Reflektiert zusammenarbeiten

Kompetenzen und Netzwerke: Zwischenbilanz des Masterstudiengangs „Theologie und globale Entwicklung“

Parnerschaftliche Zusammenarbeit mit Akteuren vor Ort: Darauf will der Masterstudiengang vorbereiten. Dabei sind Diversität und Internationalität der Studenten ein Vorteil. (c) www.pixabay.com
Parnerschaftliche Zusammenarbeit mit Akteuren vor Ort: Darauf will der Masterstudiengang vorbereiten. Dabei sind Diversität und Internationalität der Studenten ein Vorteil.
5. Nov 2019
Kathrin Albrecht

Wie können wir unser Zusammenleben so gestalten, dass es die Würde aller Menschen und den Schutz der natürlichen Ressourcen unseres Planeten sicherstellt? Vor zwei Jahren ist das Institut für katholische Theologie der RWTH Aachen mit dem Masterstudiengang „Theologie und globale Entwicklung“ angetreten, um genau diese Fragestellungen zu bearbeiten. Patrick Becker, Koordinator des Studiengangs, und Gabriella Hornung, Dozentin für Religionswissenschaften und Entwicklungszusammenarbeit sowie Praktikumsbeauftragte des Studiengangs, ziehen eine Zwischenbilanz. 

Koordinieren den Studiengang: Patrick Becker und Gabriella Hornung. (c) RWTH Aachen
Koordinieren den Studiengang: Patrick Becker und Gabriella Hornung.

Herr Becker, sind Sie bisher zufrieden?

Patrick Becker  Gerade verlässt uns der erste Jahrgang des Studiengangs. Ich bin beeindruckt von der Vielfalt der Berufsfelder, die die Studierenden anstreben. Der Studiengang ist von Anfang an berufsorientiert, sodass wir jetzt mit Spannung abwarten, wo unsere Studierenden landen. Eine Richtung, mit der wir eher nicht gerechnet hatten, ist der innerkirchliche Weg. Eine Absolventin wird als Pastoralreferentin im Bistum Münster arbeiten und ist dort sehr freudig aufgenommen worden, gerade weil ihr Weg nicht der klassischen Ausbildung entspricht. Eine Absolventin arbeitet in der Nachhaltigkeitsentwicklung eines großen Automobilkonzerns: Auch die Wirtschaft braucht Leute, die Kulturkompetenz mitbringen. Zum anderen bin ich gespannt, wie die Studenten sich langfristig vernetzen. Hier sehen wir eine Stärke des Studiengangs. Die Studierenden haben die Möglichkeit, dieses Netzwerk schon während des Studiums aufzubauen. Es bleibt abzuwarten, wie sie weiterhin vernetzt bleiben.

 

War es schwierig, einen interdisziplinären Studiengang wie diesen an der Philosophischen Fakultät einzurichten?

Patrick Becker  Tatsächlich haben wir mit der Idee zu diesem Studiengang viele offene Türen vorgefunden, auf sehr vielen Ebenen: sowohl bei den kirchlichen Hilfswerken in Aachen, die Mitinitiatoren des Studiengangs waren, als auch bei Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International oder Ärzte ohne Grenzen, und bei den Ministerien. Die Universität hat sehr gefreut, dass unser Studiengang das Motto „Meeting global challenges“ umsetzt. Wenn sich eine Universität  dieses Motto gibt, kann sie nicht nur  auf die Ausbildung von Ingenieuren setzen, sondern muss auch die Faktoren Mensch, Religion und Kultur berücksichtigen. 

 

Welche Antwort kann Theologie auf gesellschaftsrelevante Fragen geben?

Patrick Becker  Die politischen Agenden sind sehr wohl mit Religion durchsetzt. Wenn Pegida gegen die „Islamisierung des christlichen Abendlandes“ antritt, nutzt sie Religion zur Identitätsstiftung. Markus Söder hat bei seinem Amtsantritt als Ministerpräsident scharf für eine strenge Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik und für „das Kreuz in deutschen Amtsstuben“ geworben. Hier wird offensichtlich, dass sich unsere Kultur implizit christlich definiert und momentan meint, sich abgrenzen zu müssen. Das wirft auch in Europa Fragen auf, zum Beispiel nach gesellschaftlichem Zusammenhalt, auf die wir eine Antwort geben können. 

 

Wie hängen Entwicklungspolitik und Religion zusammen?

Gabriella Hornung  Entwicklungspolitik beinhaltete zu Anfang vor allem eine wirtschaftliche Komponente. Seit einigen Jahren werden gesellschaftliche Gesamtzusammenhänge viel stärker wahrgenommen. Entwicklung wird als Ganzes verstanden, und Religion ist ein Teil davon, auch in modernen Gesellschaften. Diese Haltung ist relativ neu, impliziert aber wichtige Fragen, zum Beispiel im Hinblick auf gesellschaftlichen Zusammenhalt oder die Rolle der Frauen. Dass das Auswärtige Amt und das Bundesministerium für Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) verstärkt mit religiösen Akteuren die Zusammenarbeit suchen, finde ich sehr begrüßenswert. 

