Junge Frauen, die sich ausschließlich um Haushalt und Kinder kümmern und pünktlich am Abend das Essen für ihren Mann auf dem Tisch stehen haben erleben gerade auf Social Media eine wahre Renaissance. Junge Influencerinnen zeigen ein Rollenbild, das den 1950er Jahren entlehnt zu sein scheint. Die sogenannten Tradwives – traditionelle Frauen – haben allerdings auch eine Kehrseite: eine auffallend häufige Nähe zu traditionalistischen und teilweise extrem rechten Ideologien. Die Kirchenzeitung sprach mit Madeleine Helbig-Londo, Referentin für Frauenseelsorge, und Diana Emmelheinz, Referentin für Familienarbeit, über dieses Phänomen.
Kirchenzeitung: In sozialen Medien sieht man immer mehr sogenannte „Tradwives“. Ist das für Sie einfach ein Lebensstil – oder steckt da mehr dahinter?
Helbig-Londo/Emmelheinz: Der Begriff „Tradwives“ kombiniert die beiden englischen Begriffe „traditional“ und „wives“. Er steht für die Selbstbezeichnung als traditionelle Frau. Vor allem auf Social Media bezeichnen sich junge Influencerinnen stolz als Tradwives. Dahinter steht ein traditionelles Rollenverständnis: Der Mann ist der Ernährer der Familie, und die Frau kümmert sich um Kinder und Haushalt. Dazu zählt auch, dass der Mann die Entscheidungen in der Familie trifft und die Frau sich dem Mann unterordnet. Wie bei den Tradwives, wird auch das traditionelle Männerbild auf Social Media – unter anderem mit den Schlagworten Alpha-Male und Manosphere – von entsprechenden Influencern propagiert.
Dieses Rollenverständnis wird der digitalen Öffentlichkeit in Social Media vordergründig als (privater) Lebensstil präsentiert. Dahinter stehen häufig evangelikale religiöse Überzeugungen bis hin zu Verbindungen in rechtskonservative Kreise. Hier wird die Grenze zwischen einer persönlichen Entscheidung für traditionelle Rollen und einem gesellschaftlich problematischen Rollenbild überschritten, weil traditionelle Rollenbilder für politische und ideologische Zwecke instrumentalisiert werden.
Welche Erfahrung haben Sie in der Seelsorge mit Frauen gemacht, die sich an solchen Rollenbildern orientieren?
Helbig-Londo/Emmelheinz: Wir merken, dass für viele jüngeren Frauen Gleichberechtigung selbstverständlich erscheint. Das ist für uns ein gutes Zeichen. Auch wenn für echte Gleichberechtigung noch viel zu tun ist, erfahren sich die meisten jungen Frauen zunächst einmal als gleichberechtigt. Unserem Eindruck nach ist dadurch aber auch die Sensibilität für Diskriminierung in Form von Retraditionalisierung verloren gegangen.
Hier merken wir bei älteren Frauen eine viel größere Achtsamkeit für mögliche Rückschritte. Hier müssen wir gemeinsam zu einem neuen Bewusstsein kommen und beispielsweise durch einen intergenerationellen Erfahrungsaustausch voneinander lernen.
Hinzu kommt, dass viele junge Frauen und Eltern unter einem immensem Druck stehen. Durch idealisiert dargestellten Familienbilder steigt dieser Druck zusätzlich an. Zwar gibt es auch auf Social Media Influencer, die ein realistisches Bild zeigen möchten – gerade zur Selbstdarstellung von Tradwives gehört aber die Inszenierung eines vermeintlich perfekten, friedvollen Familienalltages. Auch hier kann ein intergenerationeller Austausch entlastend wirken.
Es gibt Hinweise, dass solche Rollenbilder auch von rechtsextremen Gruppen aufgegriffen werden. Wo und wie nehmen Sie solche Verbindungen wahr?
Helbig-Londo/Emmelheinz: Bei den Social-Media-Kanälen bekannter Tradwives sowie Vertretern der Manosphere fallen die hochprofessionelle Bildsprache, ästhetischen Videos und idealisierte Darstellungsweisen des Familienalltags auf. So werden in schöner Erscheinung kaum erkennbar fundamental-christliche und rechtskonservative Überzeugungen implementiert. Auf gesellschaftlicher Ebene ist eine politische Instrumentalisierung zu beobachten. Mit Blick auf die pastorale Arbeit kann daher das traditionelle Rollenverständnis der Tradwives und in der Manosphere nicht als herausgelöstes Phänomen betrachtet werden, sondern muss in seinen Bezügen wahr- und ernstgenommen werden.
