Pilgern kann auch im Alltag möglich sein. Ein Praxistest in St. Marien Wassenberg

Pilgern im Alltag

Der Pilgerweg startet in der Oberstadt von Wassenberg am Kräuterhochbeet vor St. Marien. (c) Garnet Manecke
Der Pilgerweg startet in der Oberstadt von Wassenberg am Kräuterhochbeet vor St. Marien.
Datum:
6. Mai 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 10/2026 | Garnet Manecke

Manchmal ist einfach alles zu viel. Die Kinder sind quirlig, die alten Eltern krank, im Beruf herrscht Hektik und die Unterlagen für die Steuererklärung liegen mahnend auf dem Tisch. Eine Auszeit wäre gut, einmal tief durchatmen, an nichts denken und dennoch wertvolle Impulse bekommen. Beim Pilgern bietet sich die Gelegenheit, Abstand zu gewinnen.

 Gerade hat die Pilgersaison wieder begonnen. Von vielen Orten machen sich Gruppen auf, um zu den Grotten mit den 14 Nothelfern nach Hehn, um nach Kevelaer, nach Holtum, Ophoven oder nach Trier zu pilgern. Ob es sich dabei um ein berühmtes Ziel oder einen Ort von lokaler Bedeutung handelt, ist für das Ergebnis nicht wichtig. Es geht darum, neue Kraft zu tanken, wenn man mit Gott unterwegs ist.

Der Pilgerweg verbindet die sieben Gemeinden der Pfarrei St. Marien. (c) Garnet Manecke
Der Pilgerweg verbindet die sieben Gemeinden der Pfarrei St. Marien.

Pilgern eignet sich nicht nur als spiritueller Weg in einer Gruppe. In den Regionen Mönchengladbach und Heinsberg gibt es einige Möglichkeiten, im Alltag eine Pilgerroute alleine zu gehen und dabei Geist und Körper neu zu justieren. Einer von ihnen ist der Pilgerweg St. Marien Wassenberg. Er ist so konzipiert, dass er von einem kleinen Rundweg um die Kirche St. Marien in der Oberstadt bis hin zu einer Tour von 29,3 Kilometern reicht. Letztere ist für Rad- wie für Wandertouren geeignet.

Das Gute daran: Es gibt neben der im einem Flyer vorgeschlagenen Abkürzung, die die Gesamtstrecke in einen Pilgerweg West (14,3 Kilometer) und einen Pilgerweg Ost  (19,1 Kilometer) teilt, noch viele andere Möglichkeiten, ihn in Teilen zu gehen und so die Spiritualität einiger Stationen auf dem Weg und neue Eindrücke mitzunehmen. Das zeigt der Praxistest.

Startpunkt ist St. Marien in der Wassenberger Oberstadt. Die Kirche steht in der Nähe einer vielbefahrenen Straße, die sich durch den ganzen Ort von der Unterstadt bis in die Oberstadt zieht und in ihrem weiteren Verlauf nach Hückelhoven führt.

Rund um die Kirche gibt es eine Wohnbebauung, Einfamilienhäuser mit kleinen Vorgärten. Mit dem Kräuterhochbeet fängt die Pilgertour an. Salbei, Oregano, Thymian, Quendel, Fenchel und Bertram wachsen hier. Einige sind fester Bestandteil in der Küche, weil sie den Geschmack der Gerichte abrunden.

Die Pflanzenporträts an dem Holzkreuz neben dem Hochbeet aber zeigen, dass die Kräuter weit mehr können, als Speisen die richtige Würze zu geben. Die Lebensmittel haben heilende Kräfte und wuchsen daher früher in jedem Klostergarten. Fenchel zum Beispiel gibt dem Körper Wärme und hilft bei der Verdauung, Salbei lindert Erkältungen, Thymian wirkt schleimlösend und wird bei Krankheiten der Bronchien eingesetzt. Er wirkt antiseptisch und desinfizierend. Ein paar Tropfen seiner ätherischen Öle in einer kleinen Schale heißen Wassers neben dem Krankenbett beruhigt die Atmung.

Wie die Kräuter wirkt auch das Pilgern heilend. Nicht im medizinischen Sinn, aber doch im übertragenen. Die Pulsuhr zeigt, wie sich die Herzfrequenz durch die Bewegung zwar erhöht, aber dann auf einem Niveau stabil bleibt, bei dem man sich locker unterhalten kann. Das ist für das Herz-Kreislauf-System gut. Das bleibt auch bei dem ersten Stück Weg so, der direkt an der vielbefahrenen Straße entlang führt. Kurz nach dem Kreisverkehr, auf Höhe des Eiscafés, führt der Weg von der Straße ab, in ein Waldstück.

