Umbauen, nicht abreißen

Wie sich auf den weiteren Rückgang des Christlichen einstellen? Ordensgemeinschaften zeigen Wege auf

Am Klosterkomplex in Wittem haben zurzeit neben Pater Henk Erinkveld (l.) die Handwerker das Sagen. Die alte Wallfahrtskirche wird saniert, die Kapelle hingegen zu Büros und Buchladen umgebaut. (c) Thomas Hohenschue
Am Klosterkomplex in Wittem haben zurzeit neben Pater Henk Erinkveld (l.) die Handwerker das Sagen. Die alte Wallfahrtskirche wird saniert, die Kapelle hingegen zu Büros und Buchladen umgebaut.
5. Nov 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 45/2019

Die Kirchen sehen großen Mitgliederverlusten entgegen. Ihre Bindekraft sinkt. Soweit sind sich alle Experten einig. Wie aber mit dieser Entwicklung umgehen? Da gibt es höchst unterschiedliche Ideen und Haltungen. Gut, wenn es Inspirationen gibt, etwa aus dem Bereich der Ordensgemeinschaften. Ein Gespräch mit einem Theologen und einem Ordensoberen aus den benachbarten Niederlanden.

Zwei, die sich über die Gestaltung kirchlichen Lebens Gedanken machen: Pater Henk Erinkveld (l.) und der Theologe Paul Wennekes. (c) Thomas Hohenschue
Zwei, die sich über die Gestaltung kirchlichen Lebens Gedanken machen: Pater Henk Erinkveld (l.) und der Theologe Paul Wennekes.

Kürzlich sorgte eine offizielle Studie in Deutschland für Aufsehen, die eine Halbierung der Mitgliederzahlen der Kirchen bis 2060 prognostiziert. Wie sieht es bei Ihnen in den Niederlanden aus?

Paul Wennekes  In den Niederlanden, auch im eher katholischen Limburg, sieht die Entwicklung noch dramatischer aus. Deutlich benannt ist das mit Blick auf die Ordensgemeinschaften. Wir können davon ausgehen, dass in zehn, spätestens 15 Jahren drei Viertel von ihnen verschwunden sein werden. Auf diese veränderte Landschaft müssen wir uns einstellen. 

 

Wie bleibt man angesichts einer solch deprimierenden Prognose handlungsfähig?

Paul Wennekes  In der Tat fordert das alle Beteiligten unglaublich heraus. In über 100 Gesprächen mit Gemeinschaften in Deutschland, Belgien und den Niederlanden habe ich das deutlich gespürt. Der Umgang mit der Entwicklung könnte verschiedener nicht sein. Manche kapitulieren davor, manche vertagen die Diskussion. Die übrigen stellen sich ihr aktiv. Die Aufgabe lautet überall: Wie den Wandel gestalten, gegebenenfalls auch in Würde vollenden? Die Frage ist größer als das eigene Weiterleben. Es geht um die künftige Präsenz des Christlichen in der säkularen Gesellschaft. 

Henk Erinkveld  Die Entwicklung ist ja genau gesehen nicht neu. Schon lange beobachten wir, dass sich die Menschen nicht mehr so stark der traditionellen Kirche verbunden fühlen. Die Niederlande sind da den Deutschen um zehn, 15 Jahre voraus, nicht nur wegen der anderen finanziellen Struktur der Kirche. Zugleich sehe ich aber, dass die Menschen weiter auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen, nach Sinn, nach Orientierung sind.

 

Woran machen Sie das fest?

Henk Erinkveld  Ich beobachte das ganz konkret bei uns hier im Redemptoristenkloster Wittem. Die Gemeinde hatte uns vor Jahrzehnten einen riesigen Parkplatz gebaut, für die vielen Busse, die Wallfahrer zu uns brachten. Mit und mit verschwanden diese Busse und die traditionell organisierten Pilger. Gleichzeitig kamen aber immer mehr Menschen mit ihren eigenen Autos. Auch sie suchen die Berührung mit dem Göttlichen, sie gehen in die Kirche, sie stöbern in der Buchhandlung, nehmen unsere pastoralen Angebote wahr. Wir sind da und ansprechbar, wenn sie möchten. Es sind zum Teil andere Leute als früher, auch welche, von denen man es auf den ersten Blick nicht denken würde, stark tätowierte Menschen zum Beispiel. Aber sie alle kommen nach Wittem, nur anders als früher.

