Umkehr, Besinnung und die Rückkehr an die Quelle

Seit einem Jahr befinden sich die Menschen praktisch in einer „Fastenzeit“. Dennoch haben die 40 Tage vor Ostern für Christen noch eine tiefere Bedeutung in der Ausrichtung auf Gott

Brot und Wasser stehen stellvertretend für das klassische Fasten. (c) www.pixabay.com
Brot und Wasser stehen stellvertretend für das klassische Fasten.
Datum:
17. Feb. 2021
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 07/2021

Im Verzicht verzichten? Was Menschen in den Regionen Düren und Eifel über diese besondere Vorbereitungszeit zum Hochfest der Christen denken und wie sie sie begehen, brachte Dorothée Schenk in Erfahrung.

Pater Josef Költringer, Oblate des hl. Franz von Sales, Barmen

(c) PuKBSuS Archiv

Ich dachte immer, es muss etwas los sein in meinem kurzen Dasein. Der Tag muss gefüllt sein mit Terminen und verschiedenen Beschäftigungen. Corona hat mir vieles davon genommen. Was bleibt: ein ganz normaler Alltag: aufstehen, ins Bad gehen, Zeitung lesen… Ich musste lernen, das ganz normale, sich wiederholende Einerlei zu lieben. Ich musste lernen, dass wiederkehrende, gesunde, ereignis- und vor allem diagnoselose Zeiten großartige Zeiten sind. Ich musste den Alltag zu lieben lernen.

Ob ich in der Fastenzeit auf irgendetwas verzichte, weiß ich noch nicht. Eher nicht, da ich so vieles schon lange genug ziemlich runtergefahren habe. Allerdings möchte ich gerne etwas demütiger auf das Leben sehen, denn durch die Pandemie ist mir deutlich geworden, dass ich im Alltag oft mit einer Lebenslüge lebe, indem ich mir einbilde, dass ich das Dasein mit eigener Kraft beherrschen kann. Gar nichts beherrsche ich. Angewiesen bin ich und bleibe ich. Dankbar sollte ich sein. Meinem Schicksal, so vielen Menschen und dem lieben Gott.

Marion Lahey, Gemeindereferentin in der GdG Linnich-Aldenhoven

(c) privat

Die Fastenzeit ist eine Einladung, sich auf das Osterfest vorzubereiten. Es geht um Bewusstsein und Achtsamkeit. Wie bin ich gerade in dieser Welt? Ist da noch Korrektur möglich im Verhalten? Wie ist das richtige Maß? Essen und Trinken sind nur ein Beispiel. Wir Menschen brauchen Rituale wie ein Geländer, an dem man sich festhält. Das stärkt unser Leben. Wenn viele gemeinsam fasten, ist das hilfreich. 
Solidarität ist ein wichtiger Aspekt beim Fasten.

Gerne lege ich meine Klostertage in die Fastenzeit. Kloster: Da denken viele an kalte, öde Zimmer und Hering mit Schwarzbrot. Aber tatsächlich sind inzwischen Klöster sehr komfortabel und mit einer tollen Speisekarte ausgestattet. Wichtiger sind die spirituellen und geistlichen Impulse: Das kann mich in einer anderen Form sättigen und bereichert mich ungemein, setzt mich wieder auf die Glaubensspur. In Gesprächen mit anderen wird nicht nur geredet und gebetet, sondern auch viel gelacht! In diesem Jahr ist das Wegfahren ja leider nicht möglich, da habe ich einen Fastenkalender und Impulse, die ich über das Internet nach Hause bekomme.

Erik Pühringer, GdG-Leiter und Vorsitzender des KGV Mechernich

Pfarrer Erik Pühringer (c) Manfred Lang/pp/Agentur Profipress
Pfarrer Erik Pühringer

Fastenzeit ist grundsätzlich keine „spirituell überhöhte Diät“, sondern eine Zeit der Umkehr und Zuwendung zu Gott. Das bedeutet, dass nicht das Fasten im Mittelpunkt steht, also kein Fasten um des Fastens willen, sondern das Fasten ist Mittel zum Zweck, der Verzicht soll Zeit und Raum schaffen, uns Gott zuwenden zu können, Gott (mehr) in den Blick zu nehmen.

In Zeiten, die durch die Einschränkungen aufgrund von Corona geprägt sind, könnte das zum Beispiel bedeuten, eventuell jeden Tag einen Sinnabschnitt des Markusevangeliums oder des Neuen Testamentes zu lesen und darüber nachzudenken. Geschichtlich ist Karneval durch die Fastenzeit entstanden, vor der Fastenzeit sollte noch einmal so richtig gefeiert werden. Heute ist es so, dass nur noch wenige, die (intensiv) Karneval feiern, am Aschermittwoch in den Gottesdiensten auftauchen. Die Fastenzeit ist für die meisten geprägt als ein immer schwieriger zu vermittelnder Verzicht auf eines der unterschiedlichen Konsumgüter. Die spirituelle Dimension des Fastens als Rückbesinnung auf Gott und Vorbereitung auf Ostern, die letztlich dem Fasten erst einen Sinn gibt, ist weitgehend verlorengegangen, und das nicht erst in den letzten Jahren.

