Skepsis, aber auch Chancen

Regionalteam Aachen-Land legt eine erste Bestandsaufnahme zum Abschluss der Analysephase vor

Ziel von Kirche in der Region muss bleiben, Menschen in all ihren Lebenswelten zu erreichen. (c) Andrea Thomas
Ziel von Kirche in der Region muss bleiben, Menschen in all ihren Lebenswelten zu erreichen.
Datum:
30. Sept. 2019
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 40/2019 | Andrea Thomas

Vor einem Jahr haben Regionalvikar Hannokarl Weishaupt, Pastoralreferent Norbert Franzen und die Ehrenamtliche Erdmute Söndgen ihre Arbeit aufgenommen.

Das Team (v. l.) Hannokarl Weishaupt, Erdmute Söndgen, Norbert Franzen, bei der Einführung. (c) Andrea Thomas
Das Team (v. l.) Hannokarl Weishaupt, Erdmute Söndgen, Norbert Franzen, bei der Einführung.

>>Die Region

Aachen-Land, das sind: etwa 120 000 Katholiken, zehn Gemeinschaften der Gemeinden (GdG), fünf Kirchengemeindeverbände, 31 Pfarreien, eine Kapellengemeinde. Die Region ist noch immer stark vom Strukturwandel und dem Ende des Bergbaus geprägt und dem, was dies für Menschen bedeutet. Kirchliches Leben findet hauptsächlich in den GdG statt. Gemeinsame Projekte gibt es wenig. Der Region fehlt eine Mitte. Kirchliche Infrastruktur, wie das Büro der Regionen, das Verwaltungszentrum oder der Träger katholischer Kindertageseinrichtungen, „Pro futura“, liegt noch am ehesten in Aachen. Die Zusammenarbeit in der Aachener Doppelregion ist eng.

 

>>Aktivitäten des Regionalteams

Das Regionalteam hat arbeitsteilig acht der zehn GdG-Räte sowie die Pastoralteams besucht: Es habe Interesse an Informationen zum Stand des Prozesses, aber auch Skepsis und Ablehnung gegeben. Letzteres stärker bei den Haupt- als bei den Ehrenamtlichen. Bedenken sind, dass der Prozess viel Zeit, Geld und Personalressourcen koste, aber keine wirklich neuen Erkenntnisse bringe. Sorge bereiten zukünftige, möglicherweise größere Strukturen. Viele Hauptamtliche vermissten Wertschätzung, Transparenz und Offenheit seitens des Bistums. Beim Austausch mit den Pastoralteams ging es auch um Fragen wie Wortgottesfeiern mit oder ohne Kommunionausteilung oder die Zuständigkeit bei Beerdigungen – hier wären regionale Lösungen sinnvoll.

Weitere Gesprächspartner waren die Berufsgruppe der Gemeindereferenten sowie das Regionalteam Aachen-Stadt, die Mitarbeiter der kirchlichen Jugendarbeit, die Leitungen der Jugendzentren sowie regionale Akteure in Kirchenmusik, Flüchtlings-, Behinderten- und Notfallseelsorge. Gespräche mit der Frauenseelsorgerin und der regionalen Trauerbeauftragten stehen noch an. Die Gemeindereferenten äußerten neben Skepsis gegenüber Modellen zukünftiger Strukturen die Hoffnung, dass in „Heute bei dir“ – bei angemessener Vorgehensweise – auch eine Chance liege, „die Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort intensiver in den Blick zu nehmen“. Bei den Jugendbeauftragten und den Verantwortlichen der Jugendeinrichtungen war das Interesse groß, sie fragten sich jedoch, wo sie mit ihrer Arbeit im Prozess vorkommen und ob Kinder und Jugendliche mit ihrem Alltag kompetent und ausreichend in den Blick genommen würden.

Regionaler Katholikenrat, Verein Pro Arbeit, Regionalcaritasverband, Pro futura und Erwerbslosenberatung der KAB sind interessiert, über das Team ihre Themen in den Prozess einzubringen, kritisierten aber, dass ihre Erfahrungen im Vorfeld nicht gehört worden seien. Bei einem ersten Gesprächsabend zu „Heute bei dir“ in Aachen-Land diskutierte das Team außerdem mit Menschen aus der Region und nahm Anregungen für den Prozess mit. Es bringt sich zudem in den Themenforen und Diözesankonferenzen ein und war bei zahlreichen Veranstaltungen in der Region zu Gast.

