Stets für den Frieden eintreten – notfalls mit Waffen

Militärseelsorgerin Maike Seelhorst hält freiwilligen Wehrdienst für sinnvoll

Maike Seelhorst ist Seelsorgerin für die Soldatinnen und Soldaten in sechs Kasernen. (c) Bistum Aachen/Andreas Steindl
Maike Seelhorst ist Seelsorgerin für die Soldatinnen und Soldaten in sechs Kasernen.
Datum:
15. Juli 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 15/2026 | Gerd Felder

Seit 2020 ist die 36-jährige Pastoralreferentin Maike Seelhorst katholische Militärseelsorgerin am Bundeswehr-Standort Aachen, wo sie in der Lützow-Kaserne ihr Büro hat. Statt der Bilder vom Bundespräsidenten und vom Verteidigungsminister sind dort Fotos von Papst Leo XIV. und Militärbischof Franz-Josef Overbeck zu finden. Wie erlebt sie die Soldatinnen und Soldaten in ihrem Dienst, was hält sie vom freiwilligen Wehrdienst, und welche Position vertritt sie in der Diskussion um Krieg und Frieden? Darüber sprach sie mit Gerd Felder.  

Frau Seelhorst, was macht überhaupt eine Militärseelsorgerin?

Seelhorst: Kurz gesagt, sorgt die Militärseelsorge dafür, dass Soldatinnen und Soldaten ihre Religion praktizieren können. Ich führe viele Einzelgespräche, aber das ist nur ein Teil meiner Arbeit. Ich halte auch Gottesdienste und erteile lebenskundlichen Unterricht, der für jede Soldatin und jeden Soldaten für ihre gesamte Dienstzeit Pflicht ist. Das ist kein Religionsunterricht, sondern angewandte Ethik. Es geht dabei um Themen wie die Vereinbarkeit von Dienst und Privatleben, den Umgang mit sozialen Medien oder tagespolitische Fragen wie den Nahostkrieg oder den Krieg in der Ukraine.  


Wie wird man Militärseelsorgerin? Sind Sie durch Ihre Familie vorgeprägt?          

Seelhorst: In unserer Familie gibt es in dieser Hinsicht keine Tradition, und auch ich hatte früher keinen Kontakt zur Bundeswehr. Ich bin während des Katholikentags 2012 in Mannheim bei der „Meile der Möglichkeiten“ auf die Militärseelsorge gestoßen. Und dabei habe ich sofort Feuer gefangen. Zunächst aber musste ich mein Studium der Katholischen Theologie beenden und von 2017 bis 2020 ganz normal meine drei Jahre als Pastoralassistentin in einer Stuttgarter Gemeinde ableisten. Danach erst bekam ich meine Beauftragung, der zunächst noch mein Heimatbistum Rottenburg-Stuttgart und das katholische Militärbischofsamt zustimmen mussten, so dass ich 2020 meinen Dienst als Militärseelsorgerin antreten konnte.  

Seit 2020 katholische Militärseelsorgerin am Bundeswehr-Standort Aachen: Pastoralreferentin Maike Seelhorst. (c) Bistum Aachen/Andreas Steindl
Seit 2020 katholische Militärseelsorgerin am Bundeswehr-Standort Aachen: Pastoralreferentin Maike Seelhorst.

Haben Sie sich gezielt Aachen ausgesucht?  

Seelhorst: Ja, denn hier ist die Technische Schule des Heeres, zu der insgesamt vier Kasernen in Aachen und Eschweiler/Stolberg gehören. Und ich wollte unbedingt weiter Unterricht geben, weil der Religionsunterricht an der Schule mir zuvor großen Spaß gemacht hatte. Neben Aachen bin ich außerdem auch in der Geilenkirchener Selfkant-Kaserne und der dortigen NATO-Airbase tätig. Das sind vier plus zwei Kasernen, die nicht unterschiedlicher sein könnten; aber genau das macht den Reiz aus. Unter den jeweils 600 Soldaten in Aachen und Geilenkirchen sind übrigens nur wenige Frauen, bei der Luftwaffe etwas mehr als beim Heer.  


Sie waren vor kurzem bei extremer Hitze mit auf dem Übungsplatz. Sind sie dort mitgerobbt?  

Seelhorst: Ich war einfach nur dabei und habe alles, was ohne Waffe geht und gut für meine körperliche Fitness und Leistungsfähigkeit ist, mitgemacht. Es ist für meinen Dienst wichtig, dass ich die Belastungen der Soldatinnen und Soldaten – auch bei extremer Hitze – kenne und mitbekomme, was sie beschäftigt. 

