Sichtbar Zeichen gesetzt

Bruder-Klaus-Kapellenbauer gestorben

Die Natur schuf diese Choreographie der Bruder-Klaus-Kapelle aus Himmel und Rapsblüte in den ukrainischen Nationalfarben, längst bevor dort der Krieg ausbrach. (c) Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress
Die Natur schuf diese Choreographie der Bruder-Klaus-Kapelle aus Himmel und Rapsblüte in den ukrainischen Nationalfarben, längst bevor dort der Krieg ausbrach.
Datum:
7. März 2023
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 10/2023 | Manfred Lang

Hermann-Josef (86) und Trudel Scheidtweiler stifteten vor 15 Jahren die weltbekannte Felsenkirche aus Beton, die der Schweizer Architekt Peter Zumthor entwarf. Jetzt ist der Wachendorfer Landwirt und Unternehmer im Alter von 86 Jahren gestorben.

Tausende pilgern das ganze Jahr über zu dem zwölf Meter hohen, eigenwillig geformten Gotteshaus in offener Feldflur, die einen aus Interesse an atemberaubender moderner Architektur, die anderen aus spirituellen Gründen. Die zum Himmel offene Kapelle, die wie eine Kirche im Innern mächtiger Felsen wirkt, animiert zum Beten und Meditieren.
Entworfen und mitgebaut hat der Schweizer Star-Architekt Peter Zumthor die Kapelle in den Jahren 2005 bis 2007. Als dieser das Kölner Diözesanmuseum baute, schrieben ihm Traudel und Hermann-Josef Scheidtweiler einen Brief. Darin baten sie den Eidgenossen, eine Kapelle zu entwerfen.
Sie wollten das Bauwerk Bruder Klaus widmen, also dem heiligen Nikolaus von Flüe. Er ist Schutzpatron der Katholischen Landjugendbewegung, die dem Ehepaar Scheidtweiler von Jugend an sehr am Herzen liegt.

Sympathie für Nikolaus von Flüe und der besondere Aha-Moment

Bruder Klaus (1417–1487, heiliggesprochen 1947) war aber auch Schweizer – und der Lieblingsheilige von Zumthors Mutter. So entstanden ein persönlicher Kontakt und ein einzigartiges Bauprojekt, für das der international renommierte Architekt auf jegliches Honorar verzichtete.

Zu Beginn der Bauphase wurden 112 Baumstämme im Wald von Bad Münstereifel für das Innengerüst der Kapelle geschlagen. Diese wurden zu einem eher kleinen, zeltartigen Raum zusammengefügt, der nun in vielen Schichten mit Beton aus einer Mischung aus rötlich-gelben Sand, Flusskies und Zement verkleidet wurde. Als der zwölf Meter hohe Turm fertig war, köhlerten die Scheidtweilers und ihre Helfer aus Familie und dem Freundeskreis die Baumstämme durch ein drei Wochen brennendes Feuer aus. Der brenzlige Geruch wird noch lange in der Andachtsstätte wahrnehmbar sein und ist Programm.

Alle vier Elemente (Feuer, Wasser, Erde, Luft) sollen dort vereint werden. So kann durch eine Öffnung an der Spitze Regen eindringen und einen kleinen See auf dem besonderen Fußboden bilden. Der ist aus einem Blei-Zinngemisch hergestellt worden und bietet durch dieses ungewöhnliche Material eine Verbindung zur Bleiberg-Stadt Mechernich.
Der Bauhistoriker Carsten Vorwig, der heutzutage das LVR-Freilichtmuseum Kommern leitet, sagte seinerzeit: „Von außen ist die Kapelle ungewöhnlich und sogar gewöhnungsbedürftig. Der Baustil ist völlig anders als ortsüblich. Wenn man aber ins Innere tritt, wird man mit einem Aha-Erlebnis wachgerüttelt, denn die Innenarchitektur ist völlig anders als erwartet. Die ungewöhnliche, aber gelungene Lösung fasziniert.“

Den Elementen verschrieben: Feuer,  Wasser, Luft und Erde

Freunde und Schwiegerväter Hermann-Josef Scheidtweiler (l.) und Helmut Weber im zum Himmel offenen Innern der Wachendorfer Bruder-Klaus-Kapelle. (c) pp/Agentur ProfiPress
Freunde und Schwiegerväter Hermann-Josef Scheidtweiler (l.) und Helmut Weber im zum Himmel offenen Innern der Wachendorfer Bruder-Klaus-Kapelle.

