Partnerschaftliche Kirche

Die Aachener Pfarrei St. Josef und Fronleichnam beleuchtet im November die Kernanliegen von „Maria 2.0“

Eindrucksvolle Porträts von Frauen jeden Alters und jeder Herkunft hat die Münsteraner Künstlerin Lisa Kötter angefertigt. Die Ausstellung kommt nach Aachen. (c) Lisa Kötter
Eindrucksvolle Porträts von Frauen jeden Alters und jeder Herkunft hat die Münsteraner Künstlerin Lisa Kötter angefertigt. Die Ausstellung kommt nach Aachen.
15. Okt 2019
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 42/2019

Es wird nicht ruhig um die Frauen in der katholischen Kirche. Was eine Münsteraner Initiative plakativ in Bewegung brachte, zieht weiter Kreise. Auch im Bistum Aachen wird „Maria 2.0“ kräftig diskutiert, durchaus kontrovers. Den jüngsten Akzent setzt nun ein Team aus der Aachener Pfarrei St. Josef und Fronleichnam, das im November dem Thema mit einem Bündel von Angeboten Gesicht gibt. Dabei geht es um mehr als die Priesterinnenweihe, betont im KiZ-Interview die Ehrenamtliche Laila Vannahme.

Laila Vannahme engagiert sich vielfältig in der Kirche. (c) Thomas Hohenschue
Laila Vannahme engagiert sich vielfältig in der Kirche.

Geradeheraus gefragt: Warum machen Sie bei Maria 2.0 mit? 

Der christliche Glaube begleitet und prägt mich mein Leben lang. Die Kluft zwischen meinem Glauben und dem, was ich Amtskirche nenne, wurde in diesen sechs Jahrzehnten allerdings immer größer. Und jetzt ist dieser Unterschied zwischen persönlichen Überzeugungen und kirchlicher Praxis groß wie nie zuvor. 

 

Woran machen Sie diese Aussage fest?

Der entscheidende, einschneidende Moment war, als die Ergebnisse der Missbrauchsstudie verkündet wurden. Das hat mich zutiefst getroffen und ich bin bis heute zutiefst bewegt und kann die Tränen kaum zurückhalten, wenn ich daran denke. In jenem Moment ist mir aufgefallen, wieviel ich selber gewusst oder zumindest geahnt habe an übergriffigem oder gar verbrecherischem Verhalten, und dass ich im Vertrauen auf die Kirchenoberen zu wenig getan habe, um Vorgänge aufzuarbeiten und damit neue Übergriffe zu vermeiden. Ich habe das verdrängt. Und das kam dann hoch, als die MHG-Studie vorgestellt wurde. Es war nicht nur das Versagen der Kirche, ich habe mich selbst schuldig gefühlt. Ich bin ja auch Teil dieser Kirche.

 

Was hat Sie besonders getroffen?

Dieses Vertuschen, Vertagen, Aussitzen, das die Institution jahrzehntelang gemacht hat. Wenn weniger Leute weggeschaut und geschwiegen hätten, wären viele Missbrauchstaten nicht geschehen. Auf diesem Fundament konnte das Unrecht gedeihen. Aber Kern des Problems ist das System, in dem die Täter agiert haben und agieren. Die Forscher haben das klar als systemische Ursachen gekennzeichnet, als Wurzel des Übels. Und das sind die klerikalen Seilschaften, die in der Kirche vorherrschen. Männer dominieren diese Institution, ausgestattet mit einem überhöhten Machtanspruch, und sie lassen sich nicht kontrollieren. 

 

Bedeutet das im Umkehrschluss: Frauen an die Macht – und alles wird besser?

Ich persönlich möchte keine Umkehrung, sondern ich möchte ein partnerschaftliches Miteinander und zwar in zwei Fragen. Das eine ist die Heilige Eucharistie. Deren Feier vorzustehen, ist zu Recht geweihten Menschen vorbehalten. Frauen sollten ganz selbstverständlich ebenfalls diese Aufgabe wahrnehmen können. Das andere ist die Frage von Leitung in der Kirche. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Die Weihe befähigt nicht mehr zu Leitung, als es Taufe und Firmung tun. Frauen sollten daran genauso teilhaben können wie Männer.

 

Was gab Ihnen Anlass und Grund, über diese Fragen nachzudenken? 

