Fast genau ein Jahr ist es her, dass sich Irma Wüller zuletzt so richtig überrumpelt fühlte – und zwar im besten Sinne des Wortes. Die Leiterin der Domsingschule hatte mit der gesamten Schulgemeinschaft gerade den Eröffnungsgottesdienst zum Sommerfest im Aachener Dom gefeiert, als plötzlich eine Abordnung des Thouet-Mundartpreis-Kuratoriums vortrat, um die Schule über den Gewinn des mit 2000 Euro dotierten Preises zu informieren.
Während die Kinder jubelten und die anwesenden Familien sowie Gäste begeistert applaudierten, nahm Irma Wüller sichtlich überrascht die ersten Gratulationen entgegen. „Es hat ein paar Minuten gedauert, bis ich realisiert habe, was da gerade passiert war“, erinnert sie sich schmunzelnd.
Der Thouet-Mundartpreis der Stadt Aachen zeichnet seit mehr als 40 Jahren Menschen und Institutionen aus, die sich in besonderem Maße um den Erhalt des Öcher Platt verdient machen. Dass in diesem Fall eine Schule ausgezeichnet wurde, war für das Kuratorium nur konsequent. „Die Weitergabe unserer Heimatsprache insbesondere an junge Menschen ist von großer Bedeutung, damit das Öcher Platt nicht ausstirbt. Diese Aufgabe erfüllt die Domsingschule seit vielen Jahren in vorbildlicher Weise“, begründete Vereinsvorsitzender Ägid Lennartz die Entscheidung.
Tatsächlich ist Öcher Platt an der Domsingschule längst mehr als nur ein gelegentliches Projekt. Man könnte fast sagen: Es ist die inoffizielle zweite Fremdsprache der Schule. Seit mehr als zehn Jahren sind die Jungen und Mädchen in jährlich wechselnder Besetzung als „Kenger vajjen Beverau“ im Öcher Fastelovvend unterwegs. Mit ihren Liedern erobern sie die närrischen Bühnen der Region und verbinden dabei Brauchtumspflege mit sozialem Engagement, denn sämtliche Gagen kommen dem Nele-und-Hanns-Bittmann-Verein und dessen regionalem Hilfsfonds für Kinder in Not zugute.
„Kirchenmusik ist zwar unser eigentlicher Schwerpunkt, aber wir haben auch einen engen Bezug zum Karneval, zur Aachener Mundart und zu den Alt-Aachener Liedern“, erklärt Irma Wüller. Der Karneval gehöre einfach zur Identität der Schule. So steigt jedes Jahr an Fettdonnerstag eine große närrische Feier in der Schulaula, und auch im Kinderzug des Märchenprinzen am Tulpensonntag sind die Schülerinnen und Schüler regelmäßig vertreten.
Seit Jahrzehnten ist die Domsingschule außerdem beim Öcher-Platt-Wettbewerb und beim Öcher-Platt-Talentnachmittag aktiv. Auch bei Veranstaltungen rund um den Thouet-Mundartpreis oder beim Mundartpreis-Festival sind die Kinder gern gesehene Gäste. Bei der offiziellen Preisverleihung im Januar dieses Jahres bestritten sie nicht nur das musikalische Rahmenprogramm, sondern waren als Preisträger selbst der Haupt-Act.
Für diesen besonderen Anlass hatten die Kinder eine Überraschung vorbereitet: Erstmals präsentierten sie ihren neuen Song „D’r Duem sing Schuel“. Komponiert wurde das Lied von Kirchenmusiker Angelo Scholly, der der Domsingschule seit vielen Jahren eng verbunden ist. Die Premiere wurde vom Publikum begeistert aufgenommen – und war zugleich ein Vorgeschmack auf ein Projekt, das derzeit mit viel Herzblut entsteht.
Noch vor den Sommerferien soll eine professionell produzierte CD mit Liedern in Öcher Platt erscheinen. Alle Stücke werden von Schülerinnen und Schülern der Domsingschule gesungen und orientieren sich am Jahreslauf. Das neu komponierte Lied „D’r Duem sing Schuel“ wird dabei als Titelsong fungieren.
Die Idee, Musik und Mundart auf Tonträgern festzuhalten, hat an der Domsingschule bereits Tradition. Schon vor einigen Jahren veröffentlichte die Schule die CD „Kenger vajjen Beverau“ mit einer Mischung aus bekannten Karnevalsklassikern und neuen Liedern. Die Resonanz war so groß, dass die Produktion mehrfach nachgedruckt werden musste.
Mit dem neuen Album geht die Domsingschule nun einen Schritt weiter. Lieblingslieder der Kinder, die sich beim täglichen Singen in der Aula herauskristallisiert haben, erscheinen nun in Öcher-Platt-Übersetzung. So wird aus „Die alte Moorhexe“ beispielsweise „D´r Krippekratz“. Auf der CD sind alle Lieder in professionellen Playback-Versionen zu finden. Diese sollen Familien, Schulen, Kindergärten und allen anderen Interessierten die Möglichkeit geben, die Stücke selbst zu singen und das Öcher Platt auf spielerische Weise kennenzulernen und weiterzugeben.
Das Kuratorium des Thouet-Mundartpreises war von der CD-Idee so begeistert, dass es das Preisgeld mit einem großzügigen Förderbetrag noch einmal mehr als verdoppelt hat. Weitere 2000 Euro aus der SpardaSpendenWahl sowie Fördermittel aus verschiedenen Stiftungen bilden eine wichtige Grundlage für die Finanzierung. Dennoch sind die Produktionskosten noch nicht komplett gedeckt. Nun hoffen die Schülerinnen und Schüler auf möglichst viele weitere Unterstützerinnen und Unterstützer – nicht nur unter den Freunden des Öcher Platt, sondern bei allen, denen die Förderung von Kindern, Kultur und regionaler Identität am Herzen liegt.
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