Praymobil

Wo in einem gigantischen Bilderbogen Tränen und Blut auf Blüten und Bonbons treffen

Das älteste Heilige Grab der Ausstellung stammt aus Baden-Baden. (c) Bistum Aachen/Andreas Steindl
Das älteste Heilige Grab der Ausstellung stammt aus Baden-Baden.
Datum:
27. Jan. 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 03/2026 | Sabine Rother

Christus und die kleine Eselin, die geduldig einen Huf nach vorn setzt, zeigen bereits im Foyer allen den Weg, die das Abenteuer nicht scheuen, die bereit sind, staunend in eine Glaubenswelt einzutauchen, die mystisches Erschauern, Gänsehaut, amüsante Details und erschütternde Spielarten der Vermittlung christlicher Inhalte zu einem gigantischen Bilderbogen vereinigt. 

Blut, Tränen, Blüten, sogar Bonbons und nackte, kleine Christkinder gehören zum großen Programm der Verkündigung mitten im Leben der mittelalterlichen Menschen: Unter dem leicht provokanten Motto „Praymobil: Mittelalterliche Kunst in Bewegung“ zeigt das Suermondt-Ludwig-Museum Aachen eine bisher in dieser Form noch nie organisierte und thematisierte Ausstellung, die bis zum 15. März das Haus an der Wilhelmstraße 18 einen frischen Blick auf vermeintlich Altbekanntes werfen lässt, auf gelebte Traditionen und deren Requisiten. Auf der Suche nach Zusammenhängen.

Gutes Team bei „Praymobil“ vor einem Trageschrein von 1475. (c) Bistum Aachen/Andreas Steindl
Gutes Team bei „Praymobil“ vor einem Trageschrein von 1475.

Damit gilt die Ausstellung als weltweit erste Darstellung der – im wahrsten Sinne des Wortes – handfesten Nutzung mittelalterlicher Skulpturen, ob es nun die archaisch anmutenden „Gliedermänner“ sind, gequälte und zugleich multifunktionale Christus-Figuren mit beweglichen Armen und Beinen, oder ein liebevoll umsorgtes Christkind, das ins Bettchen kommt. Kurator Michael Rief, stellvertretender Direktor des Museums, die Ko-Kuratorinnen Dagmar Preising und Maria Geuchen sowie Direktor Till-Holger Borchert sind nach gut zwei Jahren Planungsarbeit glücklich über ein Ergebnis, das selbst das Expertenteam überrascht.

Spannende Reisen in entlegene Regionen sind nötig, um die rund 70 Leihgaben zu erhalten, die sich mit zehn weiteren Objekten aus eigenen Beständen verbinden. Bereist wird die gesamte Alpenregion mit Tirol, Österreich und Salzburg. Andere Bildwerke stammen aus den Niederlanden, Belgien, der Schweiz, Deutschland, Frankreich und Ungarn. Es ist oft schwierig, Leihgeber davon zu überzeugen, fromme Objekte auf die Reise nach Aachen zu schicken, besonders aus der Tiroler Region. „Wie gut, dass ich selbst aus Tirol komme und mit den Leuten in ihrer und meiner heimischen Mundart sprechen kann“, lächelt Rief.

Die Ausstellung ist nicht einfach eine Reihung von interessanten Werken. Er werden Fragen gestellt und beantwortet. Ein Christus am Kreuz, der blutet? In Aachen zeigt man die feine Bohrung an der Seite der Schnitzerei aus Freiburg (Schweiz, Couvent Saint Hyazcinth), geschaffen um 1550, in das sich per Klistierspritze rote Flüssigkeit einfüllen lässt. Mit einer Rückenöffnung beeindruckt ein Kruzifix aus Nauders (Tirol), bei dem man durch Schnurzüge den Kopf drehen kann. Für die Beweglichkeit der „Gliedermänner“ gibt es praktische Gründe: Mit ausgestreckten Armen am Kreuz verehrt, hat man an Karfreitag die Arme, die mit Schlitz-Zapfen-Verbindungen in den Schultergelenken befestigt sind, gesenkt und Kreuzabnahme, Grablegung sowie Beweinung als geistliches „Theaterspiel“ inszeniert.

Viel Raum erhalten die Christkinder, die in allen Größen nackt und wohlgeformt in mildem Licht aufgereiht sind. Es gibt Zentren der Herstellung wie Mechelen (heute Belgien), ein Ort der seriellen Produktion kleiner Knaben mit der zarten Haut und Grübchen, die damals ein Exportschlager sind. Und Dagmar Preising weiß: „Jedes Mädchen, das ins Kloster ging, bekam so ein Christkind als frommes Geschenk, mit dem sogar gespielt wurde.“

Das Motto „pray“ und „mobil“, verbindet Spiritualität und Bewegung – im Mittelpunkt steht das „handelnde Bildwerk“, das erzählt, mahnt, wirkt. Da kommt aus Nürnberg eine „Maria Gravida“, eine schwangere Maria, mit herausnehmbarem Kind. Bei anderen Figurengruppen – etwa der „Anna selbdritt“ aus Köln (um 1470) mit Maria, ihrer Mutter Anna und Jesus ist das Kind abnehmbar und kann vielfach umgesetzt werden.

