Scheitern ist nicht schön

In sieben Minuten erzählen, wie man Scheitern erfahren und bewältigt hat. Ein Experiment in Aachen

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11. Feb 2020
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 07/2020

Scheitern gehört zum Leben und es gehört zur Arbeit. Manche glorifizieren es als die einzige Chance zu lernen. Andere benennen es so, wie es die meisten empfinden: bescheiden. Im angelsächsischen Raum wird dieser Moment „fuck up“ genannt. So fäkalsprachlich das klingt, so nah ist das unserem Sprachgebrauch: „fuck up“ heißt auch „Mist bauen“. Und darum geht es auch der Pastoralassistentin Miriam Daxberger und Pastoralreferent Dieter Praas: Auf die Situationen im Leben schauen, in denen Fehler passieren oder Dinge schief laufen. 

Miriam Daxberger und Dieter Praas werben für eine verstärkte Akzeptanz des Scheiterns. (c) Thomas Hohenschue
Miriam Daxberger und Dieter Praas werben für eine verstärkte Akzeptanz des Scheiterns.

Sie vom katholischen Hochschulzentrum QuellPunkt bieten in Kürze mit Kooperationspartnern Abende in Aachen an, an denen sogenannte „fuck up stories“ erzählt werden. Worum geht es da?

Miriam Daxberger   Sieben Minuten lang berichtet jemand von seiner ganz persönlichen Erfahrung mit dem Scheitern. Wir beginnen mit Leuten, die bei der Gründung eines Unternehmens gescheitert sind. Ganz offen erzählen sie, wie sie das Ereignis erlebt und bewältigt haben. Danach hat das Publikum sieben Minuten Zeit, Nachfragen zu stellen. Meistens gibt es neben sachlichen Anmerkungen auch eine Menge Wertschätzung für den Mut, über so etwas Persönliches öffentlich Zeugnis abzulegen. Diese zweimal sieben Minuten gibt es mehrmals an einem solchen Abend. Das ist sehr lebendig.

 

Was wollen Sie mit diesem Format, Erfahrungen zu teilen, erreichen? 

Miriam Daxberger   Von jemand anders zu hören, dass ein Versuch richtig schief gehen, aber letzten Endes der Weg dennoch in eine gute Richtung führen kann, entlastet sehr. Diese Offenheit eines anderen ermöglicht es, sich mit eigenem Scheitern zu beschäftigen. Das löst Blockaden, macht Mut, inspiriert. Man versteht: Das Scheitern gehört dazu. Es geht nicht nur immer höher, schneller, weiter und besser. Manchmal läuft es auch anders.

Dieter Praas   Das ist ein Format für die Stadt Aachen mit ihrer universitären und unternehmerischen Dynamik. Das ist aber auch ein Format für die Kirche und für die Menschen, die in ihr arbeiten und sich engagieren. Das Thema liegt in der Luft, die Zeit ist reif, über das Scheitern zu  reden. Das haben wir in der Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern gemerkt. Wir wollen so einen Gründergeist beleben, der die Erneuerung stärkt. 

 

Heißt das: schöner scheitern? Ein viel genutztes Wort sagt: In jeder Krise liegt eine Chance. Wie sehen Sie das?  

Miriam Daxberger   Wir sind weit davon entfernt, das Scheitern zu verherrlichen. Wir stellen zuerst einmal fest: Scheitern ist nicht schön! Mit dieser durch und durch bescheidenen Erfahrung kann allerdings verbunden sein, dass sich die eigenen Werte und Prioritäten im Leben und in der Arbeit neu sortiert haben, dass man heute anders und bewusster lebt und arbeitet. Das kann sehr erfüllend und gewinnbringend sein. Aber zunächst einmal gehen die meisten von uns durch ein tiefes Tal, wenn ihre Idee, ihr Entwurf, ihre Existenz scheitern. Und nicht wenige tragen schwer an dieser Erfahrung.  

 

Was bringen Sie als Seelsorger in diese Auseinandersetzung mit dem Scheitern ein?

Miriam Daxberger   Ich spreche mit den Leuten, die erzählen, im Vorfeld. Meine Rolle ist es, sowohl sie zu schützen als auch die, die zuhören und diskutieren. Es ist ganz wichtig, dass nicht alte Wunden aufreißen im Moment des Berichtens, sondern dass nur bewältigte Situationen zu Wort kommen. Denn darin liegt der Wert des Abends: das Scheitern zu reflektieren und den eigenen Umgang mit sich selbst zu hinterfragen. Eine Trauerarbeit, die nicht abgeschlossen ist, kann so ein Abend nicht leisten. Es geht um Gedankenanstöße, die weiter tragen. Mir persönlich geht es auch um die Gewissheit, in Gott geborgen zu sein, nie tiefer fallen zu können als in seine Hand.

Dieter Praas   Wir sind weit davon entfernt, Misserfolge spirituell zu verklären. Scheitern geschieht nicht im Namen Gottes. Aber für uns Christen gehört das Scheitern zum Leben. Das hat uns Jesus aufgetragen. Er sagt den Jüngern, die  gestürzt sind auf ihrem Weg, steht auf, klopft den Staub ab und geht weiter. Und die Bibel ist voll von Geschichten des bewältigten Scheiterns, angefangen schon im Alten Testament bis zum größten Ereignis, dem Tod am Kreuz und der Auferstehung Christi. Mit dieser Hoffnungsbotschaft leisten wir unseren Beitrag. 

Miriam Daxberger   Das Scheitern fängt in der Bibel ja schon bei Adam und Eva an, mit der Vertreibung aus dem Paradies. Die Geschichte des Christentums kennt so manche „fuck up story“.  

 

Was kann die Kirche in ihrer aktuellen Suchbewegung von all dem lernen? 

Dieter Praas   Die Kirche hat beim Thema Scheitern einen großen Nachholbedarf. Wir brauchen im pastoralen Alltag eine höhere Akzeptanz des Scheiterns. Das gilt für Seelsorger und einzelne Einrichtungen ebenso wie für die gesamte Institution. Wir benötigen als Kirche eine Kultur des Ausprobierens. Eine solche Kultur kann nur entstehen, wo Fehler erwartet und akzeptiert werden. Das ist eben gut möglich, wenn man Neues ausprobiert. Dafür brauchen wir nicht nur gefestigtes Gottvertrauen, sondern auch die Rückenstärkung der Institution. Das nehmen wir von QuellPunkt hier aus der Vernetzung mit unseren Kooperationspartnern mit. Wir lassen uns auf die Welt ein, lernen von den Ingenieuren, Professoren und Unternehmern. Und hoffen unsererseits, mit unseren Werten einen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung beizutragen.

 

Das Gespräch führte Thomas Hohenschue.

Die ersten „fuck up stories“ werden am Donnerstag, 12. März, von 19 bis 21 Uhr in der Digital Church am Blücherplatz in Aachen erzählt. Infos und Anmeldung im Internet unter www.quellpunkt.de.