Mensch im Mittelpunkt

Rolf-Leonhard Haugrund tritt als Vorstand der Katholischen Stiftung Marienhospital ab

Haugrund Nachricht (c) Kathrin Albrecht (c) Kathrin Albrecht
Haugrund Nachricht (c) Kathrin Albrecht
Datum:
27. Juli 2016
Über 40 Jahre prägte und gestaltete RolfLeonhard Haugrund die Aachener Krankenhaus- und Soziallandschaft mit. Zuerst als Assistent des Verwaltungsdirektors, später als Vorstand der Katholischen Stiftung Marienhospital.
Haugrund Quadratisch (c) Kathrin Albrecht (c) Kathrin Albrecht
Haugrund Quadratisch (c) Kathrin Albrecht

Unter seiner Ägide etablierte sich das Marienhospital Aachen als umfassendes Gesundheitszentrum. Ende August übergibt er die Geschäfte an seinen Nachfolger Benjamin Michael Koch. 

Herr Haugrund, Sie haben 1976 als Assistent des damaligen Verwaltungsdirektors am Marienhospital begonnen. Hätten Sie gedacht, dass Sie 40 Jahre dort bleiben?
Nein, schon deswegen nicht, weil die Stelle befristet war. Der damalige Verwaltungsdirektor suchte einen Menschen, der ähnlich strukturiert war, wie er selbst. Ich bin von dem damaligen Leiter in der Personalabteilung des Kreises Aachen empfohlen worden. Er gab mir zu verstehen, dass ich mich besser an diesem Ort einbringen könne, als im öffentlichen Dienst jahrelang auf meine Beförderung zu warten. Also habe ich meine voraussichtliche Anstellung auf Lebenszeit in der Kreisverwaltung aufgegeben. Ein mulmiges Gefühl hatte ich dabei schon. Im Rückblick war die Entscheidung richtig. 

Was haben Sie vorgefunden, als Sie mit der Arbeit anfingen?
Vorgefunden habe ich ein Haus, das sich Anfang der 70er Jahre in großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten befand und in der vierten Liga spielte. In der Planung des Landes NRW war das Haus schon nicht mehr vorgesehen, außerdem waren in Aachen Ende der 60er das Franziskushospital, das Lusienhospital und das Krankenhaus Würselen neu gebaut worden. Das Uniklinikum mit 1500 Betten war in Planung. Im Marienhospital Aachen waren viele Mitarbeiter noch geprägt von der Zeit, in der die Franziskanerinnen das Haus geleitet hatten. Bis Mitte der 1980er Jahre ist es gelungen, aus dem Marienhospital das servicefreundlichste Krankenhaus des Landes NRW zu machen mit eigener Küche, Bäckerei, Radio- und Fernsehsender. Außerdem war es das Krankenhaus mit der geringsten Verweildauer. Aus dieser Zeit stammt auch die Hausphilosophie, die bis heute gilt: Den Menschen in seiner Ganzheit zu sehen und in den Mittelpunkt unserer Arbeit zu stellen.

Das Haus hat seit Ende der 80er stark expandiert,seit 1995 sind Sie Geschäftsführer und in Folge Vorstand der Stifung. Was haben Sie erreicht?
Ich glaube, es ist mir gelungen, den Charme der 70er Jahre endgültig aus dem Haus herausgebracht zu haben. Außerdem haben wir die Zusatzangebote in der Gesundheitsvorsorge, der Reha und der Pflege ausgebaut. Wir haben das Zentrum für Gesundheitsförderung gegründet. Jährlich haben wir 1300 Kurse im Angebot, in denen wir rund 20000 Menschen präventiv betreuen. Der Bereich stationäre Pflege kam 1999 durch die Übernahme des Seniorenzentrums St. Severein in Eilendorf dazu. Außerdem bieten wir mit dem Servicezentrum Häusliche Pflege (SHP) auch die ambulante Versorgung an. Das Pilotkonzept stammt noch von meinem Vorgänger. Der RehaBereich kam 2001 mit der Übernahme der Rehaklinik „An der Rosenquelle“ hinzu, die vor dem Aus stand. So haben wir inzwischen mit unseren Angeboten von der Vorbereitung auf eine natürliche Geburt bis hin zur Begleitung auf dem letzten Weg durch den Ausbau der Palliativversorgung die Betreuung der Menschen in ihrem gesamten Lebenskreislauf in der Stiftung abgebildet. Damit sind wir Vorreiter und ich hoffe, dass wir das auch bleiben. Stolz bin ich auch darauf, dass wir am Marienhospital unser europäisch anerkanntes Brustkrebszentrum gegen alle Widerstände beim Land NRW durchgesetzt haben.

Der Konkurrenzdruck ist im Krankenhaussektor hoch. Wie bewahrt man ein katholisches Profil, ohne ständig auf die Zahlen zu schauen?
Für eine katholische Stiftung ist nicht die Gewinnmaximierung, sondern die Vermögenssicherung das Ziel aller Bemühungen. Die Ökonomisierung ist dabei nicht das Entscheidende. Den Wettbewerbsdruck habe ich immer als Chance verstanden: Ohne ihn gäbe es keine Entwicklung in der medizinischen, der medizintechnischen und in der Hotel-Leistung der Krankenhäuser. Alle Häuser in der Region sind hervorragend aufgestellt. Aber es muss in christlich-caritativ geführten Krankenhäusern eine Balance zwischen Vermögenssicherung und caritativem Leitbild geben. 

Was macht für Sie ein katholisches oder christliches Leitbild aus?
Dass wir uns um die Seele des Menschen kümmern. In der Einheit von Körper, Geist und Seele erscheint mir die Seele als das wichtigste. Das versuchen wir, zu bewahren. Dazu ist es gut, dass wir Ordensschwestern im Haus haben, es ist gut, dass wir eine Ethikabteilung etabliert haben und es ist gut, dass wir nach christlichen Werten leben. Wenn es unseren Mitarbeitern gelingt, den Menschen in den Mittelpunkt ihres Handelns zu rücken, dann sind sie gute Nachfolger Christi.

Sie haben 40 Jahre Berufserfahrung im Gesundheitssektor. Wie schätzen Sie die Entwicklungen in der Gesundheitspolitik ein?
Ich erlebe zurzeit die vierte Gesundheitsreform in der Geschichte der Bundesrepublik. Es scheint so, als seien wir dabei, ein gut funktionierendes System wieder kaputtzumachen. Vor allem die Reform der damaligen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt hatte für die Krankenhäuser Verbesserungen gebracht, weil sie das Leistungsprinzip eingeführt hatte. Die aktuellen Reformen nehmen davon wieder vieles zurück und bestrafen Krankenhäuser, wenn sie wegen der medizinischen Kompetenz von Patienten stark nachgefragt werden. Das erhöht den Druck auf die Mitarbeiter. Im Allgemeinen habe ich das Gefühl, wir gehen zurück zu einer Gesundheitspolitik der 70er Jahre, die wieder mit Kostendeckelung für die Häuser arbeitet. Mit Blick darauf, dass zunehmend private Investoren Krankenhäuser übernehmen, würde ich mir wünschen, dass insgesamt auch soziale Maßstäbe nicht aus den Augen verloren werden.

Am 22. Juni haben Sie den Staffelstab an Ihren Nachfolger Benjamin Michael Koch übergeben. Was geben Sie ihm mit auf den Weg?
Es ist nicht an mir, gute Ratschläge zu erteilen. Als junger Mensch hat man viele Ideen und das Recht, Fehler zu machen. Das ist mir auch passiert.


Das Gespräch führte Kathrin Albrecht.