Ohne Gesang fehlt etwas

Die musikalische Gestaltung der Gottesdienste und die Chorarbeit erfordern derzeit viel Kreativität

Probe vor ungewohnter Kulisse. Die Kantorei von Klara Rücker hat bei gutem Wetter im Innenhof der alten Reichsabtei Kornelimünster geübt. (c) Michael Schüller
Probe vor ungewohnter Kulisse. Die Kantorei von Klara Rücker hat bei gutem Wetter im Innenhof der alten Reichsabtei Kornelimünster geübt.
Datum:
13. Okt 2020
Von:
Aus der KirchenZeitung, Ausgabe 42/2020 | Andrea Thomas

„Musik liegt in der Luft.“ – Seit einigen Wochen wissen wir, was der Schlagertitel verschweigt: Zu den Tönen gesellen sich beim Singen Aerosole. Die wiederum können den Erreger für Covid-19 im Gepäck haben. Gemeinsam zu singen, egal ob im Gottesdienst oder im Chor, ist so zu einer nicht nur im positiven Sinne ansteckenden Sache geworden.

In St. Donatus Aachen-Brand wurde im Sommer ein Garten zum Probenraum für die Schola Nova. (c) Albert Breuer
In St. Donatus Aachen-Brand wurde im Sommer ein Garten zum Probenraum für die Schola Nova.

Als ab Mai wieder Gottesdienste möglich wurden, geschah dies unter Auflagen. Eine davon lautet: kein Gemeindegesang. „Das war und ist schmerzlich für alle“, sagt Klara Rücker, Kantorin in der GdG Himmelsleiter. Ohne Musik fehlt einem Gottesdienst, egal ob Messe oder Wortgottesfeier, einfach etwas Entscheidendes. Die junge Kirchenmusikerin empfindet das als Herausforderung, aber auch als Chance. Alle, sie als Hauptamtliche und auch die Ehrenamtlichen, hätten kreativ werden müssen. „Für mich ist das auch eine tolle Erfahrung. Gerade in der anfangs noch reduzierten Form der Gottesdienste habe ich viel ausprobiert.“ Sie singe selbst mehr, um den fehlenden Gemeindegesang auszugleichen, versuche aber auch immer wieder die Gemeinde einzubinden. „Wir haben Liedtexte oder Psalmen einfach mal gemeinsam gesprochen oder wir haben die Lieder gesummt. Summen ist ja möglich, und das geht sogar im Kanon“, erzählt sie.

Eine weitere Möglichkeit sei zu klatschen. Das hätten sie zum Beispiel bei den Erstkommunionfeiern gemacht. Auch instrumental hat sich Klara Rücker einiges einfallen lassen und bei den Gottesdiensten zum Beispiel mal ein Saxophon oder eine Querflöte dazu geholt oder Lesung und Evangelium mit Orgel-Improvisationen musikalisch aufgegriffen. Damit auch wieder Gesang ertönen kann, hat sie im Sommer an St. Kornelius eine Frauen- und eine Herren-Schola gegründet. Wobei die Frauen-Schola eine echte Premiere gewesen sei. Das habe es so vorher noch nie in der Gemeinde gegeben. Auch die einstudierten Stücke seien nochmal andere gewesen als die, die sie mit einem größeren Ensemble singe. Das habe allen viel Spaß gemacht und den musikalischen Horizont der Sänger und Sängerinnen und der Zuhörer erweitert. Außerdem war so wenigstens in kleiner Besetzung wieder Chorgesang im Gottesdienst möglich. 


Chorleben lag und liegt brach

Corona, das bedeutete – und bedeutet es vielerorts immer noch – für die Chöre in den Gemeinden: Sangespause. Die vorgeschriebenen Hygiene- und Abstandsregeln machen Proben schwierig, weil es an geschlossenen Räumen mit genügend Platz fehlt. Aufführungen sind so auch fast unmöglich. Zudem sind viele Chorsänger schon ein wenig älteren Jahrgangs und gehören oft zur sogenannten Risikogruppe. Auch sozial ist das schwierig. Im Chor zu singen, das  ist vor allem auch Gemeinschaft, vor und nach den Proben noch ein wenig zu plaudern, das Ständchen zum runden Geburtstag eines Chormitglieds, gemeinsame Ausflüge und Feiern. Für so manch älteres Chormitglied ist die wöchentliche Probe außerdem eine der wenigen regelmäßigen Aktivitäten, die es noch pflegt und daher ein besonderer Höhepunkt. All das fehlte nun.

In den Sommermonaten wurden einige Chorleiter daher kreativ, um zumindest in kleinen Gruppen wieder gemeinsam proben zu können. In St. Donatus Aachen-Brand hat Kantor Ralph Leinen im Sommer die Chorarbeit mit dem Kirchenchor, der Schola Nova, dem Jugendchor, dem Kinderchor (zusammen mit Eva-Maria Jansen) und der Kantorengruppe unter den vorgegebenen strengen Auflagen wieder aufgenommen. Die Proben wurden dazu einschließlich Einsingen auf etwa 50 Minuten verkürzt und beinhalteten mehrstimmige Sätze aus dem Gotteslob, aber auch anspruchsvollere Kompositionen, die bei Bedarf in Gottesdiensten und bei anderen Gelegenheiten präsentiert werden können, berichtet Albert Breuer, der selbst aktiv in der Schola Nova singt. So könnten, zur Freude der Gemeinde, die Wochenendgottesdienste wieder aus eigenen Reihen solistisch oder von kleinen Gruppen musikalisch unterstützt werden.


