Nicht den Kopf verlieren

Jahrhunderte der Anbetung haben am Anna-Haupt Spuren hinterlassen

Die Art und Weise, wie das Anna-Haupt nach Düren kam, sorgte für Streit. Ein Steinmetz aus Kornelimünster nahm die Reliquie Ende 1500 in der Kirche St. Stephan zu Mainz an sich. Als die Mainzer nach einiger Suche der Reliquie wieder habhaft wurden, verhinderte die Dürener Bevölkerung den Abtransport. 1506 entschied Papst Julius II. per Bulle den Streit zwischen den beiden Städten zugunsten der Dürener. (c) Stephan Johnen
Die Art und Weise, wie das Anna-Haupt nach Düren kam, sorgte für Streit. Ein Steinmetz aus Kornelimünster nahm die Reliquie Ende 1500 in der Kirche St. Stephan zu Mainz an sich. Als die Mainzer nach einiger Suche der Reliquie wieder habhaft wurden, verhinderte die Dürener Bevölkerung den Abtransport. 1506 entschied Papst Julius II. per Bulle den Streit zwischen den beiden Städten zugunsten der Dürener.
Datum:
1. Juli 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 14/2026 |Stephan Johnen

Es war vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis sich die vielen kleinen und großen Risse zu einem Schaden vereint hätten, der schlimmstenfalls Teile des Gesichts und des Schleiers abgerissen hätte. Jahrhunderte der Anbetung haben am Anna-Haupt Spuren hinterlassen.

Nicht immer auf den ersten Blick sichtbare Schäden, aber auch jene, wie die tiefen Risse am gotischen Schleier, die irgendwann zu einem strukturellen Versagen hätten führen können. Wochenlang war das Anna-Haupt, das ein Stück Schädelplatte der Heiligen Anna birgt, für eine umfangreiche Restaurierung nicht mehr im Schrein der Dürener Annakirche. Wenn am 25. Juli zur Eröffnung der diesjährigen Oktav die neun Schlösser des Schreins geöffnet werden und das Reliquiar feierlich erhoben wird, erstrahlt es behutsam restauriert in neuem Glanz. Seit 1501, also seit 525 Jahren, wird die Reliquie, die zuvor im Jahr 1212 von Bethlehem nach Mainz gebracht worden war, in Düren verehrt.

Der Teufel steckt bei vielen Schäden am Anna-Haupt im Detail. (c) Stephan Johnen
Der Teufel steckt bei vielen Schäden am Anna-Haupt im Detail.

„Diese wunderschöne Arbeit hat erhebliche Beanspruchungen erfahren. Sie repräsentiert in ihrem heutigen Zustand, was sie über Jahrhunderte erlebt hat“, sagt Restauratorin Anke Freund. Die ältesten Teile des Anna-Hauptes wie die Einfassung der Reliquie selbst stammen noch aus der Zeit in Mainz und wurden vermutlich im 14. Jahrhundert gefertigt.

Darauf verweisen beispielsweise die idealisierte Darstellung der Heiligen Anna mit jugendlichem Gesicht, aber auch der Schleier um Stirn und Kinn. Der Reifen am unteren Rand der Büste mit rautenförmigen Emailplatten, auf denen Engel dargestellt sind, stammt ebenfalls aus dem 14. Jahrhundert und ist bereits auf den ältesten Dürener Darstellungen des Annahauptes zu erkennen, berichtet Dr. Ulrich Flatten von der Pfarre St. Lukas.

 

Der Sockel der Büste stammt aus dem Jahr 1858/59 und wurde von dem Kölner Goldschmied Werner Hermeling angefertigt; der Annagürtel hingegen, der am unteren Rand des Sockels angebracht ist, wird in das frühe 16. Jahrhundert datiert. Die Krone des Hauptes ist wiederum recht neu und stammt aus dem 19. Jahrhundert. „In den vergangenen Jahrhunderten wurden immer wieder Ergänzungen und Verschönerungen vorgenommen“, sagt Ulrich Flatten.  

