Sie sind Beispiele für gelebte Menschlichkeit

Die ersten Herbert-Kaefer-Preisträger im Porträt

Mit der Gitarre gegen Ungerechtigkeit und für Verständigung: Der Musiker und Poet Sasan Azodi. (c) Andreas Steindl
Mit der Gitarre gegen Ungerechtigkeit und für Verständigung: Der Musiker und Poet Sasan Azodi.
Datum:
21. Apr. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 09/2026 | Sabine Rother und Chrismie Fehrmann

Erstmals hat ein Netzwerk von verschiedenen Partnern aus Kirche und Flüchtlingsarbeit, unter anderem auch das Bistum Aachen, den Herbert-Kaefer-Preis für „Mut zur Solidarität mit geflüchteten Menschen und für globale Gerechtigkeit“ verliehen. Die ersten Preisträger sind der Aachener Musiker Sasan Azodi und der Flüchtlingsrat Krefeld e. V.  Der Preis ist jeweils mit 1000 Euro dotiert.

Der Musiker

Bei Sasan Azodi (54) schwingt immer ein wenig Melancholie mit – wenn er poetisch-politische Texte schreibt und singt, die Gitarre oder deren orientalische Schwester, die Oud, in den Arm nimmt und seine Musik sprechen lässt, oder wenn er sich als Partner bei Projekten engagierter Theaterleute auf der Bühne behauptet. Der iranische Künstler bleibt bei allem, was er tut, stark, hellsichtig, aber auch verletzlich, im Engagement geradlinig. Für seinen langjährigen Einsatz im Hinblick auf gelebte Menschlichkeit verleiht ihm ein Netzwerk, unter anderem mit dem Bistum Aachen, Amnesty International, dem Café Zuflucht und seinem Trägerverein Refugio, dem Diözesanrat der Katholik*innen und dem Ökumenischen Netzwerk Asyl in der Kirche in NRW in diesem Jahr den neu gegründeten Herbert-Kaefer-Preis. 

Namensgeber ist der ehemalige katholische Priester Herbert Kaefer, 1991 Träger des Aachener Friedenspreises, erster Flüchtlingsbeauftragter des Bistums und Beistand für Kriegsdienstverweigerer, der heute 86-jährig in seinem Heimatort Gemünd lebt. Ihn nennt Tetyana Lutsyk vom Bistum Aachen einen Mahner in „Zeiten eines alarmierenden Rechtsrucks“ und damit ein „ermutigendes Vorbild“.

Mit ihm hat Azodi, der sich als „flaggenlos“ bezeichnet, viele Gemeinsamkeiten. Unermüdlich erhebt er seine Stimme gegen Fremdenfeindlichkeit, die Grausamkeiten von Regimen, wie sie nicht nur im Iran herrschen, wo er seine Wurzeln hat. Einer Gruppierung wird er sich nie anschließen. Es ist eine Anerkennung, die ihn darin bestätigt, weiterzumachen, seine Stimme zu erheben, an Versöhnung und einem Miteinander zu arbeiten, das nie leicht war – Anfeindungen in der Jugend, Gewalt, Morddrohungen, das kennt er gut. Schon als Junge muss er Fremdenhass erfahren, wird von Skinheads krankenhausreif geprügelt.

„Ich bin davon überzeugt, dass alle Menschen gleich sind“, sagt er, der sich am liebsten in seiner Poesie ausdrückt, in Gedichten mahnt, Unheil beklagt, aber auch dazu auffordert, aufzuwachen, dem Rassismus humanitäres Handeln entgegenzusetzen. „Bei der Preisverleihung kam meine ehemalige Kindergärtnerin auf mich zu“, verrät er lächelnd. „Sie meinte, ich war schon als Kind auf 180, wenn man einem anderen Kind etwas tun wollte, sei ich sofort losgerannt.“ Er nickt nachdenklich: „Bis heute handele ich, wenn es sein muss; denke in solchen Momenten nicht viel nach.“

