Liebe Schwestern und Brüder im
Bistum Aachen,
Jesus ist ganz allein in der Wüste, als der Versucher an ihn herantritt. Was der Teufel ihm in drei Anläufen nahelegt, ist für sich besehen nichts Verwerfliches. Und wer sollte einen unmittelbaren Nachteil davon erleiden, wenn Jesus, ganz auf sich gestellt, darauf einginge? Sich durch ein Wunder Brot zu verschaffen, mit Gottvertrauen vom Tempel herunterzuspringen oder alle Reiche der Welt zu beherrschen, das alles liegt doch gar nicht quer zu dem, was Jesus als Sohn Gottes entspricht.
Jesus aber widersteht diesem verführerischen Spiegel, in den der Teufel ihn schauen lässt. Er durchschaut die Versuchung, die ihn als Sohn Gottes entstellen und verderben würde. Nach dem dritten Anlauf spricht Jesus das einzig angemessene Wort zum Versucher, über das auch wir nie hinausgehen sollten: „Weg mit dir, Satan!“
Weg mit dir, das meint: Nein, ich mache keinen Alleingang! Nein, ich reiße nicht einfach alles an mich, weil ich es haben will oder weil ich es mir leisten kann. Nein, ich werde niemanden in die Knie zwingen und nicht über die Anderen siegen durch Macht und Überwältigung.
Genau diese Versuchung ist ja durch die Ursünde in die Welt gekommen: Ich nehme es mir einfach! Rücksichtslos. Ich kann es doch!
Adam und Eva, die Stammeltern der ganzen Menschheit, haben so gehandelt, das erzählt das Buch Genesis in der heutigen Lesung.
Und seitdem kämpfen alle Generationen und jeder Mensch mit dieser Verführung, die alle möglichen Formen von Misstrauen, Überwältigung, Zwietracht und Gewalt in der Welt der Menschen hervorbringt.
Dadurch, dass Jesus immer den Gesamtbezug herstellt und wahrt: Nichts tue ich ohne Gott, von dem ich stamme und auf den ich zugehe, nichts strebe ich an, das nicht allen anderen auch zugute kommen kann, nichts geht von mir aus, das andere ärmer macht, sie erniedrigt oder ihrer Würde und Gotteskindschaft beraubt. Jesus ist ganz und gar er selbst, aber nie nur selbstbezüglich.
Er ist wirklich und in allem der Sohn Gottes und der Heiland aller Menschen, weil er Gott und Menschen immer zusammen sieht und zusammenbringt. Einen kleinen Hinweis darauf gibt uns die Heilige Schrift, wenn sie erzählt, dass nach den Versuchungen des Teufels Engel kommen und Jesus dienen. Obwohl er allein ist in der Wüste, ist er nie allein. Er verbindet uns Menschen mit Gott und mit der gesamten unsichtbaren himmlischen Welt. Wo Jesus ist, da ist Gott, da sind die Engel und da können auch wir sein: Jeder Mensch findet den Gesamtbezug der eigenen Existenz, in den Gott uns ursprünglich gestellt hat, in Jesus wieder.
Dieses Geheimnis seiner Person, Ich-Sein im Wir-Sein, ist auch das Geheimnis, das Jesus seiner Kirche eingeprägt hat.
Doch weil wir alle von der Ursünde Adams und Evas geprägt sind, müssen wir in allen Generationen und Zeiten der Kirche darum kämpfen, dass dieses Geheimnis wieder zu leuchten beginnt und Menschen es konkret beglückend und heilsam erfahren.
Die Erzählung von der Versuchung Jesu bleibt also immer aktuell: Mit Jesus und durch seine erlösende Kraft sollen wir der Vereinzelung und dem rücksichtslosen Ich-mach-mein-Ding widerstehen.
In unserer heutigen Zeitstunde haben wir diese neue Bewährung bitter nötig. Durch die Missbrauchsverbrechen in der Kirche ist ihre Glaubwürdigkeit weitgehend verlorengegangen, und das Geheimnis Jesu wurde verdunkelt und teuflisch pervertiert, besonders gegenüber den Überlebenden des sexuellen Missbrauchs. Es gibt deshalb einen großen Vorbehalt und sehr viel Misstrauen gegen die Kirche und besonders gegen die Weise, wie in ihr Macht ausgeübt wird.
Umso wichtiger ist es, dass wir neue Erfahrungen machen, die das Ich-Sein und Wir-Sein in der Kirche wieder beglückend spürbar machen.
Papst Franziskus, der im vergangenen Jahr verstorben ist, hat als sein größtes Erbe der gesamten Kirche den Auftrag gegeben, eine synodale Gestalt und Kultur hervorzubringen. Und Papst Leo hat sich sofort in dieses Erbe hineingestellt und führt es fort.