Mechernichs Stadtplaner Thomas Schiefer beschrieb seinen Eindruck zu der Kapelle so: „Das ist schon seltsam: inmitten der Landschaft eine harte architektonische Form. Architektur, die anzuecken scheint. Und dann in der Ruhe der Betrachtung stellt man fest: Irgendwie ist das doch stimmig. Die Farbe des Betons passt zu den erdfarbenen Äckern der Umgebung, die Form ist ergänzender Teil der Landschaft, ohne diese zu verletzen. Im Innern, in der meditativen Stille des Raumes, werden die Elemente Licht, Wasser, Feuer plötzlich physisch wahrnehmbar.“

Schiefer weiter: „Das Leben des naturverbundenen Einsiedlers Bruder Klaus wird spürbar im Geruch des verbrannten Holzes, im Wasser auf dem Boden und im Licht, das beim Blick nach oben zu einem Sternenhimmel wird, der sich im Unendlichen zu verlieren scheint. In der Umsetzung all dessen in Architektur dokumentiert sich ein Architekt, der sich auch heute noch Baumeister nennen darf. Die Architektur wird mit ihrer starken Aussagekraft zu Kunst – und zu einem Kleinod, für dessen Komposition wir Bauherrn und Baumeister in Zeiten schöpferischer Reduziertheit dankbar sein sollten.“

Mechernichs Bürgermeister Hans-Peter Schick wies darauf hin, dass nicht jeder die Kapelle schön finden wird. „Jede Zeit hat ihren eigenen Baustil, auch was die Kirchen angeht. Vielleicht werden erst zukünftige Generationen dieses Bauwerk vermehrt schätzen. Architektur ist immer eine Sache des Geschmacks. Mir gefällt die Kapelle. Dort wird Spirituelles und Architektonisches vereint, und der Innenraum ist ein wirklicher Andachtsraum. Spannend wird sein, wenn der Beton durch den Zahn der Zeit Patina ansetzt.“

Eine Stiftung als „Zeichen, das über sich  hinaus weist“

Trudel und Hermann-Josef Scheidtweiler wollten sich mit einem Kapellenbau für ihr gutes Leben bei Gott bedanken. Aus einer Laune wandte sich das Ehepaar an den Schweizer Stararchitekten Peter Zumthor. Mit den Worten „Sie können mich gar nicht bezahlen“ nahm er sich der Bauanfrage schließlich an – und verzichtete auf sein Honorar.
Karl-Heinz Haus, der Generalsuperior der Mechernicher Gemeinschaft „Communio in Christo“, sah die Kapelle als Experiment, dessen Besucherzustrom für sich spricht. Er äußerte sich seinerzeit: „Es ist bemerkenswert, dass eine gläubige Familie aus einer tiefen Verbundenheit mit dem Schweizer Nationalheiligen Nikolaus von Flüe in der Lage ist, mit einer öffentlichen Kapelle ein Zeichen zu setzen. Ein Zeichen, das über sich selbst hinaus weist.“

Was ihn an Nikolaus von Flüe, einem der letzten spätmittelalterlichen Mystiker, beeindrucke, bekräftigte Haus wie folgt: „Er war nicht der lebensfremde Heilige, der fernab der Probleme der Menschen und der Welt Haus und Hof verlassen hat. Er wurde von den Zeitgenossen als ‚lebender Heiliger‘ in der Schweiz schon früh als Friedensstifter verehrt und als Ratgeber und Fürbitter von einfachen Menschen, auch von in- und ausländischen Gesandten, aufgesucht. Nichts ist für unsere Zeit dringlicher, als den Glauben mit unserem Leben und mit den Problemen der heutigen Welt und Gesellschaft zu verbinden.“