Da erkennt er, was nötig ist. Kindheit – er hat sie nicht im Iran, sondern in Deutschland erlebt, in Erftstadt, als Einzelkind. Geboren ist er in Frankfurt. „Mein Vater kam als Student aus dem Iran nach Deutschland, um sein Ingenieurstudium zu absolvieren und hat sich in eine deutsche Frau verliebt. Die Familie zieht nach Erftstadt, wo Sasan aufwächst, das Abitur besteht  und von dort aus nach

dem Zivildienst ein Jahr lang als Straßenmusiker unterwegs ist und die Welt erkundet. „Ich bin auf der Suche nach Artikulation, nach einer Möglichkeit mich auszudrücken, Poesie ist mehr als Musik, eine besondere Ästhetik“, beschreibt er seinen künstlerischen und persönlichen Weg. Zunächst geht er nach Bonn, studiert Germanistik, hat Einblick in die Philosophie. Dann findet er am Maastrichter Konservatorium den richtigen Ort, um sich zu entfalten – so, wie er es sich wünscht.

Azodi absolviert sein Diplom als Jazz-Gitarrist, erkundet die Klanggeheimnisse der Oud, wird Bouzouki- und Glissentar-Spieler. Frühzeitig komponiert er und spezialisiert sich im Studium auf orientalische, speziell auf die klassische persische Musik.

Die Zusammenarbeit mit anerkannten Akteuren der arabischen und türkischen Musik prägt ihn. Immer wieder gibt es Auftragskompositionen. Er gründet und leitet Bands wie Mah-e Manouche, deren Musik in vielen Ländern wurzelt. „Worte als Auflehnung gegen das Patriarchat, gegen jede Form von Diktatur, werden zum Gesang“, sagen sie, die Texte der Dichterin und Sängerin Sanaz Zaresani mit Musik von Azodi, Heribert Leuchter (Saxophon) und Uwe Böttcher (Bass) im Rhythmus von Perkussionist Steffen Thormählen verbinden und dafür mit dem Förderpreis der Kulturen des Landes NRW ausgezeichnet werden.

Azodis neues Projekt „Haymatlose Lieder“ mit dem Quartett „Sans Papier“ will nicht nur Landesgrenzen und Barrieren im Kopf abbauen. „Wir setzten auf die universale Sprache der Musik“, sagt der Poet und Komponist, der mit dem Begriff „haymatlos“, einem aus dem Deutschen in die türkische Sprache übernommenen Lehnwort, an die Zeit des Nationalsozialismus mahnt. In den Jahren 1933-1945 sind viele Juden und politische Gegner in die Türkei geflohen – in die Pässe der Exil-Suchenden stempeln damals türkische Beamte das Wort „haymatlos“, also „ohne Staatsangehörigkeit“.

Azodi vertritt einen klaren Standpunkt: „Wir haben nicht den Luxus, nicht politisch zu sein“, sagt er schlicht mit Blick auf die vielfach frauenfeindliche Welt, engagiert sich – selbst Vater zweier Söhne, 18 und 16 Jahre alt – für Familienzusammenführung und unterstützt künstlerisch die Proteste im Iran und weltweit unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“. 
Den Herbert-Kaefer-Preis empfindet er als Aufforderung, übernommene Verantwortung zu vertiefen.

 

Flüchtlingsrat Krefeld

Es ist seit über 30 Jahren so: Der Flüchtlingsrat Krefeld berät Geflüchtete in ihrem Bestreben nach Asyl und Bleiberecht und kämpft für ihre Menschenrechte. Er leistet konkrete Hilfe, wann immer sie gebraucht wird, betreibt politische Lobbyarbeit und sensibilisiert die Öffentlichkeit über die bestehenden Probleme. Das ehrenamtliche Engagement der Mitglieder ist unermüdlich und wird jetzt  mit dem Herbert-Kaefer-Preis gewürdigt.

Die Freude über die besondere Beachtung ihrer Arbeit ist bei den Krefeldern groß. „Wir verstehen uns als Lobby, als Sprachrohr und Unterstützer für alle Menschen, die ihre Flucht zu uns nach Krefeld geführt hat“, betonen einmal mehr die Vorsitzende ,Elisabeth Völlings, und Ute Richter, Frau der ersten Stunde und ehemalige Vorsitzende.

