Schon früh erwachsen werden

Es gibt Kinder, die fordert das Leben von Anfang an heraus.

Selbst bei schlimmen Erfahrungen empfinden Kinder die Trennung von ihren Eltern als schmerzlich. (c) Alexander Grey/unsplash.de
Selbst bei schlimmen Erfahrungen empfinden Kinder die Trennung von ihren Eltern als schmerzlich.
Datum:
5. Jan. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 01/2026 | Garnet Manecke

Nach Hause wollen sie alle wieder. Auch die Kinder, die sich selbst beim Jugendamt gemeldet haben, weil sie aus ihren Familien rauswollen. Aber, wenn nun eine gute Fee käme und ihnen einen Wunsch erfüllen wollte, dann würden wohl alle Kinder im Jugendhaus am Steinberg sich wünschen, dass sie wieder bei ihren Eltern leben könnten. Dass alles gut wird. 

„Die Kinder lieben ihre Eltern, egal, was da war“, sagt Iris Neumann-Küppers, Vorständin des Sozialdienst katholischer Frauen (SKF) in Mönchengladbach. Deshalb ist es das Ziel aller Bemühungen, dass die Familien eines Tages wieder zusammenleben können. Aber das ist nicht immer möglich.

Im Jugendhaus am Steinberg leben etwa 100 Kinder und Jugendliche in familienähnlichen Wohngruppen. Bei aller Individualität haben die Mädchen und Jungen gemeinsam, dass sie traumatisiert sind. Sie müssen erst Vertrauen aufbauen. „Viele lernen hier zum ersten Mal eine verlässliche Alltagsstruktur kennen“, sagt Neumann-Küppers.

Die Gründe, warum sie nicht in ihren Familien leben können, sind vielfältig. „Viele Eltern sind nicht erziehungsfähig und können sich nicht um ihre Kinder kümmern“, sagt Neumann-Küppers. Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Suchterkrankungen können dazu führen. Andere haben psychische und physische Gewalt erlebt.

Aber es gibt auch Fälle, in denen Jugendliche in der Familie abgelehnt werden, weil sie sich als homosexuell geoutet haben oder sie sich aus anderen Gründen selbst beim Jugendamt melden. „Wir versuchen, einen bestmöglichen Familienersatz zu geben“, sagt Neumann-Küppers. Das beinhaltet auch sportliche Aktivitäten, Ferienfreizeiten und die Teilnahme am sozialen Leben. Manche erleben zum ersten Mal, dass sie alles vom Tisch essen dürfen, dass es überhaupt regelmäßig einen gedeckten Tisch gibt. Auch ein eigenes Bett ist nicht für jeden selbstverständlich.

Ein unbeschwertes Leben haben die Kinder und Jugendlichen auch dann nicht. Sie müssen damit fertig werden, dass sie ihre Eltern nur selten treffen und dass sie auch immer mal wieder Betreuer verlieren, zu denen sie Vertrauen aufgebaut haben. Wechselt ein Betreuer die Stelle oder verlässt aus anderen Gründen das Jugendhaus, müssen die Kinder und Jugendlichen in dieser Situation begleitet werden. „Die meisten von uns haben eine Zusatzausbildung wie eine traumapädagogische Ausbildung“, sagt Neumann-Küppers.

Denn mit ihrem Schmerz müssen die Kinder fertig werden. Das geht nicht nur ruhig ab. Sicher gibt es Kinder und Jugendliche, die sich still zurückziehen. Es gibt aber auch diejenigen, die laut schreien und toben. Auch das muss ausgehalten werden, wobei es auch Grenzen gibt. Eigen- und Fremdgefährdung wird nicht geduldet. Die pädagogischen Kräfte stehen vor der Herausforderung, Grenzen zu setzen und gleichzeitig Lösungen mit den Betroffenen zu finden.

Bei aller Hilfe: Die jungen Menschen müssen schon früh Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Häufig ist eine Rückführung in die Ursprungsfamilie nicht möglich, die Jugendlichen müssen dann auf das Leben vorbereitet werden. Egal, welches Problem ansteht: Mama und Papa lösen es nicht. Die Pädagogen unterstützen zwar, aber sie nehmen es den Jugendlichen in der Regel nicht aus der Hand. Ob die Suche nach einem Praktikumsplatz oder einer Ausbildungsstelle, ob jemand einen höheren Schulabschluss machen möchte oder ein Studium beginnen: Eigeninitiative ist gefragt.

Für alle Kinder ist ein Schulabschluss das erste Ziel. „Das schaffen die meisten“, sagt Neumann-Küppers. Auch eine abgeschlossene Ausbildung können die meisten Jugendlichen aus dem Jugendhaus später vorweisen. Mit dem 18. Lebensjahr endet die Unterstützung nicht sofort. „Die Jugendlichen haben die Möglichkeit, in eine betreute Wohnung zu ziehen“, sagt Neumann-Küppers. Dort leben sie eigenständig, bekommen aber weiterhin Unterstützung. So werden sie in ein selbstständiges Leben geführt.

Kinder und Jugendliche stehen zwar im Fokus der Arbeit des SKF in Mönchengladbach, aber es geht nicht nur um sie. Oft prägen die Mütter das familiäre Leben. Sie halten alles zusammen, auch wenn sie selbst fast nicht mehr können. Schon früh greifen Angebote des SKF wie die Familienpaten, die in die Familien gehen und sich stundenweise um die Kinder kümmern, damit die Mütter einmal durchatmen können. Die Paten beschäftigen die Kleinen zum Beispiel zwei Stunden auf dem Spielplatz, während die Mutter duschen kann: So einfach kann es manchmal sein.