War in früheren Zeiten einer Mehrheit noch bekannt, welche Dienste und Funktionen in der Kirche ausgeübt werden, so nehmen die Kenntnisse darüber in der heutigen Zeit immer mehr ab. In dieser Serie soll es darum gehen, was die Menschen in den verschiedenen Ämtern und Funktionen eigentlich machen, was ihre Aufgaben, Freuden und Sorgen sind, und wie es um die Zukunft dieser Bereiche bestellt ist. In der vierten Folge steht Johannes Eschweiler, Pastoralreferent und Leiter der Gemeinschaft der Gemeinden (GdG) Heinsberg-Oberbruch sowie Mitglied der Berufsgruppenvertretung der Pastoralreferentinnen und -referenten im Bistum Aachen, im Mittelpunkt.
Johannes Eschweiler wurde 1961 in Langerwehe geboren und wuchs bis zum zehnten Lebensjahr in seinem Geburtsort auf. Eschweiler stammt aus einer kirchlich aktiven Familie; seine Mutter baute die Katholische Frauengemeinschaft (kfd) auf Dekanatsebene mit auf und war Vorsitzende der kfd St. Martinus, Schlich-D’horn. Ab 1971 besuchte er das Franziskanerinternat und -gymnasium in Vossenack, nahm dort mehrfach an Exerzitien teil, fuhr mit Internatskollegen nach Rom und Assisi und wurde durch die franziskanische Ausprägung des Christentums tief geprägt. Durch die Schule angeregt, Katholische Theologie zu studieren, begann er im Jahr 1981 an der Universität Bonn mit dem Studium, das er 1988 mit dem Diplom abschloss. Dazwischen leistete er den Zivildienst im Vossenacker Internat ab.
Bereits während des Studiums hatte Eschweiler ein Praktikum bei der Christlichen Arbeiter-Jugend (CAJ) gemacht und dort das franziskanische Ideal, das ihn schon in Vossenack tief beeindruckt hatte, wiedergefunden. „Sich bewusst und radikal auf die Seite der am Rande Stehenden und Ausgegrenzten zu schlagen, das ist beiden gemeinsam“, urteilt Eschweiler. „Das Motto ‘Sehen-Urteilen-Handeln’ des CAJ-Gründers Joseph Cardijn, die befreiungstheologischen Ansätze und die praktische Umsetzung des Ideals haben mich stark angesprochen.“ Dass er nach diesem Erlebnis seine Diplomarbeit über das Thema „Jugendarbeitslosigkeit als Herausforderung für die Pastoral am Beispiel des Volksvereins Mönchengladbach“ schrieb, war in gewisser Weise die logische Folge der Erfahrungen des Praktikums bei der CAJ. Die Idee dahinter war, dass die Erwerbsarbeitslosigkeit die neue soziale Frage darstellt und Maßnahmen, um Jugendliche in Arbeit zu bringen, ein wichtiges Handlungsfeld der Kirche bedeuten. Daher ist er bis heute dem Volksverein Mönchengladbach verbunden und hat in Oberbruch die Amos eG, die Projekte gegen Armut und Arbeitslosigkeit durchführt, gegründet.
Konsequent war es dann auch, dass Eschweilers erste Stelle die des CAJ-Sekretärs in Düren war. Nach vier Jahren übernahm er im Generalvikariat die Zuständigkeit für die Arbeiter- und Betriebs-pastoral und zur anderen Hälfte die Flüchtlingsseelsorge in Düren. Danach wechselte er zur Regionalstelle Mönchengladbach und zum ersten Mal in eine unbefristete Verantwortung für die Arbeiter- und Betriebspastoral in der Region Mönchengladbach.
Nach zehn Jahren Angestellten-Dasein beim Bistum Aachen wurde er schließlich als Pastoralassistent in den pastoralen Dienst übernommen. Seither arbeitet er in der GdG Heinsberg-Oberbruch, in der er schon zwei Jahre seiner Assistenzzeit verbracht und durch das industrielle Flair dort – in Oberbruch gab es einmal eine ansehnliche Chemiefaserproduktion – auch zur Arbeiter- und Betriebspastoral im pastoralen Dienst wiedergefunden hatte. Seit Jahrzehnten ist Eschweiler Mitglied der Gewerkschaft „Verdi“ und setzt sich auch im eigenen Umfeld für soziale Gerechtigkeit ein: Dass pastorale Berufsgruppen wie Pastoral- und Gemeindereferenten wegen ihrer unterschiedlichen Ausbildung für gleiche Arbeit nicht gleich bezahlt werden, ist ihm ein Dorn im Auge und würde er lieber heute als morgen ändern.
