Altären, die nun restauriert werden. (c) Stephan Johnen
Der Hochaltar ist einer von drei Antwerpener Altären, die nun restauriert werden.
Datum:
10. Feb. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 04/2026 | Stephan Johnen

Gut Ding will Weile haben. Angesichts der ins achte Jahrhundert zurückreichenden Geschichte der heutigen Kirche St. Martinus in Linnich sind vier Jahrzehnte zwar nur ein Wimpernschlag, sie fühlen sich aber dennoch ziemlich lang an.

Mit dem Einsetzen des vierten Schaffrath-Fensters ist das Ensemble „Vom Dunkel ins Licht“ nun komplett. Das erste Fenster nach einem Entwurf des Alsdorfer Künstlers Ludwig Schaffrath hatte die Glasmalerei-Werkstatt Oidtmann bereits 1987 eingesetzt. Es kam immer etwas dazwischen, gab Beinahe-Katastrophen und neue Herausforderungen. Dazu später mehr. Das 650.000 Euro teure Projekt zur Sanierung aller Kirchenfenster wäre nun abgeschlossen.

Aber am Horizont tun sich schon die nächsten Baustellen auf: Die Orgel und das Dach der Kirche (es sickert an manchen Stellen durch) melden ebenfalls Sanierungsbedarf an, berichtet Karl-Leo Gerards, der das jüngste Projekt federführend begleitet hat. Deutlich erfreulicher hingegen ist die Botschaft, dass noch in diesem Frühjahr mit der Restaurierung der drei Antwerpener Altäre der Kirche, die rund um das Jahr 1520 entstanden sein dürften, begonnen werden kann.

Das erste Schaffrath-Fenster (rechts) wurde bereits 1987 eingesetzt. Nun ist das Ensemble komplett. (c) Stephan Johnen
Das erste Schaffrath-Fenster (rechts) wurde bereits 1987 eingesetzt. Nun ist das Ensemble komplett.

Zurück zu den Schaffrath-Fenstern: Die Originalentwürfe für das Ensemble „Vom Dunkel ins Licht“ stammen aus dem Jahr 1964 und entstanden im Rahmen eines Wettbewerbs zum Wiederaufbau der während des Zweiten Weltkriegs stark beschädigten Kirche. Luftangriffe und Kämpfe zwischen deutschen und alliierten Truppen im Winter/Frühjahr 1944/45 setzten der Stadt und der Kirche zu. Mit einer Ausnahme wurden alle Gewölbefelder der Pfarrkirche zerstört und der westliche Teil des Turmobergeschosses sowie die Südwand der Kirche gesprengt. Der 1948 begonnene Wiederaufbau wurde 1973 mit dem Aufsetzen einer neuen Turmspitze abgeschlossen.

Die von Ludwig Schaffrath entworfenen Fenster waren das letzte Puzzleteil, um die Notverglasung der Nachkriegszeit zu ersetzen. Doch die Erdbeben von Roermond 1992 sowie ein erneutes Beben im Jahr 2002 sorgten für neue Beschädigungen. 1992 traten zudem nur mit hohem Aufwand zu beseitigende Baufehler aus der Zeit des Wiederaufbaus zutage. Weil nach dem zweiten Erdbeben der Baugrund ins Rutschen geraten war, blieb die Kirche zwischen 2002 und 2005 bis zur Absicherung des Fundaments geschlossen.

Hat überhaupt noch jemand daran geglaubt, dass die noch fehlenden Schaffrath-Fenster in Handarbeit produziert und eingesetzt werden? Karl-Leo Gerards muss schmunzeln. „Es ist immer wieder mal etwas dazwischengekommen“, sagt er diplomatisch. Aber als langjährige Mitglieder des Kirchenvorstands blieben Gerards, seine Ehefrau Dorothea, Alfons Batsch und  Gabriele Gosch-Mennen am Ball, trieben neue Unterstützer und Spenden auf, stellten Förderanträge.

Gabriele Josch-Mehnen (von links), Alfons Batsch sowie Gabriele und Karl-Leo Gerards begleiten seit Jahren die Projekte in St. Martinus. (c) Stephan Johnen
Gabriele Josch-Mehnen (von links), Alfons Batsch sowie Gabriele und Karl-Leo Gerards begleiten seit Jahren die Projekte in St. Martinus.

„Die Kirche ist unsere Heimat. Viele Menschen erkennen die kunsthistorischen Werte, die wir hier haben. Es gibt Menschen, die kommen extra wegen der Altäre. Wie in einem Museum schauen sie sich die Kunstschätze an, lassen sich führen und sind voller Bewunderung“, bilanziert Karl-Leo Gerards. Doch ihm und allen Mitstreitern ist wichtig, dass Kirche mehr ist als ein Museum: „Hier ist weiterhin Leben drin, hier feiern wir Gottesdienste und Gemeinschaft, bemühen uns um Veranstaltungen“, betont er.

Mit dem Abschluss der Glaserarbeiten kann bald die Restaurierung der Altäre aus dem 16. Jahrhundert beginnen. Zwei Restauratorinnen aus Aachen sollen diese in den kommenden Wochen Stück für Stück auseinanderbauen, reinigen und konservieren. Kleine Reparaturen gehören auch dazu, doch die Verwundungen und Zerstörungen aus der Weltkriegszeit werden weiterhin sichtbar bleiben – sie gehören zur Geschichte der einzigartigen Kunstwerke dazu. „Die Prälat-Dr.-Erich-Stephany-Stiftung des Bistums hat die Förderung bereits zugesagt, die Stiftung Denkmalschutz wird im März entscheiden“, erklärt Karl-Leo Gerards. Die Restaurierung der drei Antwerpener Altäre soll rund 85.000 Euro kosten.