Patrick Becker  Zugleich müssen wir darauf achten, dass es nicht um eine Funktionalisierung von Religion für die Entwicklungspolitik geht. Ich bin mir nicht sicher, dass dem BMZ immer bewusst ist, wie sehr Religion für die Menschen vor Ort sinnstiftend ist und ihr Weltbild prägt. Hier sehe ich unseren Beitrag: Nicht nur eine funktionale Analyse, welche Akteure es vor Ort gibt, sondern auch eine Deutungsebene: Welche Weltsichten stehen im Raum?  

 

Missio und Misereor waren Mitinitiatoren des Studiengangs. Wie arbeiten Sie zusammen?

Patrick Becker  Wir haben von Anfang an zu dritt die Köpfe zusammengesteckt. Unternehmen wie Siemens arbeiten ähnlich, kooperieren mit Studiengängen, um ihren eigenen Nachwuchs kennenzulernen, um ihn mitbilden zu können. 

Gabriella Hornung  Es gibt die Möglichkeit, bei den Hilfswerken studienbegleitend und unterstützend zu arbeiten. Das wird auch sehr wertgeschätzt. Manche Studierenden gehen auch richtig hinaus in die Welt, wenn es die Lebenssituation erlaubt. Es ist ja ein Anliegen des Studiengangs, dass sich die Studenten ein Berufsprofil aufbauen. Daneben bietet der Studiengang Orte, um die Erfahrungen zu reflektieren. 

 

Was bekommen Sie von den Studierenden gespiegelt? 

Patrick Becker  Es ist noch ein bisschen früh, hier ein Urteil zu fällen. Die wirklich spannenden Ergebnisse erhalten wir, wenn die ersten Absolventen nach einigen Jahren Berufspraxis reflektieren können, wie gut ihnen das Studium bei der Vorbereitung auf den Beruf geholfen hat. Anregungen fließen allerdings schon jetzt in die weitere Ausrichtung des Studiengangs ein, beispielsweise in die Prüfungsordnung. Eine Herausforderung für uns Dozierende ist die hohe Diversität der Studierenden. 

Gabriella Hornung  Studierende profitieren von dieser Diversität, zum Beispiel von unterschiedlichen Länderherkünften. Als Beispiel fällt mir ein Seminar ein, wo Projekte durchgespielt werden. Wenn jemand aus seinem Land berichten kann, wie die Infrastruktur vor Ort aussieht, ist das für die anderen eine Bereicherung, das aus erster Hand zu hören. 

 

Ein Arbeitsfeld ist auch die weltliche Entwicklungspolitik. Inwiefern unterscheidet sich diese von der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit?

Gabriella Hornung  Die Netzwerke sind zum Teil andere. Kirchliche Werke arbeiten sehr eng mit religiösen Akteuren zusammen. Es gibt zwischen staatlicher und kirchlicher Zusammenarbeit auch Kooperationen, staatliche und kirchliche Entwicklungszusammenarbeit ergänzen sich. 

Patrick Becker  Die Theologie fügt eine Reflexionskompetenz hinzu. Ich glaube, man muss sehen, dass andere Länder auch einem anderen Kulturraum angehören. Diesen wahrzunehmen, wäre unser Fokus. Ich denke, dass dieser Bereich in der Entwicklungszusammenarbeit in der Vergangenheit unterschätzt wurde. 

 

Sie haben das Umdenken innerhalb der staatlichen Entwicklungspolitik von der „Hilfe“ zur „Zusammenarbeit“ angesprochen. Inwiefern sind die Studierenden davon noch geprägt?

Gabriella Hornung  Ich denke, dass die meisten Studierenden diese klassische Sichtweise – der reiche Norden hilft dem armen Süden – eher nicht mehr vertreten. Für sie ist es selbstverständlich, dass die Betonung auf einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe liegt, und dass auch wir uns entwickeln müssen.  

Patrick Becker  Im Allgemeinen ist die klassische Sichtweise in unseren Köpfen schon noch verbreitet. Zumal es in unserer globalen Arbeitsteilung noch manifestiert wird. Der Studiengang kann dazu beitragen, dieses Modell zu reflektieren und danach zu fragen, wo die Entwicklung hingehen soll. 

 

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung des Studiengangs? 

Patrick Becker  Ich träume von einem Netzwerk von Fachleuten, die sich hier verknüpft haben und wissen: „Hier habe ich einen Kompetenzpool kennengelernt, auf den ich jetzt zurückgreifen kann.“ Das wäre für mich der Kern des Studiengangs. Und dann gerne auch über die großen Fragen nachdenken, wie wir ein verträgliches Zusammenleben auf diesem Planeten erreichen. 

Gabriella Hornung  Ich wünsche mir, dass Studierende, die hier studiert haben, mit einem reflektierten Weltbild in der Entwicklungszusammenarbeit arbeiten. Es ist eben keine Entwicklungs„hilfe“. Das christliche Weltbild steht dabei gleichberechtigt neben anderen Religionen. 

 

Das Gespräch führte Kathrin Albrecht.

Informationen zu Studiengang, -voraussetzungen und Ansprechpartnern: www.theologie-entwicklung.de.