Wie sieht Eschweiler das Berufsbild des Pastoralreferenten/der Pastoralreferentin? Seiner Meinung nach besteht die Besonderheit im Bistum Aachen darin, dass diejenigen, die diesen Beruf ergreifen, immer die Möglichkeit hatten, in kategorialen Feldern zu arbeiten, zum Beispiel in der Schul-, Krankenhaus-, Altenheim-, Gefängnis-, Telefon-, Behinderten- oder eben Betriebsseelsorge. Das gelte inzwischen auch für Gemeindereferenten und -referentinnen.
Der dynamische Theologe ist fest davon überzeugt, dass die kategoriale Seelsorge in der nächsten Zeit sogar noch wesentlich wichtiger wird, weil viele Menschen über die klassische Territorialgemeinde nicht mehr zu erreichen seien. Die Einsatzräume würden immer größer, die Kirchenbesucherzahlen aber nähmen stark ab. „Dagegen erfahren wir in einem Bereich wie der Betriebsseelsorge viel Zuspruch“, berichtet er.
Womit das Thema auf der Hand liegt: Werden Pastoralreferenten und -referentinnen heute ausreichend wertgeschätzt? In den Städten sei das so, und zum Beispiel in Mönchengladbach wüssten alle, was darunter zu verstehen sei. „Aber auf dem Land hat das Berufsbild oft noch keine Tradition, und man muss erklären, was damit gemeint ist“, führt er aus. „Bei manchen löst es Erstaunen aus, dass das jemand von der Kirche ist.“
Für besonders attraktiv an dem Beruf hält er die Möglichkeit, vieles gestalten zu können, sowie seine Vielfalt. Die Fokussierung auf eine einzelne Gemeinde sei in diesem Berufsfeld nicht so stark ausgeprägt, sondern richte sich eher auf die GdG- und regionale Ebene. Darüber hinaus sieht er Pastoralreferenten und -referentinnen als dafür prädestiniert an, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Für wichtig hält er es zudem, die diakonische Pastoral mehr in die Mitte des kirchlichen Vollzugs zu rücken, „aber wir sind dabei, es umzusetzen“, fügt er hoffnungsvoll hinzu. „Meiner Ansicht nach sprechen wir in der Kirche zu wenig von sozialer Gerechtigkeit. Auch mein ureigener Bereich, die Betriebsseelsorge, müsste einen höheren Stellenwert haben.“
Statt Menschen für die Kirche zu rekrutieren, komme es darauf an, dorthin zu gehen, wo Menschen seien, sich mit ihnen zu solidarisieren, in sozialen Brennpunkten aktiv zu sein und sie ganz konkret zu unterstützen. Eschweiler: „Das zu verstärken, ist auf Zukunft hin angesagt.“ Wenn Menschen spürten, dass man an ihrer Seite stehe, könne man mit ihnen auch über den Sinn des Lebens und religiös-spirituelle Aspekte sprechen. Andererseits legt der engagierte Pastoralreferent aber auch viel Wert darauf, dass seine Berufsgruppe sich mehr mit der Grundlage des christlichen Glaubens, der Bibel, beschäftigt und für das Teilen der Bibel und ein lebendiges Evangelium eintritt.
Seit ein paar Jahren haben sich einige Quereinsteiger in ihren 40er und 50er Jahren für den Beruf entschieden, die früher einen anderen Job gehabt oder in einem anderen Bistum gelebt hätten. „Wir müssen als Berufsgruppenvertretung viel dafür tun, um junge Leute zu gewinnen, und führen deshalb Aktionen durch, die den Beruf bekannt machen und dafür werben.“ In die Gesellschaft hinein Netzwerke auch zusammen mit Diakonen und Gemeindereferentinnen und -referenten zu schaffen und einen regelmäßigen Austausch untereinander zu ermöglichen, das ist für Johannes Eschweiler das große Zukunftsthema.