Synodalität bedeutet: Weil wir alle auf Jesus getauft sind, weil wir alle in der Firmung seinen Geist empfangen haben, stehen wir immer in einem Gesamtzusammenhang mit Gott, dem Vater aller Menschen, mit der gesamten Kirche und allen Menschen, ja mit dem gesamten gemeinsamen Haus der Schöpfung.
Diesen Gesamtzusammenhang wollen wir als Kirche wieder deutlicher erfahrbar machen, indem wir diese Überzeugung auf alles anwenden, was heute in der Welt und in der Kirche geschieht. Und indem wir unser eigenes Handeln davon deutlicher bestimmen lassen. Das bedeutet, eine synodale Kultur hervorzubringen. Unsere heutige Welt voller Konflikte und einseitiger Machtgebärden braucht sie mehr denn je!
Für manche von Ihnen mag das wie eine Überforderung klingen. Doch das Wunderbare an diesem Glauben liegt ja darin, dass niemand nur allein ist und allein bleiben soll, und darin, dass die erlösende Kraft Jesu auch in kleinen und kleinsten Zusammenhängen wirkt, nie nur im Großen. Wo zwei oder drei sich mit ihrem ganzen gemeinsamen Ich auf Jesus beziehen, entkommen sie schon der Vereinzelung und der Gefahr der Rücksichtslosigkeit, wie sie in den Versuchungen des Teufels immer neu aktuell werden.
Das alles ist die Tiefendimension, die auch in den synodalen Strukturen der Kirche wirksam werden soll.
Heute möchte ich Ihnen von daher die synodale Leitungsstruktur nahe legen, die wir in den 44 Pastoralen Räumen unseres Bistums Zug um Zug errichten wollen. In jedem Pastoralen Raum wird es einen Priester geben, der als Pfarrer den Pastoralen Raum leitet. Aber ganz bewusst nicht mehr allein. Das Kirchenrecht kennt die Möglichkeit, dass an der Ausübung der Leitung in der Kirche durch geweihte Amtsträger auch Laien durch die Kraft ihrer Taufe und Firmung mitwirken können (vgl. CIC Canon 129, § 2). In dieser Regelung des kirchlichen Rechtes kann man ein synodales Verständnis von Leitung in der Kirche abgebildet sehen.
Und genau dieses Ziel verfolgen wir im Bistum Aachen, wenn die 44 Pfarrer künftig mit weiteren vom Bischof beauftragten Personen Leitung gemeinsam ausüben. Und damit verbunden ist dann immer die Übung, den Gesamtzusammenhang wahr zunehmen: ich – du – wir: Was will Gott heute von mir, von uns? Was brauchen die Menschen, mit denen wir unterwegs sind? Was entspricht dem Glauben und dem Kirchesein mehr? Wie können wir Jesus und sein Evangelium Menschen verkünden, die sich selbst eher auf Distanz dazu sehen? Wie dienen wir den Armen und dem Gemeinsamen Haus der Schöpfung?
Alle solche Fragen müssen sich die Pfarrer und die beauftragten Leitungspersonen gemeinsam stellen und zu gemeinsamen Entscheidungen finden. Leitung darf in der Kirche nie einfach nur Machtausübung sein, sondern verlangt das synodale Bemühen, alles in den Gesamtzusammenhang zu stellen und ihn zu wahren.
Und das betrifft nicht nur die Pfarrer und die Leitungen im Pastoralen Raum, sondern in konzentrischen Kreisen auch die Pastoralteams, die neu gewählten Räte des Pastoralen Raums und die Kirchenvorstände, die Verantwortlichen an den Orten von Kirche und deren Vollversammlungen. Immer geht es darum, dass Menschen dazugehören, gehört werden, mitdenken, mit Jesus und seinem Geist in Kontakt kommen und spüren: Hier ist ein Ort ohne Gewalt. Hier bin ich gerne dabei. Ich muss mich nicht verbiegen und nicht unterwerfen. Ich kann dazu beitragen, dass gute gemeinsame Erfahrungen zustandekommen. Ja, hier ist sogar ein Geist mächtig, der Böses nicht unter den Teppich kehrt, sondern benennt, überwindet und verzeiht. Hier wird der Horizont nicht eng und klein gemacht, sondern unübersehbar weit: Gott und Menschen, Himmel und Erde sind immer der Bezugsrahmen der Kirche.
Ich bin überzeugt: Wo solche Erfahrungen möglich werden, spüren dann auch wir, dass zu uns Engel kommen und uns dienen!
So wünsche ich Ihnen eine gute Fastenzeit in der frohen Erwartung des Osterfestes! Dazu segne Sie alle der dreifaltige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
Ihr Bischof,
Helmut Dieser