„Wir haben den Flüchtlingsrat 1995 gegründet, unser erstes Büro war ein Küchentisch“, berichten sie lächelnd weiter. „Bereits bestehende Organisationen, Verbände sowie Einzelpersonen haben sich dazu zusammengeschlossen, als Menschen aus Sri Lanka, Afghanistan oder Ex-Jugoslawien in die Stadt kamen. Wir sahen: Ihre Unterbringung war ebenso unzureichend wie die Versorgung. Die Geflüchteten haben in Baracken in Tackheide gelebt, in abgewrackten Kasernen oder Containern an der Westparkstraße gewohnt.“

Die rassistischen Anschläge von Rechtsextremisten in Rostock und Solingen waren damals nur wenige Monate alt. Der Flüchtlingsrat wollte der rasant zunehmenden Fremdenfeindlichkeit entschlossen entgegentreten. „Es war damals so, wie es heute wieder ist“, sagen die Frauen. 2015 kamen dann erneut viele neue Menschen aufgrund von Krieg und Verfolgung. „Zu dieser Zeit herrschte eine gute Stimmung in der Bevölkerung, eine prima Willkommenskultur, ein großes Spendenaufkommen, es wurden eigene Räume und Begegnungsstätten eingerichtet. Und: Es gab Geld vom Land.“

Ein Schwerpunkt sei die Familienzusammenführung gewesen. Völlings erinnert sich besonders gut an eine Familie, die sie mit Nachdruck betreut hat und die ihr eine gute, über zwei Jahre dauernde Kommunikation mit der Deutschen Botschaft in Athen eingebracht hat. „Wir hatten die schwangere Frau hier und den Vater mit zwei Kindern im Heimatland. Wir haben es geschafft, dass sie nun alle hier sind.“

Mittlerweile wurden Räume im Untergeschoss eines Hochhauses am Bleichpfad bezogen. Dort finden Sprachkurse in Vorbereitung für die offiziellen Prüfungen statt, ebenso Hausaufgabenbetreuung und Hilfe bei amtlichen Dingen, wie dem Asylverfahren. 
Ungezwungene Begegnungen finden im Café Sarah in Forstwald statt. „In enger Kooperation mit der Kirchengemeinde Maria Waldrast und dem Bürgerverein Forstwald stärken wir dort die Vernetzung im Stadtteil und das Zusammenwirken mit der Nachbarschaft. Wir fördern gesellschaftliche Teilhabe von Menschen, die zu uns nach Krefeld geflohen sind und aktuell in der Notunterkunft in Forstwald wohnen und leben.“

Das Theaterprojekt besteht seit 2024. „Damit wollen wir Menschen aus den verschiedenen Kulturen, mit und ohne Flucht- und Migrationshintergrund und Menschen verschiedenen Alters zusammenbringen und im gemeinsamen Spiel vereinen. Das ,Theater ohne Grenzen‘ will Brücken bauen in der Stadt, die von Vielfalt geprägt ist“, sagen Elisabeth Völlings und Ute Richter, die beiden unermüdlich arbeitenden Frauen vom Flüchtlingsrat, und ihre Mitstreiter.

„Wir freuen uns nicht nur über die Auszeichnung, sondern auch darüber, dass der Namensgeber unseres Preises noch lebt.“ Mit dem Herbert-Kaefer-Preis wird nun das Lebenswerk von Pfarrer Dr. Herbert Kaefer geehrt und gleichzeitig werden Einzelpersonen, Initiativen und Organisationen für ihr herausragendes solidarisches, menschenrechtliches und gesellschaftspolitisches Engagement gewürdigt. Für seinen Einsatz für gesellschaftlich Schwache wie Obdachlose und Asylbewerber sowie seinen Beistand für Kriegsdienstverweigerer wurde Kaefer 1991 mit dem Aachener Friedenspreis geehrt.

Seit über 30 Jahren für Menschen im Einsatz, die ihre Flucht nach Krefeld geführt hat

(c) Dirk Jochmann

Die Freude über die Anerkennung ihrer Arbeit ist beim Verein Flüchtlingsrat Krefeld groß. Der Verein gründete sich 1995 in einer Zeit, als die rassistischen Anschläge von Rechtsextremisten in Rostock und Solingen nur wenige Monate alt waren. Vor allem freut es die erste Vorsitzende Elisabeth Völlings (links) und Ute Richter, ehemalige Vorsitzende und Frau der ersten Stunde, dass der Namensgeber des Preises noch lebt.