Ihre Einsatzjacke liegt noch griffbereit, doch ein Ende ist in Sicht. Ende Juni geht Rita Nagel, katholische Koordinatorin der ökumenisch getragenen Notfallseelsorge Aachen-Stadt und -Land, in den Ruhestand. Verabschiedet wird sie während eines ökumenischen Gottesdienstes am 27. Juni in der Genezareth-Kirche in Aachen.
Seit 2001 war Nagel in der Notfallseelsorge aktiv, seit 2014 als katholische Koordinatorin der Notfallseelsorge. Damit ist sie fast eine Frau der ersten Stunde: Die Notfallseelsorge in der Region gründete sich 1999. „Damals wurde das Pastoralpersonal eingeladen. Doch es passte von der familiären Situation her noch nicht“, erzählt Nagel, die ausgebildete Gemeindereferentin ist. Zwei Jahre später, 2001, passte es dann. „Ich wollte immer Seelsorge machen und nahe beim Menschen sein“, sagt sie über das, was sie an der Notfallseelsorge reizt.
Bevor es in den aktiven Dienst geht, steht eine einjährige Ausbildung auf dem Programm. „Diese war für mich wichtig - das Wissen darum, wie Trauer funktioniert“, sagt Rita Nagel. Die zweite Säule ist ihr Glaube: „Mein Glaube ist etwas, das mich trägt und stützt. Wir bieten erste Hilfe für die Seele an, für Menschen in emotionalen Ausnahmesituationen.“ Nach manchen Einsätzen zündet sie auch schon einmal Kerzen für die Menschen an, die sie während eines Einsatzes begleitet hat.
Und jeder ist anders: „Ich sehe immer zu, dass ich, wenn ich Bereitschaft habe, satt und ausgeschlafen bin. Wenn der Melder angeht, dann geht es los.“ Die Meldungen der Leitstellen von Polizei und Feuerwehr, die die Notfallseelsorge mit dazurufen, geben eine grobe Orientierung. Doch manchmal gestaltet sich die Lage vor Ort anders. Wie im Falle einer Messerstecherei. „Es hieß, es seien Kinder vor Ort“, erinnert sich Rita Nagel. Die Kinder entpuppten sich hinterher als 60, 62 und 65 Jahre alt.
Einsätze, in denen Kinder involviert sind, sind besonders herausfordernd. Rita Nagel war auch im Einsatz, als fünf Kinder im Rursee ertranken. „Das sind Einsätze, die einen auch danach noch beschäftigen. Und jeder erinnert sich an den ersten Einsatz, den vergisst man nicht.“ Bei Rita Nagel war es eine junge Frau, die sich suizidierte.
Kommt sie zum Einsatzort, sind es fast immer Situationen, in denen Menschen plötzlich aus dem Leben gerissen werden oder auch, wie im Fall der Flutkatastrophe 2021, binnen weniger Sekunden vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Rita Nagel war im Einsatzstab in Simmerath: „Das Leid der Menschen war groß.“
In der Regel betritt sie eine Szenerie, in der verschiedene Gruppen vor Ort sind: Polizei, Feuerwehr, Notfallmedizin, für Angehörige oder Beteiligte an einem Unfall eine heraus- und überfordernde Situation. In dieser Situation macht Rita Nagel als Notfallseelsorgerin ein Angebot, über das, was passiert ist, zu sprechen. „Ich signalisiere, ich bin da.“ Oft ist das seelsorgerische Gespräch der erste Moment, in dem es möglich ist, zur Ruhe zu kommen in der Hektik des Geschehens. Manchmal geht Rita Nagel mit den Menschen auch ein Stück, manchmal ergibt sich aus dem Gespräch heraus eine Situation, in der die Betroffenen ihre Hand ergreifen - auch das gehört dazu: Halt geben, ganz unmittelbar.
Viele Utensilien braucht Rita Nagel für ihre Einsätze nicht. „Wir haben ein kleines Begleitbuch dabei, Kerzen und für Kinder einen Teddybären mit der Weste der Notfallseelsorge.“
Nur zweimal hat sie erlebt, dass Menschen ihr Gesprächsangebot nicht angenommen haben. „Meistens ist das Bedürfnis dazu sehr groß. Auch, wenn Menschen in einem Zustand sind, den sie nicht so gerne nach außen zeigen wollen.“
Es ist ihr anzumerken, wie sehr sich Rita Nagel noch immer für die Notfallseelsorge begeistert. „Ich hatte nie das Gefühl, dass ich das nicht mehr machen möchte. Es ist eine schöne Aufgabe, es ist anspruchsvoll und es ist mitunter auch anstrengend. Ich habe das lange und gerne gemacht. Jetzt bin ich aber auch froh, dass es einen Nachfolger gibt und dass es ein gutes Übergeben ist. Ich kann beruhigt in den Ruhestand gehen in dem Wissen, dass es weitergeht.“ Ihr Nachfolger, Thilo Esser, hat Ende Januar seinen Dienst als katholischer Koordinator in der Notfallseelsorge begonnen. Rita Nagel arbeitet ihn ein.
Als Koordinatorin gehörten die Organisation der Dienste und die Ausbildung zu ihren Aufgaben. Fast alle der aktuell 65 Seelsorgerinnen und Seelsorger, die in der Städteregion Aachen im Einsatz sind, hat sie mit ausgebildet.
Was braucht es, um Notfallseelsorgerin oder Notfallseelsorger zu sein? „Empathie, Kommunikationsfähigkeit, zuhören können, auch schweigen können, Teamfähigkeit, die Bereitschaft zu 24-Stunden-Einsätzen, einen PC und einen Führerschein“, zählt Rita Nagel auf. „Und Menschenliebe. Ohne geht es nicht.“
Ein neuer Ausbildungskurs startet zum Januar 2027, die Vorgespräche starten im Juni. Es wird der erste Kurs sein, in dem Rita Nagel nicht mehr verantwortlich die Ausbildung koordiniert. Sie selbst arbeitet sich langsam heraus, erzählt sie. Auch Bereitschaftsdienste übernimmt sie nicht mehr.
Es wird für Rita Nagel in jedem Fall ein bewegender Abschied werden, am 27. Juni in der Genezarethkirche. Doch, auch das ist so, man geht niemals so ganz, auch Rita Nagel nicht: „Ich bin auch Referentin für Präventionsarbeit. Das werde ich noch eine Zeit lang weitermachen.“
Weitere Informationen gibt es unter www.notfallseelsorge-aachen.de