Wer sich Zeit nimmt bei der Betrachtung entdeckt viele Details. (c) Stephan Johnen
Wer sich Zeit nimmt bei der Betrachtung entdeckt viele Details.

Kommt grünes Licht, kann es losgehen, werden die Restauratorinnen Linda Matheis und Stefanie Korr nahe der Kirche eine kleine Werkstatt einrichten. Die Arbeiten an Hoch-, Katharinen- und Kreuzaltar werden voraussichtlich zwei Jahre andauern.
„Solche komplexen Kunstwerke sind immer für eine Überraschung oder neue Erkenntnisse gut“, ist Karl-Leo Gerards fest davon überzeugt, dass im Laufe der Restaurierung mehr über die Entstehung der Altäre, die daran beteiligten Künstler und die eingesetzten Verfahren ans Tageslicht kommt.

Das Projekt wird vom Landschaftsverband Rheinland wissenschaftlich begleitet. Ein Ziel ist es, die Schlagmarken der Künstler, die sich auf vielen Schnitzereien finden, für ein wissenschaftliches Archiv zu dokumentieren und im Idealfall einzelne Künstler oder Werkstätten zu identifizieren. 1425 wurde mit dem Bau der heutigen Kirche begonnen, mit dem Turm ging es los. Finanziert wurde das Projekt damals über Ablässe für die Kirche. Die Antwerpener Altäre wurden um 1520 für die Kirche gekauft und stehen seitdem an diesem Ort. „Für eine kleine Kirche ist das sehr ungewöhnlich“, sagt Karl-Leo Gerards mit Blick auf Forschungen der Jülicher Historikerin Maria Krämer. Es sei davon auszugehen, dass es im Rheinland noch 36 Antwerpener Retabel oder Teile davon gibt – nur in Wesel befänden sich ebenfalls drei an einem Ort.

Stark beschädigt überstanden die Altäre den Zweiten Weltkrieg. (c) Stephan Johnen
Stark beschädigt überstanden die Altäre den Zweiten Weltkrieg.

Alle drei Altäre in Linnich weisen heute Schäden auf, die vor allem aus der direkten Kriegs- und der Nachkriegszeit stammen. Kriegseinwirkungen, aber auch Diebstahl, Leichtsinn und mangelnde Sachkenntnis beim Wiederaufbau verursachten mehr irreparable Schäden, als in den 400 Jahren zuvor entstanden sind.  

Dass die nach der teilweisen Zerstörung der Kirche unter Schutt begrabenen Altäre überhaupt die Irrungen und Wirrungen sowie Plünderungen der Nachkriegszeit überlebt haben, ist auch der Linnicher Einwohnerin Gertrud „Tutta“ Küpper zu verdanken, berichtet Karl-Leo Gerards: „Mit Händen und Füßen hat sie Teile des Hochaltars gerettet und verteidigt.“ In einer Zeit, in der die Menschen wahrlich andere Sorgen hatten, kein Dach über dem Kopf hatten, ums tägliche Überleben kämpften und auch Kunstschätze als Brennholz endeten, barg die Linnicherin Teil für Teil die geschnitzten Figuren aus dem Schutt und lagerte diese in der Sakristei. Etwa 80 Prozent der Figuren blieben so erhalten.

 

Die später erfolgte Rekonstruktion, die ohne die „Bergungsarbeit“ von Gertrud Küpper nicht möglich gewesen wäre, war mitunter wie ein gigantisches Puzzle und zog sich über Jahrzehnte. „Es hat Sachverständige gebraucht, um die einzelnen Gruppen und Teile zu identifizieren und die richtigen Plätze zuzuweisen“, blickt Karl-Leo Gerards zurück. Nicht jeder Anlauf führte zum Erfolg. Anhand historischer Fotos wurden manche Figuren und Teile auch neu geschnitzt. Aber viele Kriegsbeschädigungen wurden damals schon ganz bewusst nicht ausgebessert. Erst Weihnachten 1983 wurde der weitgehend wiederhergestellte Altar der Gemeinde präsentiert. Der Katharinenaltar und der Kreuzaltar überstanden zwar den Krieg, wurden aber in der Nachkriegszeit stark beschädigt.

„Die Restauration der Altäre hatten wir immer im Blick, aber es gab immer neue Baustellen und Aufgaben“, erklärt Alfons Batsch. Als sich abzeichnete, dass die noch fehlenden Schaffrath-Fenster eingesetzt werden sollen, wurde die Restauration erst einmal in der Warteschleife geparkt. „Wir haben damit gerechnet, dass es noch einmal staubig wird“, sagt Karl-Leo Gerards. Und so werden die Antwerpener Rentabel dieses Jahr nicht nur von Weihrauch-Rückstanden und Kerzenruß, sondern auch vom Staub der jüngsten Ereignisse befreit. Gerards: „Ich bin gespannt, wie das Ergebnis aussehen wird. Wir werden vermeintlich Altbekanntes in einem neuen Licht sehen. Mit der Reinigung werden viele Details deutlicher zu sehen sein“, freut er sich auf den Beginn der Restaurationsarbeiten.