 

Welchen Eindruck haben Sie von Ihren Gesprächen mit jungen Soldatinnen und Soldaten: Was hat sie motiviert, sich für die Bundeswehr zu entscheiden, und sind sie mit Freude und Eifer dabei?  

Seelhorst: Die Soldatinnen und Soldaten hier kommen tatsächlich aus ganz Deutschland und haben sich für die Bundeswehr entschieden, weil sie durch unsere Gesellschaft viel Positives erfahren haben und ihr etwas zurückgeben und helfen wollen. Dementsprechend sind die meisten sehr überzeugt von dem, was sie tun. An der Technischen Schule des Heeres sind viele Spezialisten, die anderen Soldatinnen und Soldaten auf hohem Niveau etwas beibringen können. Aber natürlich gibt es auch hier wie überall sehr motivierte und weniger motivierte Leute.  


Sie haben einmal gesagt: „Beim Dienst an der Waffe geht es letzten Endes immer um Leben und Tod.“  Macht das es nicht ganz schwierig, für den freiwilligen Wehrdienst zu werben, zumal die Zivilgesellschaft sich an die jahrzehntelange Friedenszeit gewöhnt hat?  

Seelhorst: Die Bundeswehr ist eine Verteidigungsarmee. Wenn es tatsächlich zum Verteidigungsfall kommt, brauchen wir Menschen, die ganz konkret bereit sind, unsere Werte und unser Land zu verteidigen. Werben muss man in allen Bereichen und natürlich auch bei der Bundeswehr. Und die, die sich bereiterklären, unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verteidigen, bekommen dafür die bestmögliche Ausbildung inklusive politischer Bildung und Rechtsunterricht. Es gibt Soldaten, die überzeugte Pazifisten sind und trotzdem ihren Dienst leisten, weil sie wollen, dass ihre Kinder in einem besseren Land aufwachsen. Dass wir wesentlich mehr für unsere Sicherheit und Verteidigung tun müssen, ist sicherlich eine Wahrheit, die die Zivilgesellschaft nicht gern hört, aber die Einstellung hat sich seit Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine bei vielen gewandelt.  


Wie ist die Position der Kirche zu Krieg und Frieden, wie ist Ihre Position? Müssen wir aufrüsten und abschrecken, um den Frieden zu erhalten? Oder ist das unchristlich?

Seelhorst: Die Lehre vom gerechten Krieg, für den Augustinus etliche Kriterien festgelegt hat, hat die Kirche lange beschäftigt. Heute wissen wir: Ein Krieg ist niemals gerecht, denn es gibt immer nur Verlierer. Besonders Papst Leo XIV. setzt an die Stelle der Lehre vom gerechten Krieg die Lehre vom gerechten Frieden und auf Abrüstung, Diplomatie und Dialog. Er erinnert uns an den Frieden als hohes Ideal, das ich teile. Allerdings muss man auf dem Boden der Realität bleiben und sehen, dass manche Staaten sich nicht an das Völkerrecht halten und andere Staaten überfallen. Da braucht es Armeen, um dem Grenzen zu setzen und sich zu wehren. Man muss stets für den Frieden eintreten und sich trotzdem dessen bewusst sein, dass man vielleicht Waffen einsetzen muss, um ihn zu wahren.  


Junge Menschen fühlen sich heute durch Ereignisse wie die Corona-Pandemie stark belastet und außerdem häufig aus der gesellschaftlichen Diskussion ausgeschlossen und von der Politik ignoriert. Dürfen wir sie trotzdem zum freiwilligen Wehrdienst heranziehen?  

Seelhorst: Ja, das dürfen wir, wenn wir es als gesamtgesellschaftlichen Prozess fair gestalten. Ich denke, dass wir Strukturen entwickeln sollten, die jungen Menschen mehr Mitsprache gäben, beginnend in der Schule. Das andere Problem ist, dass unsere Gesellschaft sehr individualistisch geworden ist und das Gemeinwohl aus dem Blick verloren hat. Für den freiwilligen Wehrdienst, der unsere kulturellen Güter schützen soll, brauchen wir außerdem nicht nur Leute an der Front, sondern auch zivile Kräfte im hinteren Bereich. Insofern ist nicht nur der freiwillige Wehrdienst wichtig, sondern auch die unterschiedlichsten zivilen Freiwilligendienste. 


Sollten auch Frauen freiwilligen Wehrdienst leisten?  

Seelhorst: Prinzipiell finde ich das gut. Weil wir noch nicht gleichberechtigt sind und unsere Gesellschaft dem Rechnung tragen muss, sollte der Dienst bei Frauen allerdings kürzer sein als bei Männern. Fragen der Verteidigung sind zu wichtig, um sie allein den Männern zu überlassen.