Die größte „Baustelle“ war das Schließen der tiefen Risse am Schleier. „Ein sehr heikler Eingriff“, erklärt Restauratorin Anke Freund, da trotz des Einsatzes von niedrigschmelzendem Lot annähernd das halbe Gesicht erhitzt werden musste. Besonders kritisch dabei die Nähe zur Vergoldung im Lockenbereich. Wäre hier etwas schiefgegangen, hätten die Dürener ihre „Mutter Anna“ vielleicht nicht auf Anhieb wiedererkannt. „Doch es verlief alles nach Plan“, meldet Ulrich Flatten eine gelungene Operation. Anke Freund arbeitete dafür mit einem erfahrenen Goldschmied zusammen, der „Lust am Risiko“ hat. Dass in der Vergangenheit sehr viele Lötarbeiten zu mehr oder weniger erfolgreichen Reparaturversuchen stattgefunden haben, erleichterte die Arbeit der heutigen Restauratorin nicht unbedingt. „Die Büste ist eine Jahrhunderte alte Baustelle“, bringt es Anke Freund auf den Punkt.

Erst einmal alles vorsichtig auseinandergebaut

Auch die im 19. Jahrhundert hinzugefügte Krone wurde gerichtet. (c) Stephan Johnen
Auch die im 19. Jahrhundert hinzugefügte Krone wurde gerichtet.

Vor dem Eingriff am offenen Schädel hatte die Diplom-Restauratorin das Reliquiar und alle Ergänzungen vorsichtig auseinandergebaut und die Einzelteile gereinigt. Beschädigungen, wie beispielsweise an der Email-Schrift, bei der Schriftzeichen ausgebrochen waren, wurden instandgesetzt und ausgebessert. Die Schriftzeichen sind mechanisch mit der Büste verbunden, zum Teil noch mit den Original-Schraubverbindungen, zum Teil mit neuzeitlichen Schrauben. Manche Verbindung hatte sich gelockert oder war gebrochen – die Schrift stand schief. „Soweit es sinnvoll war, haben wir alle Beschädigungen repariert“, sagt sie.

Dies sei nicht immer an allen Stellen möglich gewesen, ohne weitere Beschädigungen zu riskieren. Anke Freund: „Für sein Alter ist das Anna-Haupt jetzt wieder in einem sehr guten Zustand.“ Damit dies auch für kommende Generationen so bleibt, wird das Reliquiar künftig nur eingewiesenen Personen anvertraut. „Es gibt eine Einweisung zur Handhabung des Anna-Hauptes – und nach jeder Oktav wird in Zukunft eine Wartung stattfinden“, erklärt Ulrich Flatten.

 

Restauratorin Anna Freund und Ulrich Flatten in der Werkstatt. (c) Stephan Johnen
Restauratorin Anna Freund und Ulrich Flatten in der Werkstatt.

Mit Blick auf die wechselvolle Geschichte der Stadt grenzt es fast an ein kleines Wunder, dass das Anna-Haupt die Jahrhunderte überstanden hat. Nachdem 1506 per päpstlicher Bulle entschieden wurde, dass die Reliquie in Düren bleiben kann, entwickelte sich schnell eine Wallfahrt zur Mutter Anna nach Düren, die durchaus eine europäische Dimension hatte. Zu den frühen Wallfahrern zählte auch Kaiser Karl V., der die Stadt im Jahr 1543 erneut besuchte – oder besser: heimsuchte. Kaiserliche Truppen legten im Rahmen des Geldrischen Erbfolgekrieges große Teile Dürens in Schutt und Asche. Ein erster Tiefpunkt in der Stadtgeschichte, den das Anna-Haupt überstand.

