Ökumene in Krefeld

Vor sechs Jahren gründete sich die Pius-Lukas-Gemeinde. Dorothea Blum hat den Prozess begleitet.

Feierte ihren Abschied in der Pius-Lukas-Kirche: Dorothea Blum, mit Pfarrer Christoph Zettner (Mutte) und Pfarrer Christoph Tebbe. (c) Dirk Jochmann
Feierte ihren Abschied in der Pius-Lukas-Kirche: Dorothea Blum, mit Pfarrer Christoph Zettner (Mutte) und Pfarrer Christoph Tebbe.
Datum:
5. Juni 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 12/2026 | Chrismie Fehrmann

Die Katholische Kirchengemeinde St. Nikolaus und der Evangelische Kirchenkreis Krefeld-Nord haben sich schon vor über fünf Jahren für eine „Wohngemeinschaft“, eine „Beziehung“ und gleichzeitig auch für ein „Versuchslabor“ entschieden. 2020 zogen sie zusammen. Dass katholische und evangelische Christen „zusammenwohnen“, gab es bis dahin in Krefeld und im Bistum noch nicht. Das gemeinsame Haus, ihre ökumenische Gemeinde, nannten sie Pius-Lukas. 

Mit Gemeindereferentin Dorothea Blum (66) hat sich jetzt eine engagierte Frau der ersten Stunde, eine am gelungenen Ökumene-Aufbau stark beteiligte Seelsorgehelferin, in den Ruhestand verabschiedet – wie es anders nicht sein kann: mit einem gemeinsamen, klangvollen Gottesdienst, den sie unter die Überschrift „Segen“ stellte.

Die Voraussetzungen für den Zusammenschluss lagen damals nahe. Die evangelische Lukaskirche und die katholische Kirche St. Pius X. befanden sich nur rund 150 Meter voneinander entfernt in Gartenstadt an der Traarer Straße.

„In den Entstehungsprozess wollen wir die knapp 7500 Menschen in den beiden Gemeinden mit einbeziehen“, sagten damals der katholische Pfarrer Christoph Zettner und der evangelische Pfarrer Christoph Tebbe. „Wir stehen nicht unter Druck“, betonten beide. „Das Zentrum muss in Ruhe wachsen können.“

Seit 2020 teilen sich Katholiken und Protestanten die Pius-Lukas-Kirche. (c) Andreas Bischof
Seit 2020 teilen sich Katholiken und Protestanten die Pius-Lukas-Kirche.

Im Entstehungsprozess hörten beide Geistliche nur Positives zum Thema aus den Gemeinden. Dies verwunderte nicht, hatte die Ökumene in Gartenstadt doch bereits eine lange, rund 35 Jahre bestehende Tradition. So läuteten 18 Jahre lang die Lukas-Glocken vor der Sonntagsmesse für Pius, bis Pius ein eigenes Geläut bekam. Danach ging es manchmal umgekehrt, da der Glockenturm von Lukas marode war. Es gab gemeinsame Adventsbasare, den ökumenischen Dritte-Welt-Kreis, und die Senioren aus beiden Gemeinden trafen sich gegenseitig zum Kaffee. Mittlerweile kommen sie stets an einem Ort zusammen.

Die Voraussetzungen waren gegeben. „Dennoch verhandelten und überlegten die beiden Geistlichen lange“, erinnert sich Blum, eine Befürworterin für gelebte Ökumene, die ihr großes Anliegen ist. „Alle sollen Eins sein. Wir müssen uns auf Augenhöhe begegnen. Wir müssen viel zusammen machen. Wenn in beiden Kirchen Gelder und Gläubige knapper werden, müssen wir dann auch Gebäude, wie die Pius-Kirche und das nebenan liegende Oscar-Romero-Haus, gemeinsam nutzen“, sagt sie. Nach Corona kam der Zusammenschluss in Schwung.

„Es war wichtig und hat Spaß gemacht, miteinander zu reden, sich kennen zu lernen“, erzählt Blum aus den Anfängen. „Im gemeinsamen Gespräch haben wir danach gesucht, wo und wie wir Vielfalt zulassen können“, zieht sie ein Fazit, nicht ganz ohne Wehmut über den Abschied.

Im klangvollen, sehr schönen Gottesdienst mit Peter Koch an der Trompete und Kantor Daniel Schaaf an der Orgel sagt Blum zu den anwesenden Gemeindemitgliedern: „Dieser Satz, der aus dem Alten Testament stammt – ‚. . . damit ihr ein Segen seid‘ – hat mich in den letzten Wochen begleitet. Nicht nur, weil ich nun in den Ruhestand gehe, sondern weil ich plötzlich spüre: Mein Beruf war nicht nur ein Job, nicht nur meine Aufgabe, sondern auch ein Geschenk – und Ihr seid Teil dieses Geschenks.“  

Dankbar erläutert sie: „Ich denke an die Momente, in denen Ihr mir vertraut habt, an die Herausforderungen, die wir gemeinsam gemeistert haben. Ihr habt mir nicht nur Arbeit gegeben, Ihr habt mir auch Lebenskraft, Vertrauen und Freude geschenkt. Und das ist ein Segen – nicht nur für mich, sondern auch für mich selbst.“

Und weiter: „Segen bedeutet Geborgenheit, Frieden, gemeinschaftliches Leben.“ Und: „Wie ist das als Frau in der katholischen Kirche – kann ich zum Segen werden? Ich musste herausfinden, wo mein Platz ist, wo ich hingehöre. Darum muss gerungen werden. Segen wird einem von Gott geschenkt.“

Sie freue sich über die entscheidende Lebensveränderung, erklärt sie weiter, fühle aber auch eine wehmütige Stimmung. Und da niemand so ganz gehe, werde sie nach einem längeren Urlaub – nun als Rentnerin – für 30 Prozent in Kindertagesstätten und Seniorenheimen tätig sein.

Pfarrer Christoph Zettner, der den Gottesdienst mit Pfarrer Christoph Tebbe zelebriert, versprach: „Wir verlieren uns nicht aus den Augen.“ Er bedauere ihren Abschied und erklärte, dass es noch keine Nachfolgerin oder einen Nachfolger gebe.

Zum nachfolgenden Zusammensein bei Canapés und Getränken bleibt die Gemeinde fast vollzählig im Gotteshaus. Stefan Rieger ist mit seiner Frau Birgit aus Linn nach Gartenstadt zum Gottesdienst und zur Verabschiedung gekommen. „Wir haben beide Konfessionen in der Familie und sind sehr liberal“, betont er und lacht. „Meine Frau ist katholisch, ich bin evangelisch, wir besuchen oft St. Margareta in Linn.“ Ob die Ökumene funktioniert liege an den Leitern vor Ort, wie Christoph Zettner mit Dorothea Blum und Christoph Tebbe, findet er. „Wir Rheinländer schaffen das. Wir müssen uns zusammenschrumpfen.“

Gabriele Kamps ist katholisch und war im Berufsleben als Erzieherin in der Pius-Gemeinde tätig. „Ich engagiere mich jetzt in der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands. Ich bin total für die Ökumene, sie ist eine Bereicherung und ein Vorbild. Es findet jetzt viel mehr statt, beispielsweise im Oscar-Romero-Haus. Schade, dass Dorothea Blum geht.“