Sehe ich Opa im Himmel?

Gabi Rinass-Goertz erklärt, wie Eltern mit Kindern über den Tod reden können

Vorstellungen vom „Himmel“ und vom Tod. (c) www.pixabay.com
Vorstellungen vom „Himmel“ und vom Tod.
24. Mär 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 13/2020 | Dorothée Schenk

Es ist ein Klassiker im Jahreslauf, oder „ritualisiert“, wie Diplom Religionspädagogin Gabi Rinass-Goertz es formuliert: Im November und zu Ostern haben die Menschen „den Tod“ vor Augen. Das Thema ist durch den Virus greifbarer denn je.

„Ich finde, dass Sterben immer ein Thema ist“, sagt die stellvertretende Leiterin des Katholischen Forums für Erwachsenen- und Familienbildung Krefeld und Viersen, Gabi Rinass-Goertz, klar. „Wir bekommen es nur jetzt richtig vor die Füße geworfen“, formuliert sie es sehr plastisch. „Auf einer Wolke sitzen und Erdbeereis essen“, so lautet ein Angebot, das es mit wechselnden Überschriften seit knapp zehn Jahren beim „Forum“ gibt, wie Gabi Rinass-Goertz nachrechnet. Es richtet sich an Eltern von Kindergartenkindern.

„Kindergartenkinder beerdigen mit großem Ernst und aufrichtiger Feierlichkeit tote Insekten – Sterben, Tod und Trauer gehören für sie durchaus zum Lebensalltag. In diesem Vortrag mit Austausch wollen wir die Brücke schlagen von der kindlichen Ungezwungenheit hin zu unseren eigenen Unsicherheiten beim Thema Tod und Sterben und miteinander Wege finden die Trauer des Kindes ernst zu nehmen, aber auch seine Fragen kind- und altersgemäß zu beantworten.“ Soweit zum Inhalt.

Dreimal ist das Angebot bis Mai nachgefragt gewesen. Wegen des aktuellen Veranstaltungs- und Versammlungsverbotes kommen sie nicht zustande, oder sind nicht zustande gekommen. Gerade jetzt ist das Thema aber hochaktuell, weil täglich die „Statistik der Sterbenden“ in den Medien veröffentlicht wird. In Familien kommt die Sorge zum Ausdruck, wenn es um die Ansteckungsgefahr von Großeltern geht oder auch Risikogruppen – ob Vorerkrankte oder Schwangere, die ebenfalls dazugehören.  „Kinder reagieren – bis sie drei Jahre alt sind  – vor allem auf das Umfeld“, erklärt Gabi Rinass-Goertz. Selbst die Kleinsten bekommen mit, ob die Eltern aufgesetzte Fröhlichkeit zur Schau tragen, mehr oder weniger essen, weil sie in einer Ausnahmesituation sind.

Wichtig sei vor allem, dass man Kinder dann nicht alleine ließe. In einem Corona-Spezial im Fernsehen, so erzählt die Pädagogin, habe sie einen Beitrag über eine Grundschulklasse gesehen, in der Kinder zwischen acht und zehn Jahren die Frage stellten: „Bin ich schuld, wenn sich jemand ansteckt?“ Solche Fragen beschäftigen Kindergartenkinder eher nicht. Auch differenzierten sie in der Bewertung von Leben in diesem Alter noch nicht, erklärt Gabi Rinass-Goertz und nennt ein Beispiel: Wenn Erwachsene ein totes Tier – ob Maus im Garten oder Fliege auf der Fensterbank –  finden, dann kommt es „in die Tonne“. Aus ihrer Sicht folgerichtig hätte ein Kind seine Mutter nach dem Tod des Großvaters gefragt: „Kommt Opa auch in die Tonne?“ Das war für die Eltern schockierend und pietätlos, entspräche aber der altersgerechten Erfahrungswelt.