Wann werden Sie als Referentinnen für Familienarbeit und Frauenseelsorge aufmerksam oder auch besorgt?
Helbig-Londo/Emmelheinz: Als Theologinnen werden wir hellhörig, wenn mit der Bibel ein reaktionäres Frauen- und Familienbild begründet wird. Seit den 1970ern hat insbesondere die feministische Theologie auf eine zeitgemäße Bibelexegese hingewirkt. Mit der anerkannten Methode der historisch-kritischen Exegese lässt sich die von Tradwives und der Manosphere propagierte Unterordnung der Frau nicht biblisch rechtfertigen. Hinzu kommt, dass ein Blick in die frühe Kirchengeschichte zeigt, welche Bedeutung Frauen damals zukam. Dass diese Sichtweisen in der institutionellen Kirche lange keinen Platz hatte, hat historische Gründe.
Besorgniserregend wird die unwissenschaftliche Bezugnahme auf singuläre Bibelverse, wenn diese für völkisch-nationalistische Bestrebungen genutzt werden. Gerade auf Social Media propagieren rechtskonservative Parteien gezielt christliche Familienbilder, um junge Wähler zu erreichen. Die aktuellen Landtagswahlen haben gezeigt, dass dies gerade unter jungen, christlichen Männern verfängt.
Warum sind gerade traditionelle Frauenbilder für solche politischen Strömungen attraktiv?
Helbig-Londo/Emmelheinz: Das moderne Rollenbild mutet Familien viel zu: Der Anspruch ist, Job, Haushalt und Kinder zu vereinbaren. In einer komplexer werdenden Gesellschaft liefert ein traditionelles Rollenverständnis scheinbar einfache Antworten. Das Leben und die Zuständigkeiten sind klar verteilt und im politischen Populismus auch leichter zu vermitteln.
Dazu kommt, dass die beschriebene subversive Verknüpfung zwischen Tradwives und religiösen bis politischen Ideologien durchschaut werden muss. Gerade die evangelikal-fundamentalistischen Aussagen von Tradwives bzw. der Manosphere können von jungen Menschen – die auf diesem Weg erstmals mit christlichen Überzeugungen in Kontakt kommen – nur schwer als problematisch eingeordnet werden, da ihnen ein aufgeklärtes christliches Gegenmodell fehlt.
Welche Verantwortung hat Kirche, wenn religiöse Sprache/die Bibel benutzt wird, um Ungleichheit oder Ausgrenzung zu rechtfertigen?
Helbig-Londo/Emmelheinz: Es braucht eine klare Abgrenzung zu aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelversen. Kirche kann ein modernes Rollenbild biblisch-christlich gut vertreten. Gerade auf Social Media muss Kirche aktiver und aufmerksamer für problematische Entwicklung sein und auf vielen Ebenen ein aufgeklärtes Geschlechterbild vertreten.
In unserer Arbeit können wir keine unterkomplexen Antworten geben. Vielmehr versuchen wir, Prozesse der Reflexion und Auseinandersetzung mit Rollenbildern zu unterstützen.
Was wäre für Sie eine gute, zeitgemäße christliche Antwort auf diesen Trend?
Helbig-Londo/Emmelheinz: Hier würden wir zweigleisig ansetzen: zum Einen ist da der strategische Ort, an dem Tradwives und Alpha-Male aktiv sind: Social Media. Dort muss Kirche präsenter werden. Vor allem muss sie aktiv wie reaktiv rechtskonservativen Influencer entgegentreten. Reaktiv bedeutet, es braucht Personen, die auf Social Media in die Diskussion gehen und problematische Aussagen von Christfluencern nicht unwidersprochen stehen lassen. Aktiv bedeutet, dass offizielle kirchliche Social-Media-Kanäle ein Frauenbild transportieren, das dem aktuellen Forschungsstand historisch-kritischer Exegese standhält und beispielsweise biblische Frauenfiguren in den Fokus setzt.
Der zweite Ansatz bezieht sich auf unsere konkrete Arbeit in der Frauenseelsorge und Familienarbeit. Hier sind wir im Austausch auch mit der Männerarbeit und weiteren Fachbereichen. Das Bewusstsein für neue Formen der Retraditionalisierung muss geschaffen werden. Diese sind nicht leicht zu erkennen. Es gilt also zunächst, diese Muster durchschauen zu lernen und im nächsten Schritt, sprachfähig zu werden – auch und insbesondere hinsichtlich vermeintlich biblisch fundierter Rollenbilder.