 

>>Regionale Initiativen

Aus den Gesprächen folgten mehrere Eingaben an die Teilprozessgruppen. Themen, die den Akteuren in der Region wichtig sind: Kirche und Arbeiterschaft mit Schwerpunkt kirchliche Arbeitslosenprojekte, Offene Jugendarbeit, Weltkirche, Ökumene sowie Hospizarbeit und Palliativversorgung. Auf Initiative aller GdG wurden die Sakramentenkatechese und Kirche/Gottesdienste an anderen Orten eingebracht sowie direkt vom Regionalteam die Anregung, seelsorgliche Kompetenzzentren einzurichten, um in besonderen Lebenssituationen, in denen Menschen sich an Kirche wenden, besser und direkter ansprechbar zu sein.

 

>>Blick auf die Zukunft

Kirche wird vor allem im diakonischen Bereich angefragt. Ziel für die Region soll daher sein, den Schwerpunkt „Kirche und Arbeiterschaft“ und die Arbeitslosenarbeit zu erhalten und zu unterstützen. Gleiches gilt für die Sorgen und Nöte der Menschen (Ökologie, Klimawandel, Erhalt ihrer Lebensgrundlagen und Solidarität miteinander). In der eher ländlichen Region kann Jugendarbeit nur punktuell, nicht flächendeckend erfolgen. Will Kirche bei jungen Menschen präsent sein, gilt es, die Jugendarbeit auszubauen, unter anderem mit der Schaffung eines jugendpastoralen Zentrums für die Aachener Doppelregion.

Ein weiterer Punkt ist die Entlastung der (weniger werdenden) Hauptamtlichen, damit sie sich neben dem Tagesgeschäft wieder stärker um pastorale Aufgaben kümmern können. Für seine Arbeit zieht das Team folgende Schlüsse: Der Kontakt zu am Prozess Interessierten soll ausgebaut werden. Die Arbeit im Team funktioniert gut, für eine tatsächliche, gemeinsame Leitung der Region sei aber noch Luft nach oben. Das liege an der Fixierung vieler auf den Regionalvikar, an den eingeschränkten zeitlichen Möglichkeiten der Ehrenamtlichen im Team, die auch weiter in ihrer Gemeinde engagiert sind, und an den Vorgaben für den Geschäftsverteilungsplan. Wenn die „Gemeinsame Verantwortung von Priestern und Laien, Haupt- und Ehrenamt, Männer und Frauen“ gelingen solle, müssten diese korrigiert werden. Für Ehrenamtler in Leitung sei eine Einarbeitung in kirchliche Strukturen wichtig. Ihr Einsatz ist sinnvoll, um Impulse von außen einzubringen, und da bei ihnen keine berufliche/finanzielle Abhängigkeit im System Kirche vorhanden sei.

Mit Blick auf den Prozess: Er ermögliche ein hohes Maß an Beteiligung. Daher sei auch viel Frust zu erwarten, wenn die engagiert eingebrachten Themen nachher nicht vorkämen. Am Ende müsse es klare Ergebnisse geben. Der Prozess müsse noch in der eigenen Verwaltung und den Gremien ankommen. Auch hier wünschten sich die Menschen, mit ihrer Arbeit gesehen und befragt zu werden. Mehr Wertschätzung und Transparenz seitens der Bistumsleitung schaffe Vertrauen.

Die Zeit des Prozesses solle auch für Experimente genutzt, vermeintliche Tabuthemen nicht ausgeklammert werden. Sonst glaube niemand an einen offenen Dialog. Nicht alle Entscheidungen dürften bis zum Ende geschoben werden, da sonst inner- und außenkirchlich zu viel Zeit verloren gehe. „Kirche hat die Chance, sich als Mittlerin, Ansprechpartnerin, Geschäftspartnerin anzubieten, im Kleinen wie im Großen.“

Zweiter offener Gesprächsabend zu „Heute bei dir“: 9. Oktober, 19.30 Uhr, Pfarrheim St. Franziskus, Stolberg

Was macht Kirche in der Region aus?

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