Das fing schon in meiner Jugendzeit an und hat sich bis heute durchgezogen. Immer wieder habe ich diese Ungleichheit empfunden, die Ungleichbehandlung, weil ich weiblich bin. Das hat sich in all den Jahren im Kern nicht geändert.

 

Können Sie Beispiele nennen?

Der Pastor in meiner Heimatgemeinde war ein stockkonservativer Patriarch. Seine Stärke war, dass er uns Mädchen dennoch machen ließ, im Jugendverband. Da habe ich mich frei und gestärkt gefühlt. Aber die Grenze war der Altarraum. Er wollte keine Mädchen dort haben. Ich durfte also nicht Messdienerin werden, obwohl ich das so gerne gewollt hätte, schon alleine wegen der Ferienfahrten. In späterer Zeit, ich engagierte mich längst in Gremien und in der Liturgie, hatte ein Aachener Pfarrer etwas dagegen, dass wir bei einer Wortgottesfeier die Heilige Kommunion austeilten. Er konnte sich nicht durchsetzen, versteckte dann aber einfach den Schlüssel zum Tabernakel. Und kürzlich machten die zelebrierenden Priester bei einem Festgottesdienst eine Rolle rückwärts und sagten, sie hätten unter sich ausgemacht, dass sie nun doch die Kommunion austeilten. Da haben wir Frauen und Laien gesagt: „Dann könnt ihr euch auch die Gaben selbst holen.“  

 

Was möchten Sie dem entgegensetzen? 

Es geht mir und meinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern nicht um Krawall. Wir möchten, dass die Kirche auch für die heutigen Menschen mit ihren Wünschen und Erwartungen eine Heimat ist. Wir möchten als Christinnen und Christen Zeugnis geben von unserem Glauben in einer Weise, die überzeugt und wirkt. Dafür müssen wir verstanden werden. Der Pflichtzölibat, die Ausgrenzung gleichgeschlechtlicher Liebe und die strukturelle Benachteiligung von Frauen werden heute nicht mehr verstanden. Dies sind im Übrigen auch die Faktoren, von denen die Forscher sagen, dass sie im System Kirche den sexuellen Missbrauch begünstigen. Damit schließt sich für mich der Kreis.

 

Maria 2.0 wird vorgeworfen, eine Spaltung in die Kirche  hineinzutragen. Was sagen Sie dazu?

Hier werden die Dinge auf den Kopf gestellt. Indem wir solche Fragen stellen, machen wir doch nur die Spaltung sichtbar, die schon längst in der Kirche existiert. Sicher gefällt nicht jedem, was er sieht, wenn er den klerikalen Spiegel vorgehalten bekommt. Das wissen wir und darauf sind wir eingestellt. Das geht quer durch die Amtskirche und quer durch die Gemeinden, denn auch viele Gläubige finden es richtig, wie die Kirche verfasst ist. Wir möchten konstruktiv daran arbeiten, dass sich eine neue Kultur in der Kirche entwickelt. Alle sollen eine Heimat in der Gemeinschaft finden. Daran möchten wir als Pfarrei St. Josef und Fronleichnam auch im nächsten Jahr arbeiten. Unser Jahresschwerpunkt wird heißen: weiblich.mutig.stark. Wir bleiben also dran – gemeinsam mit vielen Männern.

 

Das Gespräch führte Thomas Hohenschue.

Zur Sache

Das Markenzeichen sind die zugeklebten Münder. Die Münsteraner Künstlerin Lisa Kötter zeigt Frauen, die nicht länger schweigen möchten, sondern für eine geschlechtergerechte Kirche streiten. Die Wanderausstellung mit mehr als 90 Arbeiten von Lisa Kötter macht vom 3. bis 16. November Station in der Aachener Fronleichnamskirche. Das Vorbereitungsteam aus der Pfarrei St. Josef und Fronleichnam hat in Kooperation mit einigen Bündnispartnern ein reiches Begleitprogramm auf die Beine gestellt. Führungen und Gespräche flankieren die Ausstellung. Theologische Abende nähern sich biblischen Vorbildern. Mit Filmen, Vorträgen und Stadtführungen wird zur beherzten, offenen Auseinandersetzung mit der Rolle der Frauen in der Kirche eingeladen. Mehr dazu im Netz bei der Pfarrei unter www.st-josef-und-fronleichnam.de.