Armin Schuster ist sichtlich bewegt, nachdem Leah Floh ihm die Hans-Jonas-Medaille verliehen hat. Zum zweiten Mal hat die jüdische Gemeinde in Mönchengladbach diese Auszeichnung an jemanden vergeben, der sich um die Gemeinschaft in besonderer Weise verdient gemacht hat. „Wenn eine jüdische Gemeinde einem Nicht-Juden eine Auszeichnung verleiht, dann bedeutet das, dass wir sie sehen und ihnen vertrauen“, sagt Leah Floh, Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach in ihrer Ansprache. „Sie sind auch da, wenn keine Kameras mehr da sind.“
Damit spricht Floh die Solidarität Armin Schusters, Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Mönchengladbach (GCJZ), an. Das sei gerade jetzt wertvoll, da Judenhass nicht mehr nur von den politischen Rändern komme, sondern mitten in der Gesellschaft zu finden sei. „In dieser Realität wirkt Ihre Arbeit wie ein Gegengift“, sagt sie. „Sie schaffen Räume, in denen jüdisches Leben erklärt und anerkannt wird.“
Erst zum zweiten Mal hat die jüdische Gemeinde in Mönchengladbach den nach dem Philosophen Hans Jonas benannten Preis verliehen. Der erste Preisträger war 2025 Felix Heinrichs, Oberbürgermeister von Mönchengladbach. Er hält auch die Laudatio auf seinen Nachfolger und schlägt gleich zu Beginn die Gründung einer neuen Tradition vor: in Zukunft bei den Preisverleihungen die Medaille anzulegen, um das Gesicht Hans Jonas‘ nach außen zu tragen. „Er hat in den 20er- und 30er-Jahren mit daran gewirkt, einen jüdischen Staat zu schaffen. Wenn man ganz ehrlich ist, hat die Stadt über viele Jahre vergessen, dass es Hans Jonas gab.“
Hans Jonas wurde 1903 in Mönchengladbach geboren und verließ Deutschland 1933. Seine Mutter, Rosa Jonas, wurde 1941 nach Lodz deportiert und 1942 in Auschwitz ermordet. Heute erinnert vor dem Haus Mozartstraße 9 ein Stolperstein an sie. Hans Jonas wurde 1989 Ehrenbürger der Stadt, 1993 starb er in New Rochell/ New York. 1987 kam er anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels nach Deutschland zurück und besuchte auch Mönchengladbach und seine ehemalige Schule, das Stiftisch Humanistische Gymnasium.
Armin Schuster ist zum ersten Mal 2012 bei der Lektüre des Buches „Paul Raphaelson und Hans Jonas: Der jüdische Kapo und ein bewaffneter Philosoph im Holocaust“ mit Hans Jonas in Berührung gekommen. „Das habe ich mit großem Interesse gelesen, da dieser Paul Raphaelson der Vater meines Onkels Eduard Raphaelson war“, sagt Schuster in seiner Rede. Aufgewachsen ist Schuster als Sohn einer katholischen Mutter und eines evangelischen Vaters. Aber auch in dieser ökumenischen Familie mit dem angeheirateten jüdischen Onkel wurde über die Geschehnisse in der NS-Diktatur nicht gesprochen. Erst 2014 erfuhr Schuster, dass auch ein katholischer Onkel in einem Konzentrationslager ermordet wurde. Das war der Auslöser, das Schicksal seines Onkels zu erforschen.
Bei der eigenen Familiengeschichte ist es nicht geblieben. Seit damals forscht Schuster immer wieder nach den Lebenswegen von Menschen, die von den Nazis verfolgt und ermordet wurden. „Wenn man die Dankbarkeit von betroffenen Nachkommen spürt, die eine jahrzehntelange Ungewissheit quält, welches Schicksal ihre Vorfahren erlitten haben, erfährt man eine starke Bereicherung und Motivation, diesen Zeitaufwand für Erinnerungsarbeit zu leisten“, sagt der 78-Jährige.
Die Verlegung von Stolpersteinen ist oft Anlass für Recherchen. Dabei stößt das Team der GCJZ auch immer wieder auf noch lebende Verwandte der Opfer. Schuster berichtet von einer emotionalen Reaktion der Tochter einer 93-Jährigen Schwester des jüdischen Euthanasie-Opfers Adolf Herbstmann. Als Zehnjähriger wurde er 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar vergast. Seine Familie in Kanada wusste nichts darüber.
Ohne das Team der engagierten, ehrenamtlichen Mitglieder der GCJZ wäre die Arbeit nicht möglich, sagt Schuster. „In den letzten fünf Jahren sind wir von 175 Personen auf aktuell 275 Mitglieder angewachsen.“ Der Einsatz gegen Antisemitismus geht weiter.