Für mich ist die Fastenzeit Gottes Wellnessangebot an uns Menschen. Sie ist immer geprägt von der Vorbereitung der Gottesdienste der Kar- und Osterwoche und der Sondergottesdienste der Osterzeit. In diesem Jahr wird zusätzlich für mich hinzukom- men, dass ich öfters an meinen Körper denke und ihn mit kleineren Wanderungen fit mache, denn das Fehlen der Handballspiele seit Oktober hat kleinere Spuren hinterlassen. Dabei habe ich dann ganz viel Zeit, über Gott und die Welt, seine Schöpfung, nachzudenken.

Martin Schlicht, Diakon in der GdG Nörvenich-Vettweiß

(c) privat

Der Armut Jesu Christi auf die Spur zu kommen und als Lebensweise für die kirchliche Diakonie zu entdecken und nachzugehen, ist für mich in diesem Jahr Fastenzeit.
Armut wird zum Freisein für Gott, den Nächsten, den Fremden und den ganz anderen, weil wir durch die Armut Jesus Christi, durch seinen armseligen Tod am Kreuz erlöst sind. Wie kann ich mich auf diese Armut einlassen? Wie gestalte ich Kirche als Erfahrungsort von Armsein als Heilsangebot für und mit den Armen und Bedrängten unserer Gegenwart? Gott vertrauen bei gleichzeitiger Erfahrung der Gottesferne in der Pandemie? Wo bedarf es meiner eigenen Umkehr zu dieser Armut? Fragen, die ich im Gebet beackern möchte in dieser Fastenzeit.

In dieser Fastenzeit biete ich Telefongottesdienste an für die Menschen, die nicht besucht werden können oder dürfen. Es ist mein Widerstand gegen die Kontaktbeschränkungen in der Pandemie. Samstags um 12 Uhr bete ich nach dem Engel des Herrn einen Hausgottesdienst in Verbundenheit mit allen, die sich diesem Gebet anschließen. Das gemeinsame Gebet zu bestimmten Zeiten verbindet mich als Diakon im  Morgen- und Abendlob mit der Weltgebetsgemeinschaft. Und ich nehme mir vor, in meiner Heimat zwei Mal in der Woche auf den Spuren Jesu zu wandern. Natürlich unter Beachtung der Kontaktbeschränkungen, aber als ein Wandern für die Menschen, die krank oder in Not sind. 

Susanne Funke, Gemeindereferentin in der GdG Merzenich

(c) privat

Ich erlebe, dass diese Zeit des Verzichtes ganz unterschiedlich von Menschen erfahren wird. Manche, besonders in den Familien, sind an und schon längst über ihren Grenzen. Da kann es besonders wichtig sein, sich bewusst etwas Gutes zu tun. Andere haben plötzlich mehr Gestaltungsräume durch weniger Termine und Verpflichtungen. Für mich bedeutet Fasten – nicht nur in dieser Zeit –, sich genau bewusst zu werden, was mich „nährt“ und trägt und was wirklich lebenswichtig ist. Verzicht dient ja nicht dem Selbstzweck, sondern soll mich hellhörig werden lassen für meine Beziehung zu mir selbst, zu meiner Umwelt (Mensch und Schöpfung) und zu Gott.

In der Fastenzeit beginnt mein Tag eine halbe Stunde früher als sonst. So habe ich, noch vor den Aufgaben des Tages, Zeit für und mit Gott. In einer Lebensphase, in der die Kinder langsam aus dem Haus gehen, wollen mein Mann und ich auch als Paar hellhöriger füreinander werden. Die Fastenzeitaktion „7Wochen – Neue Sicht“ bietet Hilfe und Impulse. Dabei kommt uns die Entwicklung mit Online-Angeboten entgegen. So können wir in der Eifel an einem begleitenden Austausch mit Paaren teilnehmen.

Michael Stoffels, Leiter der GdG Simmerath

(c) profipress

Die Fastenzeit lädt mich ein, die Quellen neu zu entdecken, aus denen ich lebe, um intensiver und bewusster daraus zu schöpfen. Diese Quellen sind für mich die Feier der heiligen Messe, das Gebet und die gute Tat. Die Coronazeit kann den Blick auf das Wesentliche schärfen, gerade dann, wenn man es vermisst.

Man hat mir schon gesagt: Wenn ich keinen Karneval habe, brauche ich auch keine Fastenzeit. Der Wechsel der verschiedenen Zeiten bereichert das Leben. Daher ist es jetzt etwas eintönig. Wir brauchen die Feierzeiten und die stillen Zeiten. Man muss kein Karnevalsjeck sein, um gut zu fasten. Ich persönlich will in der Fastenzeit das tun, was mich im Glauben froh macht und die Gemeinschaft stärkt.