Ebenso wie die vollständige Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg am 16. November 1944. Die Reliquie war zuvor vorausschauend in einer Metallkiste aus dem 16. Jahrhundert in einem der kleinen Seitentürme der Kirche eingemauert worden, das Anna-Haupt überstand die Zerstörung von Stadt und Kirche im Keller des weitgehend zerstörten Gotteshauses, der Schrein erlitt „nur“ schwere Beschädigungen. Die Geschichte, wie Reliquie und Reliquiar in der zerstörten Stadt und der Kirche geborgen und zum Teil unter Lebensgefahr gerettet wurden, sei zu einem späteren Zeitpunkt einmal erzählt. 

Annaoktav: „Follow me“ – der Ruf Jesu ist Einladung und Auftrag zugleich

Seit 1501 pilgern Menschen zur Mutter Anna nach Düren. Das Anna-Haupt ist über Generationen hinweg Zeichen des Trostes, der Hoffnung und des Vertrauens geblieben. 525 Jahre Anna-Reliquie in Düren: „Dieses Jubiläum ist ein starkes Zeichen dafür, dass gelebter Glaube Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet“, sagt Pfarrer Ernst-Joachim Stinkes. Die diesjährige Annaoktav vom 25. Juli bis 2. August steht unter dem Leitwort: „Follow me“. Der Ruf Jesu ist Einladung und Auftrag zugleich. Der Eröffnungsgottesdienst mit Erhebung des Anna-Hauptes wird am Samstag, 25. Juli, um 9 Uhr gefeiert.

Das Anna-Haupt wird am 25. Juli in der Annakirche erhoben. (c) Stephan Johnen
Das Anna-Haupt wird am 25. Juli in der Annakirche erhoben.

Wie kann Nachfolge Christi heute konkret aussehen? Wie gelingt es, im Alltag – in Familie, Beruf und Gesellschaft – aus dem Glauben heraus zu leben? Im Blick auf Mutter Anna und deren Mann Joachim entdeckt man Vorbilder der Geduld und der Vertrauenstreue. Ihr Leben war geprägt vom Hoffen, vom Ausharren und vom tiefen Vertrauen auf Gottes Wirken. Diese Haltungen sollen in der Oktav ins Heute übersetzt werden: in festlichen Gottesdiensten, inspirierenden Vorträgen, persönlichen Begegnungen und im Teilen von Lebensgeschichten.

Ein besonderer Akzent der Jubiläumsoktav ist eine Schuhaktion. Schuhe erzählen von Wegen, die wir gegangen sind – von Aufbrüchen, Umwegen, Neuanfängen. 

Die Gläubigen sind eingeladen, ein Paar Schuhe zur Annakirche in Düren mitzubringen und diese am Stand der Andenken bei den Ehrenamtlichen abzugeben. Die Schuhe stehen symbolisch für Wege, Erfahrungen und Begegnungen, die ein Leben geprägt haben. Während der Oktav werden sie sichtbar präsentiert und laden Besucherinnen und Besucher dazu ein, die vielfältigen Wege des Glaubens in unserer Gemeinschaft kennenzulernen.

Zu jedem Paar kann eine kurze „Schuh-“ oder „Weg-Geschichte“ in den Schuh gesteckt werden: eine Erinnerung an einen wichtigen Lebensabschnitt, an einen besonderen Glaubensweg, an eine Pilgererfahrung oder an einen Moment, in dem man sich begleitet und geführt wusste. Einige dieser Geschichten werden beim Wortgottesdienst am Samstag, 1. August, 19 Uhr, vorgelesen. Die Schlussandacht der Oktav wird am Sonntag, 2. August, um 18 Uhr mit Weihbischof Karl Borsch gefeiert.

Aufgrund ihres hohen Alters kann die Reliquie nicht mehr zu Besuchen in Seniorenheime oder auf die Kirmes mitgenommen werden. Schwester Christina aus dem Marienkloster Niederau hat eine Annabüste für Besuche in Senioren- und Pflegeeinrichtungen als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Zudem gibt es ein großes Bild des Anna-Hauptes.

Das Programm im Netz: https://www.st-lukas.org