Typische Kindfragen sind: „Wenn der Opa im Sarg ist, wann kommt er denn wieder raus?“ oder „Wenn Opa im Himmel ist, wie sehe ich ihn denn dann?“ Wichtig sei dann, nicht mit der eigenen Befindlichkeit zu beantworten, sondern für jedes Kind eine passende Antwort zu finden. Viele Worte seien hier gar nicht nötig, im Gegenteil. Selbst die Variante, wegen der eigenen Sprachlosigkeit eine Antwort schuldig zu bleiben, sieht Gabi Rinass-Goertz unproblematisch. „Ich darf natürlich auch als Erwachsener sagen: ,Das ist eine gute Frage, darüber muss ich erstmal nachdenken.’ Ich muss keine perfekten Antworten geben.“ Dass es die perfekte Antwort nicht gibt, das erfahren Teilnehmer an dem Vortragsangebot im Kindergarten sehr praxisnah. Nach einer kurzen Einführung in die Entwicklungspsychologie stehen die Eltern vor der  Aufgabe, sich in kleinen Gruppen mit Wörtern wie Trauer, Tränen, Hoffnung, Abschied, Glauben oder Seele auseinanderzusetzen. Die Aufgabe: Sie sollen sich auf eine bestimmte Anzahl von Begriffen einigen, die sie für das Thema für wichtig halten. „Daran merken sie, wie schwierig das ist, sich festzulegen. Ich will damit gar keine Schwerpunkte setzen, sondern, dass Erwachsene merken, es gibt keine einheitliche, gemeinsame Linie. Es gibt kein Rezept.“ 

 

Die Kinder von damals sind die  Eltern von heute

Entscheidend ist im Umgang mit Tod und Trauer auch, in welcher Situation sich der Erwachsene selbst befinde. „Eltern sprechen das Thema von sich aus nicht an. Dieses Erleben von eigenen Trauergefühlen ist mit nichts vergleichbar. Man ist unvermutet in eine Gefühlswelt geworfen, die vorher nicht planbar ist. Sich der zu stellen, ist schwierig.“ Einige Eltern würden das Thema sehr reflektiert angehen. „Sie wollen wissen, was sich in dem Kind tut und wie sie es dem Kind vermitteln können. Und es gibt Eltern, die sind ganz erschrocken – was auch normal ist – und in ihrer eigenen Trauer verhaftet, und sie wollen nicht, dass ihr Kind diese schmerzlichen Gefühle hat.“ Dann sei es eine  Herausforderung – auch für Eltern – zu differenzieren zwischen den eigenen Empfindungen und den Bedürfnissen der Kinder.

Üblicherweise versuchten Erwachsene Trauer und Tod möglichst von den Kindern fernzuhalten. In der aktuellen Elterngeneration gibt es hierfür einen guten Grund, wie Gabi Rinass-Goertz feststellt: „Bis vor 30, 35 Jahren hat man diesen Bereich ,Kindertrauer‘ gar nicht bewusst wahrgenommen.“ Damals war man der Ansicht, dass Kinder weder emotional noch psychisch in der Lage seien, das Thema zu bewältigen und es sei darum von den Kindern ferngehalten worden. „Genau diese Kinder von damals sind die heutigen Eltern.“ Traumatisch, so schildern es Veranstaltungsteilnehmer, war es, als sie den toten Großvater noch einmal sehen mussten. Das möchten sie ihren Kindern gerne ersparen. Die Religionspädagogin rät dann: „Schließen Sie von da aus nicht auf die Bedürfnisse ihrer Kinder.“ Und nicht jedes Kind empfindet gleich, jedes sei individuell und entsprechend zu betrachten.  

Wem die Worte fehlen, oder wer sich nicht in der Lage fühlt, darüber zu sprechen, sollte, so empfiehlt Gabi Rinass-Goertz, Freunde oder jemand, der nicht so betroffen ist bitten, auf das Kind zu achten, Rituale für den Abschied und die Trauer zu finden, etwa einen Brief zu schreiben. „Es gibt ja viele Möglichkeiten.“  Zweieinviertel Stunden dauert das Programm von „Auf einer Wolke sitzen und Erdbeereis essen“. Geglückt findet die  Referentin den Abend, „wenn die Teilnehmer von da aus behutsamer mit dem Thema umgehen und wacher sind auf ihr Kind hin.“ Wichtig ist Gabi Rinass-Goertz auch der runde Abschluss, der Eltern hoffnungsvoll nach Hause gehen lässt.  Der Frühling, der gerade begonnen hat, stünde für das Leben. Aktuell werde den Menschen aber bewusst, dass „wir ganz praktisch nur bis heute Abend gucken können.“ Was eigentlich immer gelte, nur nicht immer im Bewusstsein sei. „Ich glaube zutiefst, dass es einen ganz starken Lebensdrang gibt. Der Tod hat keine Macht. Das Leben und das Lebendige gewinnt. Es bleibt ja auch der Eindruck von Menschen, wie er im Leben war und nicht, wie er im Tod war.“

Mit Kindern über Tod und Trauer sprechen

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