Verzicht üben

Wie sehen die Gäste im Treff am Kapellchen auf die Fastenzeit? Ein Besuch am Aschermittwoch

Angelika Köhler engagiert sich in der Liturgiegruppe und bereitet die Gottesdienste vor. (c) Garnet Manecke
Angelika Köhler engagiert sich in der Liturgiegruppe und bereitet die Gottesdienste vor.
Datum:
24. Feb. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 05/2026 |Garnet Manecke

Mit einem gewissen Stolz trägt Angelika Köhler das Aschekreuz auf der Stirn. Die Rentnerin sitzt im Gemeinschaftsraum des Treffs am Kapellchen (TaK) in Mönchengladbach. Gerade war sie noch beim Wortgottesdienst in der Brandts Kapelle nebenan, den sie selbst mit vorbereitet hat. Die Fastenzeit hat begonnen.

„Sich mal nach innen zu kehren, zu beten und sich auf Gott zu konzentrieren“, sagt Köhler über die Bedeutung der Fastenzeit. „Ich ziehe mich zurück, mache mir eine Kerze oder Weihrauch an und lese.“ In der Fastenzeit will sie auf das Fernsehen verzichten und sich zurückziehen. „Aber nicht vor den Menschen“, sagt die Rentnerin bestimmt. „Ich brauche die Kontakte, die sind wichtig.“ Es geht ihr vielmehr darum, sich bewusst Gott nahe zu fühlen und sich ihm zuzuwenden. „Gott kann man nur in der Stille erfahren“, sagt die 64-Jährige.

Michael Heitzer sieht in der Fastenzeit eine Chance für mehr Zusammenhalt. (c) Garnet Manecke
Michael Heitzer sieht in der Fastenzeit eine Chance für mehr Zusammenhalt.

Der Gemeinschaftsraum im Treff am Kapellchen ist bis zum letzten Platz gefüllt. Es gibt Nudeln mit Gemüse in Käsesoße und Salat zum Abendessen. Jeden Mittwoch lädt der TaK nach dem Gottesdienst zum gemeinsamen Abendessen ein. Aber heute beginnt die Fastenzeit: 40 Tage auf etwas verzichten, das man gerne mag. Was bedeutet das für die Menschen hier, die in der Regel von kleinen Renten und Grundsicherung leben? Für die ein Kino-Abend oder ein Besuch im Café sowieso oft ein unbezahlbarer Luxus ist?
„Ich kann mir das nicht leisten und möchte das auch nicht“, sagt Angelika Köhler. „Was habe ich davon? Hier ist ein geschützter Raum und das ist auch wichtig.“ Die Rentnerin hat viele Jahre ihren Mann gepflegt. Ein Vollzeitjob, der sich auf die Rente auswirkt: Sie fällt geringer aus. Im TaK trifft sie auf Menschen, die in derselben Situation sind wie sie. Hier muss niemand etwas erklären, die anderen wissen Bescheid.

Ein wichtiger Unterschied zu anderen Angeboten: Hier kann jeder mitmachen und niemand ist ein Almosen-Empfänger. Man spürt, dass die Besucherinnen und Besucher stolz auf „ihr“ TaK sind. Sie selbst gestalten die Angebote in dem Treff mit. Angelika Köhler ist in der Liturgie-Gruppe, die die Gottesdienste vorbereitet.

Nicht alle waren heute im Gottesdienst, nicht allen bedeutet die Fastenzeit etwas. Aber diejenigen, denen sie etwas bedeutet, machen sich Gedanken darüber. „Das Aschekreuz ist ja ein Mitteilen und ein Zeichen des Mitleidens“, sagt Michael Heitzer. Der 65-Jährige ist Stammgast im TaK. Ab Frühjahr gehört er wieder zum Garten-Team im Schrebergarten des Treffs. Die Erzeugnisse von dort werden vom Koch-Team für die Mittwochsessen verarbeitet. Aber es ist regelmäßig so viel übrig, dass sich die Gartenfreunde auch selbst etwas mitnehmen können. Auch bei den wöchentlichen Abendessen nehmen einige noch eine Schale von den übriggebliebenen Speisen mit. „Jesus trägt sein Kreuz und jeder von uns hat auch etwas zu tragen“, sagt Heitzer. „Das ist mal leichter, mal schwerer. Simon von Zyrene hat Jesus geholfen, das Kreuz zu tragen. Das können wir hier auch machen.“

Das Kreuz des anderen mittragen: Im TaK heißt das, sich gegenseitig zu unterstützen und auch Mut zuzusprechen. Es bedeutet aber auch, selbst aktiv zu werden und das Leben an diesem Ort mitzugestalten. Michael Heitzer gehört zum Garten-Team, das den Schrebergarten des TaK pflegt. Ab Frühjahr geht es wieder los, dann werden die Beete vorbereitet, gesät und gepflegt, damit im Sommer geerntet werden kann.

„Das Entscheidende ist die Karwoche. Die 40 Tage sind die Vorbereitung auf den Tod“, sagt Heitzer. „Der Weg dahin tut weh.“ Anderesreits: Auch wenn er auf etwas verzichtet, geht es ihm gut. „Wir haben dann immer noch mehr als andere“, sagt Heitzer. „Es gibt Menschen in anderen Ländern, die wären froh, wenn sie das hätten, was wir noch haben, wenn wir verzichten. Eigentlich müssten wir auch mal einen Tag nur mit einer Schale Reis oder Nudeln auskommen, um zu fühlen, was das bedeutet.“

Dass sich die Gemeinschaft im TaK gemeinsam entschlossen hat, als Treff in der Fastenzeit ein Zeichen zu setzen, ist ein Ausdruck des Zusammenhalts. Nach einer Abstimmung haben sich die Gäste darauf geeinigt, in den kommenden Tagen weniger Süßes zu essen und sich mehr zu bewegen. Außerdem wollen sie mehr Rücksicht aufeinander nehmen. Oft resultieren aus solchen Vorsätzen wieder neue Angebote, die sie mit den Steyler Missionsschwestern zusammen entwickeln.