Mehr als Schokolade

„Wenn ich den religiösen Kern verdränge, läuft aus meiner Sicht etwas schief.“

„Eltern rate ich:  Macht Ostern zu eurem  eigenen Fest. Entscheidet bewusst, was ihr vermitteln wollt
„Eltern rate ich: Macht Ostern zu eurem eigenen Fest. Entscheidet bewusst, was ihr vermitteln wollt", sagt der Osterhase im Interview.
Datum:
24. März 2026
Von:
Aus der Kirchenzeitung, Ausgabe 07/2026

Kurz vor Ostern ist es stressig für ihn. Umso mehr freut es uns, dass der Osterhase einem Interview zugestimmt hat. Im Gespräch mit Stephan Johnen räumt er damit auf, dass er eigentlich aus alten Schokoladenweihnachtsmännern besteht und hält uns Menschen den Spiegel vor.  

Lieber Osterhase, Sie sind jedes Jahr überall präsent – in der Werbung, in Supermärkten und in Kinderzimmern. Sind Sie eigentlich noch Teil einer Tradition oder nur ein Marketingprodukt aus der Kommerz-Hölle?

Osterhase: (seufzt, nippt am Eierlikör) Diese Kritik höre ich nicht zum ersten Mal. Es gab Zeiten, da war ich ein Symbol für Fruchtbarkeit, neues Leben und den Frühling. Heute werde ich wirklich ganz oft mit Schokolade und Geschenken in Verbindung gebracht. Ich kann nicht leugnen, dass der kommerzielle Aspekt stark zugenommen hat.

 

Viele Eltern berichten uns, dass Kinder an Ostern ähnliche Erwartungen haben wie in der Weihnachtszeit – Geschenke, Konsumgüter, ausgefallene Überraschungen. Tragen Sie eine Mitschuld daran?

Osterhase: Ich verstecke Eier, keine Spielkonsolen. Das möchte ich an dieser Stelle einmal klarstellen. Ein kleines Geschenk kann Freude machen. Aber wenn Ostern zu einem Wettbewerb wird, droht wie an Weihnachten der eigentliche Gedanke verloren zu gehen. Leider haben die Menschen meine Rolle über die Jahre ausgeweitet. Der Druck kommt meistens von außen: Werbung, soziale Medien, diese ewigen Vergleiche untereinander, die zu nichts führen außer zu Enttäuschung oder sogar Neid und Missgunst. Ich fühle mich an schlechten Tagen nicht mehr als Symbol neuen Lebens. Andere nutzen mich für ihre Zwecke, gießen mich in eine neue Form.


Spielen Sie auf den Mythos an, dass aus alten Schokoladenweihnachtsmännern Osterhasen werden?

Osterhase: Das ist Quatsch. Und aus gutem Grund verboten. Wenn die Menschen schon wegen mir Bauchschmerzen bekommen, dann weil sie einfach zu viel Süßes gegessen haben. Es gibt keine alte Schokolade in neuer Folie. Keiner hat Lust auf eine Rückrufaktion nach Ostern. Und die Hasen hoppeln doch schon vom Band, während die Weihnachtsmänner noch gekaut werden. 


Apropos schlechte Nachrichten: Geht Ihnen eigentlich der steigende Schokoladenpreis auf die Eier?

Osterhase: Wer reduziert mich denn jetzt auf Süßes? Aber ich beantworte Ihre unprofessionelle Frage dennoch, weil wir alle mal über einen Umstand nachdenken sollten: Wo kommen denn die Kakaobohnen her, aus der die Schokolade gemacht wird? Wie nachhaltig ist unser Ressourcenhunger so? Wer muss weltweit dafür zahlen, damit wir hier im Überfluss „Hauptsache billig“ einkaufen können – um schlimmstenfalls das Meiste wieder wegzuwerfen? Kakao, Kaffee, Weintrauben aus Indien, Erdbeeren im Dezember – ich bin nur ein Absolvent der Häschenschule und habe keine Ahnung von Marktwirtschaft, aber ich würde meine Löffel drauf verwetten, dass nur wenige Produzenten wirklich faire Preise für ihre Produkte erhalten. Unsere Verantwortung für die Schöpfung und den Zusammenhalt der Gesellschaft endet nicht an der Türschwelle des Supermarktes. Weniger ist mehr. 


Wissen Sie, worum es Ostern geht?

Osterhase: Was glauben Sie denn? Ostern ist das höchste Fest im Christentum und feiert die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Es symbolisiert den Sieg des Lebens über den Tod, Hoffnung und den Neuanfang. 


Stört es Sie nicht, dass Ihre Rolle dazu beiträgt, den religiösen Hintergrund von Ostern immer mehr zu marginalisieren?

Osterhase: Der Einwand ist berechtigt. Ich selbst bin aber nur ein kulturelles Symbol, kann mich nicht selbst deuten. Das machen die Menschen. Wenn ich den religiösen Kern des Osterfestes verdränge, läuft aus meiner Sicht etwas schief. Aber ich bin nicht dafür gemacht, Glauben zu ersetzen. Das liegt in der Verantwortung der Menschen selbst.


Kinder verbinden Ostern oft zuerst mit Ihnen. Ist das nicht problematisch?

Osterhase: Es kann problematisch sein, wenn die Balance verloren geht. Traditionen entwickeln sich – aber sie sollten nicht ihre Wurzeln kappen. Sehen wir es doch positiv: Als Osterhase bin ich bekannt und könnte als Einstieg dienen, wenn wir über Freude und Gemeinschaft reden. Vielleicht schließt dann ein Gespräch darüber an, was Ostern den Christen bedeutet.


Haben Sie ein schlechtes Gewissen?

Osterhase: Ich habe eine private Meinung zum Thema Konsum und vermutlich schon zu viel gesagt. Beruflich bin ich als Osterhase nicht nur Sympathieträger, sondern auch Werbefigur mehrerer Branchen. In meinen Verträgen gibt es keinen Passus zu „schlechtem Gewissen“, wohl aber zu Verschwiegenheit. Daher wähle ich folgende Formulierung: Ich sehe auch Familien, die eine schöne Zeit verbringen, Eier färben, sie draußen suchen und Spaß haben. Diesen Teil repräsentiere ich am liebsten – ganz ohne schlechtes Gewissen.


Wenn Sie etwas ändern könnten – was wäre das?

Osterhase: Weniger Druck, weniger Konsum, mehr Einfachheit, mehr gemeinsame Momente. Religiöse Menschen sollten ihren Glauben bewusst einbinden – und nicht durch mich ersetzen. Eltern rate ich: Macht Ostern zu eurem eigenen Fest. Entscheidet bewusst, was ihr vermitteln wollt. Ich kann ein Teil davon sein, aber ich sollte nicht das Zentrum sein.