Brände und Unfälle, plötzliche Todesfälle, Gewalterfahrungen, der Tod eines Kindes oder Suizide: Täglich geraten Menschen durch ein unvorhersehbares Ereignis in Ausnahmesituationen. Die Notfallseelsorge unterstützt sie und begleitet sie in akuten Krisensituationen.
Die ehrenamtlichen Mitarbeitenden bieten an jedem Tag des Jahres Menschen in plötzlich eintretenden Krisensituationen eine schnelle, erste seelsorgerische Begleitung. In den Kreisen Düren und Heinsberg organisieren die evangelische und katholische Kirche gemeinsam eine 24-Stunden-Rufbereitschaft der Notfallseelsorge. Um auch in Zukunft „Erste Hilfe für die Seele“ leisten zu können, sucht die Notfallseelsorge neue ehrenamtliche Mitarbeitende. Ein entsprechender Ausbildungskurs startet noch in diesem Jahr.
Bert Graff aus dem Kreis Düren ist seit November 2025 ehrenamtlicher Notfallseelsorger. Der pensionierte Kriminalbeamte, der in Todesermittlungen tätig war, hat nach Ende seiner Dienstzeit eine neue, ehrenamtliche Aufgabe gesucht – und wurde bei der Notfallseelsorge fündig. „Ich wollte etwas Sinnvolles im Ehrenamt tun“, sagt er. Bert Graff: „Jetzt kann ich den Menschen beistehen, wenn die Not am Größten ist. In meinem aktiven Dienst als Ermittler konnte ich dies nur bedingt.“
Schon während des obligatorischen Orientierungsgespräches, das alle potenziellen Kursteilnehmenden mit Pastoralpsychologe und Kursleiter Christian Heinze-Tydecks und Gemeindereferent Achim Kück führen und das zum gegenseitigen Kennenlernen dient, stellte er fest: Diese Aufgabe passt zu seiner Suche. Es gibt zwar Berührungspunkte zum ehemaligen Dienst, aber die Rolle ist nun eine ganz andere. Als Notfallseelsorger hat der Kriminalbeamte im Ruhestand ganz andere Aufgaben: Es geht auch darum, das auszuhalten, was andere Menschen gerade erleiden müssen, wo alle anderen Menschen vielleicht am liebsten sogar weglaufen würden. „Wir bringen Ruhe herein, wo Aktionismus herrscht. Wir bringen Stabilität in das Krisenerlebnis hinein. Wir nehmen uns selbst dabei zurück“, erklärt Christian Heinze-Tydecks. Ein wichtiger Punkt, der auch eine Rolle in den 170 Unterrichtseinheiten (alle 14 Tage dienstags von 18.30 bis 21.30 Uhr) spielt.
Um auch in belastenden Situationen „Erste Hilfe für die Seele“ leisten zu können, braucht es psychische und physische Stabilität sowie Strategien, auf die jeder Ehrenamtliche zurückgreifen kann. Zum Team gehören Ärzte, Feuerwehrleute, Juristen ebenso wie Handwerker und Bürokaufleute. Jeder und jede bringt besondere Eigenschaften und eine spezielle Vorbildung mit, aber alle eint: Sie müssen sich erneut auf das Lernen einlassen – fast ein Jahr lang. Zum einen, weil später kein Einsatz wie der andere sein wird, zum anderen aber auch, weil die Ehrenamtlichen so gut wie möglich auf die kommenden Aufgaben und Herausforderungen vorbereitet werden sollen. Es geht um unterschiedliche Szenarien wie Krisenintervention bei einem schweren Unfall oder die Überbringen einer Todesnachricht, aber auch um die Fragen der inneren Haltung, des Umgangs und der Verarbeitung mit den Geschehnissen: Was löst eine Krise bei mir selbst aus? Wie gehe ich damit um? Was sagt mein Glaube dazu?
„Wir gehen völlig wertfrei in jede Situation hinein. Die Hoheit, was passiert, liegt immer auf der anderen Seite“, betont Gemeindereferent Achim Kück. In einer Krise trage oft der Boden nicht mehr, die Menschen würden ein Gefühl der Ohnmacht empfinden. „Unsere Aufgabe ist es, herauszufinden, was die Menschen benötigen. Wir sind ein Partner, der sie dabei unterstützt, wieder die Macht zu erhalten“, sagt Christian Heinze-Tydecks. Dies erfordere eine große Portion Demut, die Fähigkeit sich selbst zurückzunehmen – und bei aller Nähe auch eine professionelle Distanz, „um nicht selbst daran kaputt zu gehen“, erklärt der Supervisor. Das Erlernen von Mechanismen, um sich selbst zu schützen, ist ebenfalls Teil der Ausbildung. Regelmäßig gibt es darüber hinaus Nachbereitungen von Einsätzen, Gesprächsangebote und Supervision. Auch kann jeder Notfallseelsorger einen Einsatz ablehnen.
Wie oft die fertig ausgebildeten Teammitglieder für Einsätze bereitstehen, entscheidet jeder selbst. Voraussetzung für die Mitarbeit ist neben der Teilnahme am Ausbildungskurs und der offiziellen Beauftragung unter anderem eine Mitgliedschaft in einer Kirche der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, ein Mindestalter von 26 Jahren, ökumenische Offenheit sowie Respekt gegenüber anderen Religionen, Kulturen und Weltanschauungen.
Die Ausbildung startet am 3. November. Auskunft und Anmeldung (unbedingt erforderlich!) bei Christian Heinze-Tydecks (01 71/691 42 90) und Achim Kück (01 52/28 48 80 11). Am 10. Oktober findet ein Orientierungstag statt.