Mitten im Leben der Gläubigen, die das heilige Spiel erwarten, bleibt die „Wirkmächtigkeit“ der Werke nicht aus. Dabei haben die Objekte allerhand ausgehalten. So werden damals etwa die Palmesel mit Jesus bei Prozessionen am Palmsonntag gern über holpriges Pflaster gezogen, bewirft man sie mit Zweigen (häufig Weidenkätzchen), die bei Berührung als gesegnet gelten und mit nach Haus genommen werden. „Vorn bei Christus, hinter ihm, auch mal unterhalb des Esels können Kinder sitzen“, weiß Rief. „Für einen Restaurator ein Alptraum, die Spuren sind deutlich.“

Fromme Rituale werden zum Spektakel, Rosenblätter oder Hostien wirbeln dort, wo sich die Himmelfahrt durch das „Himmelloch“, einer Öffnung im Gewölbe, ereignet. „Christus in der Mandorla“ aus Thaur in Tirol (um 1520) wird an einem Haken in die Höhe gezogen, ein Vorgang, den ein Video anschaulich zeigt, auch die fast unsichtbaren helfenden Hände am Eingang zum Himmel. Eine Spielart der Glaubensvermittlung, die Pannen provoziert hat. „Diese Himmelfahrt ist manchmal missglückt, Figuren sind abgestürzt“, kann Rief anhand von Schäden ermitteln.

Tatsächlich gewollte „Spuren“ gibt es gleichfalls. Ein Grablegungschristus etwa aus einer evangelischen Kirchengemeinde im Landkreis Ludwigsburg, 1534 umgedeutet als Heiliger Urban, Patron der Winzer, wird damals die Treppen hinabgeworfen – aus Zorn über schlechtes Wetter und Missernten.

Die Entdeckungsreise lässt kaum etwas aus – Automaten sind dabei, der Tod, der als Skelett auf einem Löwen mit beweglicher Zunge reitet, und in gewissen Zeitabständen mit Getöse und einem Knochen in der Hand auf sein Reittier einschlägt – ein „Memento Mori“, Kopie einer Figurengruppe von 1513, aus dem Bayerischen Nationalmuseum in München.

Himmlisch, heilig, geheimnisvoll, handwerklich bis heute perfekt, erstaunlich ausgefeilt und dabei fantasievoll, werden Qual und Blut des gemarterten und gekreuzigten Christus gezeigt, der später in prachtvollen heiligen Gräbern ruht. Vornehme Engel auf hohen Stangen bringen kleine Glocken mit und Marien bezaubern mit wallender Lockenpracht.

„Praymobil“ gibt Einblicke in eine Welt, wie sie kaum bekannt ist und vielfach in einzelnen Kirchengemeinden weiterhin das Glaubensleben strukturiert. Dazu gehört das „Streuengelche van der Rues“, eine kleine Figur im goldenen Kleidchen und mit leuchtenden Locken, die bis heute nach einer mittelalterlichen Legende beim Fest des Streuengelchen-Vereins (seit 1705) im Aachener Rosviertel – mechanisch bewegt – Bonbons streut, wie damals, als die Ärmsten das kleine Wunder lieben. Es gibt noch viele offene Fragen zur mittelalterlichen Kunst in Bewegung, die diese Ausstellung dokumentiert. Ein Anreiz für weitere Forschungen. 

Öffnungszeiten und Tickets

„Praymobil: Mittelalterliche Kunst in Bewegung“, Ausstellung bis 15. März 2026 im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen, Wilhelmstraße 18. Sonderöffnungszeiten dienstags und mittwochs von 10 bis 13 Uhr, regulär von 13 bis 17 Uhr, donnerstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr. 
Info zur Ausstellung und zu den Tickets unter www.suermondt-ludwig-museum.de, auch telefonisch unter (02 41) 4 79 80 40. Es gibt einen umfangreichen Katalog (49,95 Euro), Führungen und ein Vortragsprogramm sowie ein Begleitheft (deutsch-englisch) mit erklärenden, lockeren Texten. Unter dem Motto „Praymobil live“ gibt es am Sonntag, 22. Februar, 17 Uhr, in der Propsteikirche St. Adalbert, Kaiserplatz, eine musikalisch-szenische Aufführung der „Wolfenbütteler Marienklage“ (um 1420) mit dem Ensemble Ordo Virtutum unter der Leitung von Stefan Johannes Morent.

Praymobil: Eindrücke aus der Ausstellung

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