Der Wassenberger Pilgerweg verbindet alle Kirchen und Kapellen der Pfarrei St. Marien Wassenberg. Er führt von Wassenberg durch die Ortschaften Myhl, Orsbeck, Ophoven, Effeld und Birgelen. Das Logo des Pilgerwegs, ein Kranz mit den sieben Kirchtürmen, weist den Weg. Aber nicht nur die Kirchen und Kapellen sind Stationen auf dem Weg. In weiten Teilen überschneidet sich der Weg mit anderen Touren wie dem historischen Altstadtrundweg der Stadt Wassenberg und dem historischen Rundgang der Effelder Natur- und Heimatfreunde. So gibt es neben den geistlichen Impulsen des Pilgerwegs auch zahlreiche Erinnerungen daran, dass schon viele Generationen vor einem auf diesen Wegen gegangen sind. Das Bewusstsein, dass man selbst Teil eines großen Ganzen ist, gibt einem das Gefühl der Geborgenheit.

Zum Standort der früheren Synagoge führt eine Gasse. (c) Garnet Manecke
Zum Standort der früheren Synagoge führt eine Gasse.

Das stellt sich auch auf dem Weg durch den Judenbruch ein, der am Fuße eines Hangs hinter einer Reihe von Gärten liegt. Oben verläuft die Straße, von der hier unten nichts zu hören ist. Vögel zwitschern, der Wind bringt die Baumkronen zum Rascheln, auf den Gewässern schwimmen die Enten. Hier und da kommt die Frühlingssonne durch. Daran, dass es bergab geht, merkt man, dass der Weg in der Unterstadt enden wird. Dort steht seit über 900 Jahren die Kirche St. Georg. Von hier hat man einen freien Blick auf die gegenüberliegende Burg, die sich auf einem Hügel über die Stadt erhebt.

Der weitere Weg führt durch eine schmale Gasse, die man fast übersieht. Sie endet dort, wo bis zu ihrer Zerstörung am 10. November 1938 die ehemalige Synagoge stand. Eine Mauer mit einer Gedenktafel erinnert an sie. Auf der anderen Seite der Mauer bezeichnet ein Platz, wo das kleine Gebäude einst gestanden hat. Zeittafeln berichten über das jüdische Leben in der Stadt, dass unter der Nazi-Herrschaft ausgelöscht wurde.

Mit diesen Gedanken führt der Weg nun nach Effeld, vorbei an den Pferdekoppeln und den Weiden, auf denen friedlich Kühe grasen. Gelbe Rapsfelder verströmen den typischen süß-herben Duft, an mancher Weggabelung ist die Grenze zu den niederländischen Nachbarn ganz nah. Wo eben noch die Schreckensherrschaft das Atmen schwer machte, zeigt sich hier die Leichtigkeit des Seins.

Dass sich auch in diesen Tagen die Welt im Krisen-Modus befindet und die Angst vor einem Krieg wieder spürbar ist, vergisst man jetzt leicht. Dabei zeigt sich auf dieser Strecke, an deren Ende in Effeld ein Waldsee mit Campingplatz sowie ein Wasserschloss wartet, dass die Welt den Menschen überlebt – egal, was er auch zerstören mag. Am Ende ist er nur ein kleiner Teil der Schöpfung.

Sinnbild dafür ist das Haus Effeld, das auch als Effelder Wasserschloss bezeichnet wird. Idyllisch zwischen den Bäumen liegt es am Rand des Ortes, der von Spargelfeldern umgeben ist. Das Schloss selbst kann nicht besichtigt werden, weil es sich im Privatbesitz befindet. Dennoch steht das schmiedeeiserne Tor zur Auffahrt weit offen; das gelbe Schild „Betreten des Grundstücks verboten“ hält die Pilger davor ab, durchzugehen. Für die Entenfamilie gilt das Verbot nicht. Sie watschelt eilig den Weg entlang.

Das Schloss stammt aus dem 15. Jahrhundert. In seiner Geschichte wurde es mehrfach angegriffen, in Brand gesteckt, ausgeraubt und geplündert. Dennoch steht es da und nichts rund um das Anwesen weist auf die wechselvolle Geschichte hin. Menschen haben ihm geschadet und andere Menschen haben es beschützt. Am Ende ist das Leben ein Teil des ewigen Kreislaufs. Ein Gedanke, der beruhigend wirkt und die eigenen Probleme etwas leichter macht.

Unterwegs auf dem Pilgerweg in Wassenberg

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