Chorklang mit Abstand besser

Klara Rücker hat im August wieder mit ihrem Chor, der Kantorei, zu proben begonnen, je nach Wetter in der Bergkirche oder draußen im Innenhof der Reichsabtei. „Draußen singen ist generell schwierig von der Akkustik, aber hier geht es, wegen der Mauern“, erzählt sie. Ein weiteres Problem sei der Abstand, weil man den anderen dann nicht so gut höre. Im Gegensatz zur eigenen Stimme, die man dann deutlicher wahrnimmt. „Worin aber auch eine Chance liegt, gerade für sichere Sänger, weil man achtsamer singt“, stellt Klara Rücker fest. Der Chorklang ihrer Kantorei sei dadurch besser geworden. Geprobt wird zudem in kleineren Gruppen und an mehr Terminen. Was noch etwas schwierig sei, sei, die Motivation hochzuhalten. „Als Chor arbeitet man ja auch immer auf die nächste größere Aufführung hin.“ Bei der Kantorei ist das der „Messias“ von Händel im nächsten Jahr. Ob das geht, müssten sie dann sehen.

Auch die Schola Nova aus St. Donatus hat in den vergangenen Wochen bei gutem Wetter open air geprobt, im Garten eines Chormitglieds. „Der besticht durch seine gute Akustik aufgrund von Schall reflektierenden Stein- und Holzwänden einschließlich Baumbestand“, erzählt Albert Breuer. Jede Stimmlage sei derzeit mit drei bis vier Sängerinnen und Sängern besetzt, die Bestuhlung habe den nötigen Abstand, und die Gruppen könnten rotieren. Positives Fazit auch hier: Die eigene Stimme zu schulen, unabhängig von der des Nachbarn, und dies auch noch ausschließlich a cappella, sei sehr lehrreich. Der Herbst mit seinen kühleren und nasseren Wetterbedingungen stellt dieses Probenkonzept nun wieder in Frage. Was im Winter möglich ist, ist noch schwer absehbar. Das Organisationsteam der Schola Nova sucht derzeit noch nach Möglichkeiten, wie die Proben nach den Herbstferien weitergehen können. In Kornelimünster gibt es „Plan B“, zumindest vorläufig. „Da die Bergkirche nicht zu beheizen ist, planen wir derzeit, in die Abteikirche zu den Benediktinern auszuweichen“, berichtet Klara Rücker. Erkältete Sänger seien schließlich keine Lösung.

Auch in „Christus unser Friede“ in Kohlscheid will man sich das Singen von Corona nicht komplett verbieten lassen. Schon vor Pfingsten hat Kirchenmusiker Simone Falcone wieder begonnen, in kleiner Besetzung von zunächst sieben Leuten mit dem Kirchenchor St. Katharina zu proben. So hätten sie unter anderem das Hochamt zu Pfingsten musikalisch mitgestalten können. „Im Juni habe ich zusätzlich mit einem Projektchor gesungen“, berichtet Simone Falcone, der erst seit Anfang des Jahres in der Pfarrei tätig ist. Geprobt wurde auf der Orgelbühne mit drei Meter Abstand zueinander. „Das ging gut. In den Sommerferien haben wir einen Ausflug nach Kevelaer gemacht und dort in der Sankt-Antonius-Kirche bei der Kohlscheider Pfarrwallfahrt gesungen.“ Im September hätten sie die Anregung von Kirchenmusikdirektor Michael Hoppe aufgegriffen und alle Chorsänger gefragt, ob sie regelmäßig unter Coronabedingungen singen oder für die nächste Zeit nur inaktives Chormitglied sein wollten. So sind 16 übriggeblieben, mit denen er derzeit im Pfarrsaal für die Allerheiligenmesse probt.

Seit einigen Jahren gibt es auf Initiative von Gemeindereferent Thomas Krieger in „Christus unser Friede“ einen Projektchor zum Advent. Auch da stand die Frage im Raum, ob das in Zeiten von Corona geht. „Wir wollen nicht alles deswegen ausfallen lassen und haben daher entschieden, das diesmal nach draußen zu verlegen“, erklärt Thomas Krieger. Vom Kirchvorplatz vor St. Katharina aus wird es einen kleinen Konzert-Rundgang mit Stationen, unter anderem an den beiden Seniorenheimen im Ort, geben. Die Zahl der Mitsänger sei wegen Corona kleiner als in anderen Jahren, doch die, die bei den Proben in der Kirche – wegen des Abstands – dabei seien, seien es mit viel Freude. Einen Versuch sei es auf jeden Fall wert, meint Thomas Krieger: „Absagen können wir immer noch, sollte es im Dezember gar nicht gehen.“