 

Wie lautet das Gebot der Stunde? 

Paul Wennekes  Die Beobachtungen aus Wittem decken sich mit dem, was ich sehe und höre. Kirche wird auch als Minderheit in 20, 30 Jahren die wichtige Aufgabe haben, Menschen eine Wegbegleiterin in ihrem Leben und Glauben zu sein. Es wird immer mehr religiös Suchende geben, und die Verantwortung für Christen und Kirchenleitungen lautet, ihnen verständlich Auskunft zu geben über Gott, über die frohe Botschaft, über Sinn und Ziel unseres Lebens. Wir müssen jetzt anfangen, diese Rolle stärker als bisher anzunehmen und neue, manchmal unerwartete Formen von Austausch und Zusammenarbeit zu schaffen, auch ökumenisch. Denn die Kräfte schwinden, das gehört zu diesem Thema dazu. 

 

Die Mitgliederzahlen sinken, die Finanzkraft schwindet – das betrifft alle Beteiligten. Was lässt sich tun?

Henk Erinkveld  Wir ziehen auf vielen Ebenen Konsequenzen. Schon länger leben wir Ordensmänner mit Laien zusammen, auch mit Ehepaaren. Und wir setzen uns kleiner. Einen Teil des Klosters verkaufen wir und investieren das Geld in eine Verdichtung. Alle pastoralen Angebote von der Wallfahrtskirche bis zur Buchhandlung werden räumlich gebündelt. So wächst zusammen, was ohnehin zusammengehört. Und so können wir auch halten, was wir versprechen möchten: Wittem wird weiter ein Ort für die Menschen sein, für religiöse Menschen ebenso wie für religiös Suchende. 

Paul Wennekes  Wie die Gemeinschaft hier in Wittem ein Ankerplatz bleiben wird, ist eine der Zukunftsantworten, die ich wahrgenommen habe. Klöster sind vielfach wertvolle Symbole, selbst wenn dort kein gemeinschaftliches Leben mehr stattfindet. Aber wo Gemeinschaften noch die Kraft haben, die Herausforderungen zu gestalten, gibt es so manchen interessanten Angang an die große Aufgabe.

 

Können Sie Beispiele nennen? 

Paul Wennekes  Manche Klöster stellen sich sehr gezielt dafür auf, den Menschen eine Herberge am Wegesrand zu sein. Das ist nicht nur touristisch gemeint, sondern auch als Angebot, auf Zeit aus dem Alltag auszusteigen und sich dem heilsamen Rhythmus eines klösterlichen Lebens zu unterwerfen. Manche Klöster entwickeln sich zu pastoralen Zentren inmitten von Stadtteilen, mit sozialen Angeboten, mit Wohnungen, natürlich auch einer Kapelle, in der liturgisches Leben gepflegt wird. Es gibt auch spezielle Jugendklöster, die von A bis Z auf die Bedürfnisse junger Menschen ausgerichtet werden. Und faszinierend ist auch der Ansatz, dass ein Kloster der Lebens- und Wirkungsort von mehreren Gemeinschaften wird. Sie ziehen unter ein Dach, bündeln ihre Kräfte, um den Menschen Wegbegleiter zu sein.

 

Kann die Kirche insgesamt davon lernen? 

Paul Wennekes  Davon bin ich überzeugt. Klar wird aus diesen Aufbrüchen und Experimenten keine Massenbewegung, die den Trend umkehrt. Aber wir müssen jetzt miteinander sprechen, jetzt unser Wissen weitergeben, gemeinsam Fantasie walten lassen. Wenn wir warten, ist vieles davon unwiederbringlich weg.

 

Das Gespräch führte Thomas Hohenschue.

Das Thema des Interviews wird am Samstag, 30. November, in Maastricht bei einer internationalen Tagung mit Simultanübersetzung vertieft. „Glauben in Veränderung – religiös leben“ findet von 10 bis 17 Uhr in der St. Janskirche am Vrijthof statt. Mehr Information unter www.knr.nl/congres. Dort kann man sich auch zur Tagung anmelden.